Blut am Stecken

„Euch wird noch Hören und Sehen vergehen“, weissagte kürzlich Donald Trump, natürlich auf englisch. Er will auch als Präsident unberechenbar wie eine Blackbox bleiben: Niemand weiß, was drin ist. Das ist wie bei der NPD, wo die Blackbox eine Braunbox ist. Halt, nicht klatschen! Die Hälfte der NPD-Funktionäre steht ja im Sold unseres Verfassungsschutzes, weissage ich jetzt mal. Deshalb kann man auch keine Butter bei die Fische geben, wo es um ein Verbot der NPD geht. Warum? Weil der Staat da gegen sich selbst aussagen müsste.

Wenn’s gut geht mit unserer Verfassung und ihrem Schutz, steht so manchen staatlichen Behörden und Würdenträgern nun weiteres Ungemach bevor – auch wenn sie noch so skandalfest sind. Zwar kann der Weihnachtsmarkt-Attentäter Anis Amri nicht mehr aussagen, aber offenbar haben diverse staatliche Behörden eine Menge Blut am Stecken. Das erinnert nicht nur ans Oktoberfest-Attentat 1980, sondern auch an die Grau- und Braunschleier bei den Morden des NSU. Das vorläufige Bild um Fall Amri: Der landete deshalb nicht im Knast, weil ihn der Verfassungsschutz noch brauchte: Abschöpfen. Daher konnte er – erkannt und ungestraft – mit Drogen dealen, Sozialämter betrügen, mit Anschlagideen prahlen und sich im Waffenhandel kundig machen. Man brauchte den Mann noch – die konkreten Warnungen aus Nordafrika an BKA und BND fielen unter den Tisch. Zu fragen ist: Wie haben Sicherheitsbehörden, Verfassungsschutz, Staatsanwaltschaften und Justiz reagiert? Und für alle Fälle: Welche politischen Konsequenzen für eine rechtsstaatliche Demokratie, für die Bürgerrechte hat das alles?

Vor ein paar Tagen marschierten 150 komplett vermummte Nazis unbehelligt durch die Innenstadt von Cottbus. Natürlich wussten das die Behörden, ihre Leute waren mittenmang. Aber wer will schon gern den Cottbusser Postkutschfahrern der Polizei, die sich blutige Nasen geholt hätte, das Wochenende verhageln?

Auf den deutschen Herbst folgt der deutsche Winter. Die Spitzen der Eisberge sind da nur schwer auszumachen. Sie heißen Polizei, BKA, LKA, BND, MAD, Verfassungsschutz, NSA, CIA. Selbst erfahrene Parlamentarier mit Fielmann-Brille beißen auf Granit, wenn sie kluge Fragen stellen. Das Vorhängeschloss der Demokratie ist die Information, klarer Verstand, Vertrauen – und Empathie.

*) Peter Grohmann ist Kabarettist und Initiator des Bürgerprojekts Die AnStifter

Michael Seehoff
Die AnStifter zum neuen Jahr

Mit einer Ausstellung politischer Plakate haben die Anstifter das neue Jahr eingeleitet. Die Plakate spiegeln die internationalen Debatten um Fluchtursachen und Fremdenhass. Das ist ein zentrales Thema der Anstifter in diesem Jahr. Dr. Annette Ohme-Reinicke, die neue Vorsitzende der Anstifter, hielt die diesjährige Eröffnungsrede. Darin stellt sie die Frage nach dem, was wir von dem neuen Jahr erwarten und was wir erhoffen dürfen.
Weiterlesen kann man hier.

Stinkbomben

Hundert Mann – und ein Befehl.
Und ein Weg, den keiner will.
Tagein – tagaus. Wer weiß wohin?
Verbranntes Land. Was ist der Sinn?“

(Freddy Quinn 1963)

Die Politik beugt Gesetze und die Bevölkerung orientiert sich an selbst gestrickten Vorstellungen von Gerechtigkeit, so sinngemäß Jens Gnisa, Chef des Deutschen Richterbunds – und sieht schwarz für die deutsche Justiz. Also noch schwärzer. Klar, erste Duftmarken im eben ausgerufenen Wahlkampf können heute offenbar nur Stinkbomben sein. Und die erwecken den fatalen Eindruck, dass der Rechtsstaat den Gefahren des Terrorismus relativ hilflos gegenüber steht. Dieser parteiübergreifende Aktionismus von Schwarzgrün bis Rotrotgelb ist das Gegenteil einer besonnenen Sicherheitspolitik – und die wäre jetzt doch viel eher gefragt. So betrachtet, ist Richter Gnisa ein Gefährder: Aber wohin abschieben? Es reicht, sagt er, und meint damit die in den letzten Jahren vielfach verschärften Vorschriften, Gesetze und Befugnisse, die dem Rechtsstaat zur Verfügung stehen. Vielleicht sollte man den Mann abhören respektive ihm zuhören.

Politik ist allerdings kein Gesangverein Harmonie in Pliezhausen. Freddy Quinn hat das bereits 1963 erkannt, im Blick die deutschen Kameraden in der Fremdenlegion. Heute schickt unsereins frische Truppen an die Ostfront 4000 Mann und ihre Frauen. Wir haben eben keine bessere Antwort auf den Hacker Wladimir Putin und seine Chargen, es sei denn, wir spritzen den alten Propagandasender Radio Freies Europa – Radio Liberty mit neuen Drogen. Der Sender steht in Kürze Donald Trump zur Verfügung und hat zu allen Zeiten immer nur ein Ziel: Den Hörerinnen und Hörern in den ehemals kommunistisch unterdrückten Ländern wie beispielsweise Russland, Polen, Ungarn oder die Ostzone demokratische Werte zu vermitteln und den rechten Weg zu zeigen. Und zwotens, wohl im Hinblick auf die Konzentration der Medien in immer weniger Händen, das gemeine Menschenrecht auf freien Nachrichtenzugang möglich zu machen zur Abwehr der besonderen Demokratiegefährder.

Trösten wir uns. In 347 Tagen ist Weihachten, und am 11. Januar 2017 feiern wir den „Tag des Deutschen Apfels“. Sauer macht lustig, pflegte meine Omi Glimbzsch in Zittau zu sagen, wenn ich das Maul verzog.

*) Peter Grohmann ist Kabarettist und Initiator des Bürgerprojekts Die AnStifter

Dr. Annette Ohme-Reinicke
Rede zum Neujahrsempfang der AnStifter am 5.1.2017

In die Hände spucken für ein Wunder-volles Jahr

Hallo und willkommen im neuen Jahr!

Das Jahr 2017 ist selbstverständlich eine Erfindung.

Lebten wir in Nepal, hätten wir jetzt das Jahr 2073, das neue Jahr beginnt dort erst im April. Im Iran zählen sie gerade das Jahr 1395.

Und in Taiwan beginnt jetzt das Jahr 105, wegen der Gründung der Republik China 1912. Hätten wir noch die Zählung der ersten Republik der Weltgeschichte, dann wären wir jetzt weiter, nämlich im Jahr 2770. Die Gründung der Stadt, „ab urbe condita“, diente der römischen Republik als Beginn ihrer Zeitrechnung. Vielleicht könnte man das ja in der ein oder anderen Weise mit der Forderung nach „Recht auf Stadt“ zusammenbringen. Und mancher ernst zu nehmende Philosoph meint ja, es sei durchaus zweifelhaft, ob das römische Imperium überhaupt untergegangen ist.

Im Jahr 368 befänden wir uns, wenn wir die Zeitrechnung der Französischen Revolution, den republikanischen Kalender, beibehalten hätten. Von 1792 bis 1805 zählte man das Jahr I der Freiheit, dann das Jahr II der Freiheit, das nächste als ein Jahr der Gleichheit und so weiter. Dummerweise hatten die Revolutionäre eine 10-Tage-Woche eingeführt. Es gab also nur alle 10 Tage einen Feiertag und das fanden die Leute nicht so gut.

Hätte sich der „ewige sowjetische Revolutionskalender“ durchgesetzt, dann wären wir jetzt im Jahr 98. Aber auch diese Zeitrechnung kam nicht gut an. Denn in Russland wurde mit dem neuen Kalender der allgemeine Wochenrhythmus aufgelöst und der Alltag der Menschen an die Industrieproduktion angepasst. Als viele Leute am Sonntag – den es offiziell gar nicht mehr gab – nicht mehr zur Arbeit kamen, wurde die Zeitrechnung 1940 wieder abgeschafft.

Besonders weitsichtig, was die Berechnung von Zeit angeht, waren die Maya-Indianer. Ihre Zählung ging von 3114 v. C. bis mindestens 4772 n. C. Genauere Auskünfte sind leider verlorengegangen. Denn die christlichen Eroberer aus Europa waren religiöse Fundamentalisten. Sie massakrierten nicht nur die Ureinwohner Lateinamerikas, sondern zerstörten – gleich islamistischer Terroristen – auch die kulturelle Stätten und Erfindungen der Mayas, wie etwa deren Kalendersysteme.

Glücklicherweise wurde auch in Stuttgart eine neue Zeitrechnung erfunden. Allerdings können wir damit kein neues Jahr anfangen, sondern wir müssten in Wochen feiern: Gerade befinden wir uns in der 335. Aktionswoche gegen „Stuttgart 21“.

Wann Jesus von Nazareth geboren wurde steht übrigens nicht so genau fest. Klar ist nur: Es war nicht vor 2017 Jahren, sondern vermutlich vor 2021 Jahren. Wir sind also mit unserer Zählerei verordneter Maßen irgendwie immer zu spät.

Wie dem auch sei: Grundsätzlich ist es gut und richtig, davon überzeugt zu sein, dass etwas Neues bevorsteht, zum Beispiel ein neues Jahr. Denn das Neue grenzt sich vom Alten ab und darin steckt die Erwartung und vielleicht auch die Erfahrung der Möglichkeit, dass es besser werden kann. Warum sonst sollten wir das Neue begrüßen?

Und was zeitrechnerisch ganz klar ist: Wir befinden uns im Jahr 28. Im Jahr 28 der AnStifter. Denn die wurden 1989 gegründet, das steht fest. Was für eine großartige Orientierungshilfe!

Wenn man sich anschaut, was sich in diesem guten viertel Jahrhundert verändert hat, kann man nur sagen: Gut, dass es Initiativen wie die Anstifter gibt, wer weiß, was sonst noch alles passiert wäre.

Selbstverständlich stellt sich die Frage: Was haben wir von diesem neuen Jahr zu erwarten und was dürfen wir hoffen?

Ziemlich sicher ist: Es wird gewählt werden. Die Bundestagswahl im September wird wahrscheinlich – wieder einmal – die Frage nach dem geringsten Übel stellen. Es ist zu befürchten, dass wieder einmal der Streit für Mehrheiten als wichtiger erklärt wird, als eine Auseinandersetzung um die Wahrheit. Gerade in solchen Zeiten braucht es ein Anstiften zum Selber-Denken.

Wahrscheinlich wird auch im kommenden Jahr der Abstand zwischen Arm und Reich noch größer werden. Immerhin gibt es inzwischen Experimente mit dem Grundeinkommen, etwa in Finnland oder Kanada. Solche Versuche sind wichtig, denn sie wirken auch gegen diffuse Furcht und Angst, die heute um sich greifen. Hass auf Unbekanntes, Misstrauen und Gewalt, gedeihen dann am besten, wenn die Angst vor der Zukunft wächst. Wenn etwa die Frage, ob man über die Runden kommt, ob es die Kinder schaffen, ein besseres Leben zu führen, ob man diese oder jene Leistung bringen kann, ob der Arbeitsvertrag verlängert wird, ob die Miete noch mehr steigt oder die Rente weiter gekürzt wird, wenn diese Fragen plötzlich das sind, worum sich das Leben dreht, dann entsteht diffuse Angst, manchmal Panik.

Denn dann wird man zum Zuschauer des eigenen Lebens und hat das Gefühl, sich selber hinterher zu rennen. Und jeder kennt wohl die Erfahrung, dass man als Zuschauer einer bedrohlichen Situation oft mehr Ohnmacht und Angst erlebt, als derjenige, der in irgendeiner Weise selbst am Geschehen teilnimmt und handeln kann. Sei es auch noch so brenzlig.

Der passive Zuschauer dagegen, auch der Zuschauer des eigenen Lebens, bleibt stets irgendwie im Dunkeln. Man sieht ihn nicht, er ist nicht öffentlich, er ist arm dran.

Der arme Mensch, so schreibt John Adams: „…tappt im Dunkeln. Die Menschen achten seiner nicht. Unbemerkt wandert und irrt er umher. Inmitten einer Menschenmenge, in der Kirche, auf dem Marktplatz … ist es so dunkel um ihn, als wäre er in einem Dachstübchen oder im Keller. Niemand missbilligt ihn, tadelt ihn oder macht ihm Vorwürfe; er wird bloß nicht gesehen … Einfach übersehen zu werden und sich dessen bewusst zu sein, ist unerträglich.“

Armut liegt nicht nur in materieller Not, sondern auch in der Dunkelheit des Nicht-Gesehen-Werdens, des Nicht-Teil-der-Öffentlichkeit-Seins, meint Hannah Arendt.

Aber wer wird sich der Aufgabe annehmen, gesellschaftliche Ausgrenzung, Hierarchien und soziale Ungerechtigkeit ins Licht der Öffentlichkeit zu holen, zu handeln und zum Handeln anzustiften? Eine Arbeiterbewegung, eine Bürgerbewegung, eine Studenten- oder Frauenbewegung, die Anstifter?

Der Philosoph Slavoj Zizek zitiert dazu einen bekannten Spruch der Hopi-Indianer: „Wir sind diejenigen, auf die wir gewartet haben.“

In diesem Sinn: Ein Wunder-volles neues Jahr!

*) Rede zum Neujahrsemfang der AnStifter am 5.1.2017 um 17 Uhr im Willi-Bleicher-Haus Stuttgart (DGB-Haus). Dr. Annette Ohme-Reinicke ist Philosophin und (die neue) Vorsitzende des Bürgerprojekts Die AnStifter (www.die-anstifter.de)

Sesselfurzer und Muslime

Die hochgerüstete Polizei hat nicht nur in Köln uns guten Weißen eine geruhsame Silvesternacht im Kreis unserer Liebsten beschert: Alkohol, Feuerzauber und Feinstaub wie immer, gute Laune und wenig Afrika. Danke. Das erinnert an eine Plakat-Collage aus den Sechzigern: Auf dem originalen Foto ziert das Schild „Nur für Deutsche“ eine Parkbank. Darunter hatte der Künstler das Logo der Deutschen Bank gesetzt. Für den Drucker hatte das unangenehme Folgen, weil den Staatsanwalt weder der Artikel 5/I (die Sache mit der Meinungsfreiheit) noch der Absatz III (die Behauptung mit der Kunstfreiheit) interessierte. Das Plakat konnte nur heimlich gedruckt und weitervertrieben werden: Also doch keine Zensur.

Nun kann man den Achtundsechzigern vorwerfen, was man will – dass sie gute Europäerinnen waren, Internationalisten gar, Fluchthelfer, Kritiker der DDR, Freunde der radikalen Demokratie, Trotzkisten oder Sozialdemokraten – aber nicht, dass sie besonders viel erreicht haben. Die Fraktion der Sesselfurzer ist längst die größte geworden. Sie sitzt überall quengelnd und quälend herum und ist keineswegs auf Parlamente beschränkt. Sie furzt in Bürgerinitiativen, Redaktionen, Amtsstuben oder kulturell: Natürlich politisch korrekt. In den letzten Tagen des alten Jahres etwa machte sich ein Herr Conz von der Stuttgarter FDP bei den Muslimen bekannt. Der liberale Feuerschlucker verbreitete als Offerte an die Terroristen von morgen auf Facebook ein Foto, das einen Moslem in einem öffentlichen Verkehrsmittel beim Gebet auf seinem Gebetsteppich zeigt. Sein Kommentar zum Foto: „kick him“ (das soll angeblich heißen: Tritt ihn den Arsch, aber richtig!). Von Gewalt gegen Muslime ist also weit und breit nichts zu sehen – und das sieht auch der hiesige Staatsanwalt Kraft so. Er weigerte sich, nach einer Anzeige von unsereins wegen öffentlicher Aufforderung zu Gewalt oder Volksverhetzung u.a.m., zu ermitteln (7 Js 118235/16). Echte Muslime, schrieb der ungläubige Staatstragende, würden so was eh‘ nicht machen. Auch sei ja wohl kaum damit zu rechnen, schloss er sinngemäß, dass der Andersbetende je in Stuttgart Busse und Bahnen nutzen und Fahrgäste segnen würde.

„Nu, warum denn gleich mit der juristischen Keule winken?“, tät‘ meine Omi Glimbzsch aus Zittau rufen. „Hamwa nich andre Sorgen?“ Hamwa, Omi, hamwa! Aber wir haben doch auch versprochen, im Kleinen zu beginnen, Widerspruch einzulegen, das Maul aufzumachen und die Sessel zu lüften, 2017. Glückauf dabei!

*) Peter Grohmann ist Kabarettist und Initiator des Bürgerprojekts Die AnStifter

Unglaublich …

… aber eben nicht postfaktisch! Doch was für ein Glück. Wie gern würde ich heute sagen, wie viel ich Lotto gewonnen habe und was ich mit dem Geld alles machen werde! Abgesehen von solchen Lappalien wie Haus und Hof mit neuem Sicherheitskonzept, Geld für die Kinder, auch etwas für sehr gute Freunde, von denen man plötzlich ganz viele hat: Ich denke an einen neuen Wagen! Favorit momentan: Der Tesla Combi, Erdgas. Eine größere Summe bekommen Kontext und die AnStifter, eine dicke Spende geht an Wikipedia. Postfaktische Politik ist exakt jenes politische Denken und Handeln, bei dem Fakten nicht im Mittelpunkt stehen und Geld keine Rolle spielen darf.

Anders gesagt: Nach den Möglichkeiten handeln, aber nicht ohne Sinn und Verstand, logisch. Ich denk‘ manchmal: Manche denken einfach zuviel und kommen so ein Leben lang nicht in der Gänge. Aber wo dem Wort nicht die Tat folgt, wo der Überschuss an Worten so zunimmt, dass sie zu hohlen Sprüchen werden, läuft irgendwas verkehrt. Manchen ist das vielleicht zu abstrakt, zu ‚evangelisch‘. Und wir alle haben uns ja längst ein Stückweit an die hohlen Sprüche gewöhnt, mit denen wir gerade in diesen Tagen unberufen traktiert werden.

Im Neuen Jahr würde ich unsereins gern öfters auf den Straßen und Plätzen treffen, als Förderer, Abonnenten eines kritischen Journalismus, als querdenkende Diskussionsteilnehmer, als Wort- und Feuermelder, wo doch so viel gezündelt wird, als Musikanten und Demonstrantinnen auf den Marktplätzen, vor den Waffenfabriken und Kasernentoren, als Kandidatinnen auf parteifreien und parteiischen Wahllisten, als engagierte Genossen in Genossenschaften, als Initiatoren von Bürgerinteressen, Leserbriefschreiber, als Ideengeberinnen für politische Praxis, als Leute, die auch mal Fünfe gerade sein lassen, als Mitstreiter, die sich irren können, als Zeitgenossen, die nicht vergessen, dass wir etwas Älteren den etwas Jüngeren eine Erbschaft von über zwei Billionen Euro Schulden hinterlassen, was die leider nicht ausschlagen können, als Produzentinnen für eine bessere Welt, als Menschen, als Leute, denen auch mal der Kragen platzt, die wütend, zornig, sauer werden können, die Spaß am Leben haben und gemeinsam dafür sorgen, dass es so bleibt. Es muss Freude machen,sonst klappt es nicht. Darauf verwette ich meinen Gewinn.

*) Peter Grohmann ist Kabarettist und Initiator des Bürgerprojekts Die AnStifter

Weihnachten
Entschuldigung

Es ist noch Zeit. Ich suche einen freien Platz. Etwas weiter vorn warten die Leute nicht so gedrängt. Ich setze mich in die Nähe eines jungen Mannes. Er ist schlank, trägt einen gepflegten Vollbart, hat seinen Mantel auf den Sitz zwischen uns gelegt und liest.
Mein „Reisefieber“ legt sich, ich werde ruhiger, lege mein iPad auf meinen vor mir aufrecht stehenden, kabinengeeigneten Rollkoffer und nehme mir noch einmal den Text vor, den ich heute morgen aus der Zeitung kopiert habe.
In „Das Fest als Chance“ kommentiert eine Frau aus Anlass des bevorstehenden Weihnachtsfestes die geopolitische Lage des noch nicht ganz vergangenen Jahres mit folgenden Worten:
„Was für ein grauenvolles und furchterregendes Jahr 2016 liegt hinter uns. Beinah kein Tag ist vergangen, an dem wir uns nicht gefragt haben, ob es jetzt noch schlimmer kommen kann. Und es ist immer noch schlimmer gekommen. Die politischen Erschütterungen durch den Brexit, die Wahl Donald Trumps und das Erstarken populistischer Bewegungen in ganz Europa gehen einher mit Kriegen und dem Beiseiteräumen demokratischer Standards und Gewissheiten.“
Anschließend beschreibt sie die psychischen Auswirkungen, die diese ‚geopolitischen Tragodien‘ weniger bei den unmittelbar Betroffenen und mehr bei „uns“ – wer auch immer damit gemeint ist – haben.
“ Wir können uns die Welt ganz offensichtlich nicht mehr auf Distanz halten. Das Grauen ist ein globales. Und wir sind mittendrin.(…) Alle miteinander ahnen wir, dass wir mit unseren Kräften sorgfältig haushalten müssen, um über die Runden zu kommen.“
Die Autorin ist Journalistin der Stuttgarter Zeitung ohne syrische Wurzeln und ohne korresponsale Verpflichtungen im Nahen Osten. Sie schreibt ihre Kolumne zuhause auf ihrem Laptop, hat fast alle Weihnachtsgeschenke beisammen und wird, so nehme ich an, ein „normales“ Weihnachtsfest begehen. Ihre private und berufliche Situation ist mehr oder weniger gesichert, weshalb sie in der Welt das glückliche Los der Zuschauerin gezogen hat, aus dem sich ein wertvolles Privileg ableiten läßt: die besagte „geopolitische Lage“ KANN ihr egal sein; sie ist gut situiert genug, um das entscheiden zu können.
Was geht aber in der Dame vor, wenn sie sich ganz anders darstellt und schreibt, „dass wir mit unseren Kräften sorgfältig haushalten müssen, um über die Runden zu kommen“? 
Als bemühe sie sich, ihre eigene, gesicherte Existenz, in der sie zwischen verschiedenen Stufen der Betroffenheit WÄHLEN KANN, gleichzusetzen mit der Situation der Betroffenen. Sie schreibt deshalb:
„Es geht an die physische und psychische Substanz. Es zehrt die Kräfte (…) auf, wenn selbstverständlich geglaubte zivilisatorische Errungenschaften (…) plötzlich auf dem Prüfstand stehen. Wenn sich vor unseren Augen das syrische Aleppo in eine Ruinenstadt mit unzählbar vielen toten Zivilisten verwandelt.“
Nicht Opfer und Täter werden hier miteinander verwechselt, sondern kaum beschreibbares Leid mit weihnachtlicher Gefühls-Journalistik, subjektive, emotionale Betroffenheit mit objektivem Betroffensein. Aus den zu unterscheidenden Redewendungen ‚es macht mich betroffen‘ und ‚ich bin betroffen‘ macht die Autorin ein ‚ich mach mich betroffen‘ und verleiht dem Ganzen das gehörige Gewicht durch den majestätischen Plural des ‚wir machen uns betroffen‘ im Sinne von ‚wir sind betroffen‘. Wie anders sollten aus Krisenflüchtlingen Flüchtlingskrisen werden. Es ist die Krise, die „uns“ vereint und aus unserem „halben Leid“  doppeltes macht. 
Das ist populistisch und muss nicht postfaktisch sein, um wenig mit der Realität zu tun zu haben. In gelehriger Manier oder besser ‚manirierter Gelehrsamkeit‘ kritisiert die Autorin in ihrem Text das „Erstarken populistischer Bewegungen in ganz Europa“ bemerkt das populistische Moment in ihrer eigenen Argumentation aber nicht. Nur haarscharf kommt sie an einer Feststellung vorbei, die da lauten könnte
‚Ja, Sie haben bei dem Bombenangriff Haus und Eltern verloren? Nun, unser Weihnachtsbraten dieses Jahr war auch nicht wie sonst.‘
So wenig wie die Autorin in der Beschreibung ihres psychischen Leidens ihre Priviligiertheit berücksichtigt oder gar gegenüber Lebenssituation, die nur noch als barbarisch charakterisiert werden können, wertschätzt, so wenig bemüht sie sich in ihre Einschätzung der Weltlage das kolumbianische Friedensabkommen – der diesjährige Friedensnobelpreis -, die Wahl eines liberalen, europafreundlichen Präsidenten in Österreich oder den Umstand einzubeziehen, dass ihr Brexit äußerst knapp und ihr Trump von einem veralteten Wahlsystem und nicht von einer Mehrheit gewählt wurde. Und welche anderen Konfliktherde gibt es, in denen es hergeht wie in Aleppo? Nicht so viele. Ganz anders als, sagen wir, vor 100, vor 70, vor 50 und vor 30 Jahren. 
Die Kolumne mit dem Titel „Das Fest als Chance“ gefällt mir nicht. Auch deshalb weil die Autorin Hilke Lorenz das Leid als Leid nicht einfach Leid ist, sondern es als etwas heranzieht, das nicht nur für sich, sondern auch für etwas anderes steht. Das Leid wird erhöht. Es ist nicht mehr „nur“ Leid, es bekommt eine bemüht bereichernde Bedeutung, es hat einen Sinn, denn es macht uns sensibler. Wohl nur deshalb schließt Hilke Lorenz ihren Artikel – wieder mit dem majestätischen Plural – und der Behauptung, dass „wir (…) gerade in Krisenzeiten (…) empfänglich für noch so kleine Gesten der Stärkung und des Miteinanders“ werden.
Dann ist die Durchsage am Flughafen zu hören, dass alles bereit zum Einsteigen ist. Mein Nachbar, der gepflegte junge Vollbartträger, und ich stehen gleichzeitig auf und räumen unsere Sachen zusammen. Als er seinen Mantel mit einer weit ausholenden Bewegung anzieht, streift das leere Ärmelende leicht meinen Kopf. Er entschuldigt sich. Und ich auch.

(P.S. : Nicht die Krisengebiete auf der Erde sind heutzutage das Problem – so viele gibt es nicht – sondern der mediale Umgang mit ihnen, der Eindruck, den gelangweilte Verleger und verlegene Regierungen in der Bemühung um mehr Leser- und Wählerinnen meinen vermitteln zu müssen. Andererseits ist es unter solchen Umständen nicht einfach zuzugeben, dass „wir“ auch unterhalten werden wollen.)
 

Rio Reiser
Wann?

Still

Als Mensch erkannt werden

Können wir uns Mut machen in diesen Berliner Tagen oder nur resignierend mit den Schultern zucken? Unser Autor will dazu anstiften, laut zu werden – für das Privileg, in Freiheit und Demokratie zu leben.

1434: Advent auf dem Dresdner Altmarkt. Da kamen durch die Jahre die Händler aus Ost und West, aus Süd und Nord, sie kamen aus Böhmen und Mähren auf den Striezelmarkt. Sie kamen über den Großen Belt und aus den alten Städten der Hanse und dem Neuen Land. Und immer dazwischen die Käufer und Verkauften, kunterbuntes, reiches armes Volk, Handel und Händel suchend, im Gepäck Lebkuchen und neue Testamente, Glasperlen, die abhängig machen. Und dazwischen die Kriege, die fürchterlichen Siege und Niederlagen: Hungerjahre, und die Eroberer im niedergeschlagenen Land, dem eigenen und dem fremden.

2016: Heute auf den Weihachsmärkten, nach fast 600 Jahren, sind da die Zeiten anders, die Siege, die Niederlagen weniger fürchterlich? Man ist sich näher und doch fremd geblieben, abhängig. Wir wissen alles über uns und doch zu wenig über die anderen. Wir kennen mehr als alle Fakten und sind nicht mehr in der Lage, sie gewinnbringend zu bewerten. Kennen wir die anderen, die Fremden – und das Fremde in uns tatsächlich?

Warum stellen wir Menschen uns gegen das, was uns miteinander verbindet, gegen das, was wir gemeinsam haben – unser Menschsein? „Der Fremde in uns, das ist der uns eigene Teil, der uns abhanden kam und den wir zeit unseres Lebens, jeder auf seine Weise, wiederzufinden versuchen“, sagt der Psychoanalytiker Arno Gruen, der 1936 mit seiner Familie vor den Nazis in die USA geflüchtet ist.

Können wir uns Mut machen heute, an Weihnachten 2016? Hoffnung vielleicht für das Kleine, für die kurzen Schritte, für das tägliche Engagement? Das geht gegen die Angst, das hilft, den Fremden in uns und den Fremden im Alltag zu erkennen, denn ich kann doch nur ein Mensch sein, wenn mich ein anderer als Mensch erkennt.

Es ist ein alter Traum, erkannt zu werden in diesen Zeiten – als Mensch mit Schwächen, als BürgerIn, als Citoyen. Das geht nur, wenn wir selbst auch den Nächsten im Blick haben: die Leute mit ihrer Ohnmacht, Schwäche, Hilflosigkeit, mit ihrem Hunger nach Gerechtigkeit. Sie leben nicht nur in Wilmersdorf, Gomadingen oder Tettnang. Sie waren auch in Aleppo zu Hause, in Mossul, in den kurdischen Bergen.

Es sind die neuen internationalen Brigaden, die Kellerkinder der neuen Zeit, die Schwangeren auf den schwankenden schäbigen Schiffen, nordwärts getrieben von Verfolgung, Angst, Terror und Fanatismus, der doch auch bei uns zu Hause ist! Die Nächsten von heute sind die HIV-positiven Jugendlichen in den Townships, die arbeitslosen Jungs und Mädels im Maghreb, es sind die 100 000 Verhafteten in der Türkei, die angeketteten Gefangenen der ägyptischen Stasi, die wir als unsere Nächsten erkennen müssen.

Den Nächsten im Blick zu haben – das wird nur klappen, wenn wir mehr als Wohlstand, Vollbeschäftigung und Selbstzufriedenheit in den Blick nehmen, mehr als das eigene Stück deutsches Land. Es klappt nur, wenn wir die Augen aufmachen und offenhalten.

Es lohnt sich alle Anstrengung, für bessere Sicht zu sorgen und für die freie Sicht zu streiten. Dazu gehört der schärfere Blick auf asoziale Medien und obskure Netzwerke. Dazu gehören kluge Widerworte. Dazu gehört: laut zu sein, wenn Stille gefordert wird. Es ist unser Privileg, für Freiheit und Demokratie einzustehen, für das Recht auf freie Meinung, auf eine freie, unabhängige Presse.

Die Republiken nur schlecht zu reden, ist das Privileg der orthodoxen Rechten, der konservativen und reaktionären Statthalter überall auf der Welt – und aller, die jedem Streit, jeder Kritik aus dem Wege gehen. Und: Wer in diesen Berliner Tagen mit einem resignierenden Schulterzucken dem politischen und sozialen Engagement mit der Behauptung entgegentritt, man könne ja doch nichts tun, dem werden wir das Gegenteil beweisen.

Wir brauchen die kleinen anstrengenden Schritte im Alltag. Diese Anstrengung nenne ich Selbstermächtigung, und Vertrauen in die gemeinsame Sache, die so schwer zu beschreiben ist. Wäre es zu wenig, aufrecht zu gehen und Mensch zu sein?

*) Peter Grohmann ist Kabarettist und Initiator des Bürgerprojekts Die AnStifter

 

Off the record
Die Mauer des Schweigens


Heute konnte man im Deutschlandradio den beeindruckenden zweiten Teil einer Trilogie von Christiane Mudra zum Nationalsozialistischen Untergrund hören. In der Pressemitteilung zur Premiere dieses zweiten Teils heißt es unter anderem:

Die Regisseurin Christiane Mudra beschäftigt sich zum fünften Jahrestag des Auffliegens der Terrorzelle NSU (in ihrem Politthrille) mit dem Widerspruch zwischen dem Aufklärungsversprechen der Bundeskanzlerin und der Geheimhaltung von Verfassungsschutzakten zu mehreren Dutzend VPersonenim Umfeld des Trios.

In „Off the record“ stehen nicht mehr die Taten des NSU oder die Mordopfer im Blickpunkt. Der Abend will vielmehr an konkreten Beispielen den „kompletten Systemausfall“ der Sicherheitsbehörden analysieren und systemimmanente Sicherheitslücken herausarbeiten. Außerdem untersucht das Stück Medienstrategien und die öffentliche Darstellung von Skandalen.
„Off the record = die Mauer des Schweigens“ ist der zweite Teil einer Trilogie von Christiane Mudra über rechtsterroristische Kontinuitäten in der Bundesrepublik. Das Stück knüpft direkt an ihren Western „Wir waren nie weg = die Blaupause“ (2015) an und seziert Sprache und Bild in Form eines thrillerartigen Live-Hörspiels mit Stummfilmelementen.

Nachhören kann man dieses Sprachereignis, das ich für das Beste halte, was ich bisher über den Nationalsozialistischen Untergrund gelesen oder gehört habe unter breitband.deutschlandradiokultur .de. Christiane Mudra zeigt in überzeugender Weise wie die künstlerische Bearbeitung von Wirklichkeit die (plumpe) Dokumentation und ihren Anspruch auf Authentizität weit hinter sich läßt. Also: unbedingt anhören!