Archiv der Kategorie: Anstiftertexte

Anstiftertexte sind Texte von Anstiftern und Anstifterinnen für Anstifter und Anstifterinnen. Wenn Sie schreiben, schreiben Sie „mit“ uns. Mit dem einen oder anderen Text erreichen Sie so eine Leserschaft, die Ihr Text auf Ihrer Website möglicherweise nicht erreicht. Wenn Sie etwas zu sagen haben, sagen Sie es laut.

Nicht wählen gehen – keine gute Entscheidung

Haben Sie Vertrauen in die Parteien? Am 24. September haben wir jedenfalls mal wieder Gelegenheit, unsere Stimmungslage mit zwei Kreuzchen zu Papier zu bringen. Aber es gibt nicht wenige Bürgerinnen und Bürger, die meinen, dass das doch alles nichts bringt, dass man den Politiker*innen eh nicht trauen kann – und man deshalb am besten zu Hause bleibt, um auf diese Weise wenigstens seine Verachtung zu zeigen. Diese Haltung kann man menschlich verstehen, aber die Konsequenz daraus, Wahlverzicht zu üben, bewirkt genau das Gegenteil von dem, was man eigentlich erreichen möchte – vereinfacht gesagt: die nicht abgegebene Stimme schlägt sich auf dem Konto gerade jener Parteien nieder, die man bestrafen möchte.
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Warum wählen Menschen rechts?

Nicht nur in Deutschland, in ganz Europa gibt es einen starken Trend nach rechts. Hierzulande steht in erster Linie die AfD im Blickfeld. Wer allerdings nur auf diese politische Gruppierung schaut, der übersieht viel. Der Rechtsschwenk ist umfassender und schlägt sich nicht nur in Fremdenfeindlichkeit, sondern beispielsweise in der Vermarktung nahezu aller Lebens- und Politikbereiche nieder. Vor diesem Hintergrund ist die von der Hans-Böckler-Stiftung vorgelegte Untersuchung „Spurensuche nach Gründen für rechtspopulistische Orientierung“ interessant. Auch wenn sie sich auf die AfD konzentriert, so gräbt sie aber doch nach den Ursachen. Und diese gehen in ihrer Bedeutung über die Frage nach der Wahlentscheidung hinaus. mehr…

Dr. Annette Ohme-Reinicke
Rede zum Neujahrsempfang der AnStifter am 5.1.2017

In die Hände spucken für ein Wunder-volles Jahr

Hallo und willkommen im neuen Jahr!

Das Jahr 2017 ist selbstverständlich eine Erfindung.

Lebten wir in Nepal, hätten wir jetzt das Jahr 2073, das neue Jahr beginnt dort erst im April. Im Iran zählen sie gerade das Jahr 1395.

Und in Taiwan beginnt jetzt das Jahr 105, wegen der Gründung der Republik China 1912. Hätten wir noch die Zählung der ersten Republik der Weltgeschichte, dann wären wir jetzt weiter, nämlich im Jahr 2770. Die Gründung der Stadt, „ab urbe condita“, diente der römischen Republik als Beginn ihrer Zeitrechnung. Vielleicht könnte man das ja in der ein oder anderen Weise mit der Forderung nach „Recht auf Stadt“ zusammenbringen. Und mancher ernst zu nehmende Philosoph meint ja, es sei durchaus zweifelhaft, ob das römische Imperium überhaupt untergegangen ist.

Im Jahr 368 befänden wir uns, wenn wir die Zeitrechnung der Französischen Revolution, den republikanischen Kalender, beibehalten hätten. Von 1792 bis 1805 zählte man das Jahr I der Freiheit, dann das Jahr II der Freiheit, das nächste als ein Jahr der Gleichheit und so weiter. Dummerweise hatten die Revolutionäre eine 10-Tage-Woche eingeführt. Es gab also nur alle 10 Tage einen Feiertag und das fanden die Leute nicht so gut.

Hätte sich der „ewige sowjetische Revolutionskalender“ durchgesetzt, dann wären wir jetzt im Jahr 98. Aber auch diese Zeitrechnung kam nicht gut an. Denn in Russland wurde mit dem neuen Kalender der allgemeine Wochenrhythmus aufgelöst und der Alltag der Menschen an die Industrieproduktion angepasst. Als viele Leute am Sonntag – den es offiziell gar nicht mehr gab – nicht mehr zur Arbeit kamen, wurde die Zeitrechnung 1940 wieder abgeschafft.

Besonders weitsichtig, was die Berechnung von Zeit angeht, waren die Maya-Indianer. Ihre Zählung ging von 3114 v. C. bis mindestens 4772 n. C. Genauere Auskünfte sind leider verlorengegangen. Denn die christlichen Eroberer aus Europa waren religiöse Fundamentalisten. Sie massakrierten nicht nur die Ureinwohner Lateinamerikas, sondern zerstörten – gleich islamistischer Terroristen – auch die kulturelle Stätten und Erfindungen der Mayas, wie etwa deren Kalendersysteme.

Glücklicherweise wurde auch in Stuttgart eine neue Zeitrechnung erfunden. Allerdings können wir damit kein neues Jahr anfangen, sondern wir müssten in Wochen feiern: Gerade befinden wir uns in der 335. Aktionswoche gegen „Stuttgart 21“.

Wann Jesus von Nazareth geboren wurde steht übrigens nicht so genau fest. Klar ist nur: Es war nicht vor 2017 Jahren, sondern vermutlich vor 2021 Jahren. Wir sind also mit unserer Zählerei verordneter Maßen irgendwie immer zu spät.

Wie dem auch sei: Grundsätzlich ist es gut und richtig, davon überzeugt zu sein, dass etwas Neues bevorsteht, zum Beispiel ein neues Jahr. Denn das Neue grenzt sich vom Alten ab und darin steckt die Erwartung und vielleicht auch die Erfahrung der Möglichkeit, dass es besser werden kann. Warum sonst sollten wir das Neue begrüßen?

Und was zeitrechnerisch ganz klar ist: Wir befinden uns im Jahr 28. Im Jahr 28 der AnStifter. Denn die wurden 1989 gegründet, das steht fest. Was für eine großartige Orientierungshilfe!

Wenn man sich anschaut, was sich in diesem guten viertel Jahrhundert verändert hat, kann man nur sagen: Gut, dass es Initiativen wie die Anstifter gibt, wer weiß, was sonst noch alles passiert wäre.

Selbstverständlich stellt sich die Frage: Was haben wir von diesem neuen Jahr zu erwarten und was dürfen wir hoffen?

Ziemlich sicher ist: Es wird gewählt werden. Die Bundestagswahl im September wird wahrscheinlich – wieder einmal – die Frage nach dem geringsten Übel stellen. Es ist zu befürchten, dass wieder einmal der Streit für Mehrheiten als wichtiger erklärt wird, als eine Auseinandersetzung um die Wahrheit. Gerade in solchen Zeiten braucht es ein Anstiften zum Selber-Denken.

Wahrscheinlich wird auch im kommenden Jahr der Abstand zwischen Arm und Reich noch größer werden. Immerhin gibt es inzwischen Experimente mit dem Grundeinkommen, etwa in Finnland oder Kanada. Solche Versuche sind wichtig, denn sie wirken auch gegen diffuse Furcht und Angst, die heute um sich greifen. Hass auf Unbekanntes, Misstrauen und Gewalt, gedeihen dann am besten, wenn die Angst vor der Zukunft wächst. Wenn etwa die Frage, ob man über die Runden kommt, ob es die Kinder schaffen, ein besseres Leben zu führen, ob man diese oder jene Leistung bringen kann, ob der Arbeitsvertrag verlängert wird, ob die Miete noch mehr steigt oder die Rente weiter gekürzt wird, wenn diese Fragen plötzlich das sind, worum sich das Leben dreht, dann entsteht diffuse Angst, manchmal Panik.

Denn dann wird man zum Zuschauer des eigenen Lebens und hat das Gefühl, sich selber hinterher zu rennen. Und jeder kennt wohl die Erfahrung, dass man als Zuschauer einer bedrohlichen Situation oft mehr Ohnmacht und Angst erlebt, als derjenige, der in irgendeiner Weise selbst am Geschehen teilnimmt und handeln kann. Sei es auch noch so brenzlig.

Der passive Zuschauer dagegen, auch der Zuschauer des eigenen Lebens, bleibt stets irgendwie im Dunkeln. Man sieht ihn nicht, er ist nicht öffentlich, er ist arm dran.

Der arme Mensch, so schreibt John Adams: „…tappt im Dunkeln. Die Menschen achten seiner nicht. Unbemerkt wandert und irrt er umher. Inmitten einer Menschenmenge, in der Kirche, auf dem Marktplatz … ist es so dunkel um ihn, als wäre er in einem Dachstübchen oder im Keller. Niemand missbilligt ihn, tadelt ihn oder macht ihm Vorwürfe; er wird bloß nicht gesehen … Einfach übersehen zu werden und sich dessen bewusst zu sein, ist unerträglich.“

Armut liegt nicht nur in materieller Not, sondern auch in der Dunkelheit des Nicht-Gesehen-Werdens, des Nicht-Teil-der-Öffentlichkeit-Seins, meint Hannah Arendt.

Aber wer wird sich der Aufgabe annehmen, gesellschaftliche Ausgrenzung, Hierarchien und soziale Ungerechtigkeit ins Licht der Öffentlichkeit zu holen, zu handeln und zum Handeln anzustiften? Eine Arbeiterbewegung, eine Bürgerbewegung, eine Studenten- oder Frauenbewegung, die Anstifter?

Der Philosoph Slavoj Zizek zitiert dazu einen bekannten Spruch der Hopi-Indianer: „Wir sind diejenigen, auf die wir gewartet haben.“

In diesem Sinn: Ein Wunder-volles neues Jahr!

*) Rede zum Neujahrsemfang der AnStifter am 5.1.2017 um 17 Uhr im Willi-Bleicher-Haus Stuttgart (DGB-Haus). Dr. Annette Ohme-Reinicke ist Philosophin und (die neue) Vorsitzende des Bürgerprojekts Die AnStifter (www.die-anstifter.de)

Stuttgarter FriedensGala
Das letzte Wort von Peter Grohmann

Peter Grohmann währen seiner Rede
Foto: Timo Kabel

Mit Blick auf die Kriege, auf Hunger und Not, auf Flüchlinge und Fluchtursachen sagt der heute 91-jährige Soziologe Zygmunt Baumann: „Es gibt keinen anderen Ausweg aus der Krise, in der sich die Menschheit befindet, als die Solidarität.“

Diesem Satz fühlen wir uns verpflichtet, wie auch der FriedensPreis und die Arbeit der AnStifter ganz praktisch unsere Idee beschreibt, unsere Arbeitsbasis. Von Alternativlosigkeit können nur jene reden, die schon aufgehört haben, zu leben.

Für die Verwirklichung und den Schutz der Menschenrechte zu streiten, für Gerechtigkeit also, für Solidarität und Frieden, das nannte Hannah Arendt das Recht, Rechte zu haben.
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Stuttgarter FriedensGala
Laudatio auf Jürgen Grässlin von Ute Scheub

Dr. Ute Scheub bei ihrer Laudatio
Foto: Joachim E. Röttgers

Lieber Jürgen Grässlin, verehrtes Publikum,

es ist mir eine Ehre und Freude, am heutigen Internationalen Tag der Menschenrechte die Laudatio auf Jürgen Grässlin halten zu dürfen. Nicht nur der Preisträger, zu dem ich gleich komme, auch der Preisverleiher ist etwas sehr Besonderes. Die umtriebigen AnStifter bringen mich Berlinerin zum Staunen mit ihrem Ausmaß an ehrenamtlich geleisteter Veröffentlichungs-, Veranstaltungs- und Bildungsarbeit. Das erscheint mir mehr, als die dicken fetten parteinahen Stiftungen mit ihren gutbezahlten Angestellten in der Hauptstadt hinkriegen. Hinzu kommt das einmalige Modell, dass jeder Mitstifter und jede Spenderin graswurzelig-basisdemokratisch mitabstimmen darf, an wen der Stuttgarter Friedenspreis verliehen werden soll. Dieser geht seit 2003 an Menschen und Projekte, die sich in besonderer Weise für Frieden, Gerechtigkeit und Solidarität engagieren. mehr…

Der AnStifter-Stuhl mit 3 Beinen

Eigensinn und Zivilcourage:
Das monumentale Werk in Holz „Broken Chair“ symbolisiert den Kampf gegen Landminen, in den auch „Die AnStifter“ involviert sind. Auf der Place des Nations gegenüber der UNO wird es nur auf drei Beinen basiert. Die NGO „Handicap International“ erinnert mit diesem Werk daran, dass die Landminen täglich viele Opfer fordern – und unser Einsatz weitergehen muss.

http://www.mycityhighlight.com/highlight/4146

Neue Nachricht von der Trägerin des Stuttgarter FriedensPreises Fatuma Abdulkadir

Am 1. März ist bei Ebbe Kögel folgende Nachricht der Trägerin des Stuttgarter FriedensPreises 2011, Fatuma Abdulkadir, eingegangen:

Dear Ebbe,

Receive greetings from sunny Kenya. I wanted to take this opportunity to say a big thank you to you in particular and to all those who contributed to the award. We have grown immensely since then and we were recently awarded the Beyond Sports Award in London UK. This was followed with a recognition in the national TV under the Strength of A woman….The Acacia tree of Peace.

Lieber Ebbe,

hier kommen Grüße aus dem sonnigen Kenia. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um insbesondere dir und allen, die für den Preis verantwortlich sind, ein großes Dankeschön zu sagen. Wir sind seitdem immens gewachsen und wir sind vor kurzem mit dem „Beyond Sports Award“ in London ausgezeichnet worden, gefolgt von der Anerkennung im nationalen Fernsehen unter dem Titel „Die Stärke einer Frau… der Akazien-Baum des Friedens“.

Zur Erinnerung: Fatuma Abdulkadir setzt sich seit vielen Jahren für die Verständigung zwischen den verfeindeten Volksstämmen in Kenia ein und trainiert mit Jungen und Mädchen Fußball. Sie möchte benachteiligten Kindern und Jugendlichen die Chance geben, anders zu leben und den Teufelskreis aus Gewalt und Rache zu durchbrechen- mit den Mitteln des Sports.

Hier die Links zu den Fernsehberichten über die Arbeit von Fatuma Abdulkadir: https://www.youtube.com/watch?v=1BhSXp-KAMY

https://hodiafrica.org/fatuma-abdulkadir-adan-the-story-of-hodis-founder/#.VtV8jvl95D8

Die 2011 zur Pressekonferenz für den Stuttgarter FriedensPreis ebenfalls anwesende Aktivistin für die Rechte der Kinder und Jugendlichen in ihrem Heimatland Kenia und Freundin Fatumas, Dr. Auma Obama, ist am 11. März anlässlich einer Benefizgala wieder in Stuttgart zu Gast. http://www.sautikuufoundation.org/sautikuufoundation.org/index.html

Giusi Nicolini, die „Löwin von Lampedusa“ erhält den Simone de Beauvoir Preis 2016

Nach dem Stuttgarter Friedenspreis der AnStifter im November 2015 erhielt Giusi Nicolini, die Bürgermeisterin der Mittelmeerinsel Lampedusa, am 14. Januar 2016 in Paris den mit 15.000 Euro dotierten Simon de Beauvoir Preis 2016. Er wird jedes Jahr am Geburtstag der bekannten französischen Philosophin für Fortschritte im Kampf für die Rechte der Frauen verliehen.

In ihrer Dankesrede sparte die „Löwin von Lampedusa“, wie sie in der Presseverlautbarung genannt wird, nicht mit harscher Kritik an der gegenwärtigen Flüchtlingspolitik der EU. Während die PolitikerInnen an den Särgen der 366 Ertrunkenen des Bootsunglückes vor Lampedusa vom 3.10.2013 geschworen hatten, dass niemand mehr im Mittelmeer ertrinken solle, bewirkt die Scheinheiligkeit der Politik und die Einstellung des humanitären Programms „Mare Nostrum“, dass weiterhin Hunderte die gefährliche Überfahrt über das Mittelmeer nicht überleben.

Das Publikum bedankte sich mit stehenden Ovationen für ihre Rede.

Das Preisgeld wird für den Aufbau eines Zentrums für die Betreuung traumatisierter Frauen verwendet werden.

Weitere Infos auf der Webseite – Université Paris Diderot-Paris 7 (leider nur in Französisch). Vielen Dank an Heidrun Friese für den Hinweis auf die Preisvergabe.

-ebbe-

Staufermedaille für AnStifter

Mit der vom Ministerpräsidenten verliehenen Staufermedaille würdigt das Land Baden-Württemberg herausragende Leistungen, die insbesondere im politischen, sozialen und kulturellen Bereich dem Wohl der Allgemeinheit dienen. Ausgezeichnet wurden dieser Tage Gudrun und Werner Schretzmeier und Peter Grohmann. Wir gratulieren zur höchsten Auszeichnung des Landes an die drei AnStifter und Theaterhausgründer.

Der Autor, Kabarettist und Publizist Peter Grohmann ist Gründer der AnStifter. Er habe sich um die politische Kultur, die Integration und das interkulturelle Verständnis verdient gemacht, so Staatssekretär Jürgen Walter. „Den vielfältigen Aktivitäten Peter Grohmanns ist der Einsatz gegen Rassismus, Geschichtsvergessenheit und Intoleranz gemeinsam. Damit macht er sich zu einem Sprachrohr für diejenigen, deren Stimmen sonst untergehen würden.“ Die Gründung des Club Voltaire und der Aufbau des Sozialistischen Zentrums seien hierbei wichtige Stationen gewesen. Für die AnStifter habe er im Jahr 2000 die Stiftung Stuttgarter Friedenspreis ins Leben gerufen, die seit mehr als zehn Jahren Menschen und Projekte, die sich für eine solidarische und friedliche Welt engagieren, auszeichnet. „Wir brauchen Menschen wie Peter Grohmann, die sich einmischen und in den öffentlichen Diskurs einbringen“, so der Staatssekretär. Er freue sich Woche für Woche über Grohmanns „Wettern“ in Kontext.