Alle Beiträge von Hermann Zoller

Aslı Erdoğan plant Lesung in Stuttgart

Aslı Erdoğan kommt nach Stuttgart: Die Trägerin des Stuttgarter FriedensPreises 2017 der AnStifter kommt Anfang Mai oder Anfang Juni zu einer Lesung nach Stuttgart. Elka Edelkott, Geschäftsführerin der AnStifter, traf die Autorin jetzt in Frankfurt.
Aslı Erdoğan war am 10. Dezember bei einem Unfall auf dem Weg zur FriedensGala schwer verletzt worden und konnte deshalb ihren Preis nicht selbst entgegennehmen. Inzwischen geht es ihr gesundheitlich wieder besser.
In der Türkei wird der Prozess gegen Aslı Erdoğan am 6. März fortgesetzt. Sie wird dort von ihrem Anwalt vertreten.

Streiks für das Streikrecht

Wieder fliegen Steine, sind Sprechchöre zu hören, Busse und Bahnen fahren nicht, selbst in Krankenhäusern wird auf Sparflamme gearbeitet. Dieses Bild sind wir aus Griechenland gewohnt. Aber schauen wir doch mal etwas genauer hin.

In Griechenland ist in früheren Jahren vieles aus dem Ruder gelaufen. Reiche wurden noch reicher; der Staat hat ihnen geholfen dabei und verschuldete sich immer mehr. Damit das EU-Land nicht völlig in die Knie geht, wurde Griechenland aus EU-Töpfen Kredite gewährt; Geld das aber nie in Griechenland ankam, weil es gleich auf die Konten der internationalen Spekulanten gezahlt wurde.

Um diese Kredite bezahlen zu können, musste Griechenland seine wertvollsten Besitztümer an private Investoren verscherbeln. Und die Bevölkerung bekam den harten Sparkurs besonders drastisch zu spüren: Stellenabbau, Rentenkürzungen, steigende Preise, drastische Beschneidung des Gesundheitssystems. Und nun wurde das Streikrecht erheblich beschnitten; es läuft auf ein Verbot hinaus.

Bei uns, in Deutschland, sind keine Proteste zu hören. Eigentlich sollte man diese schon aus Solidarität erwarten. Nichts rührt sich – dabei hätten wir allen Grund, auf der Hut zu sein: 1. Die Beschneidung des Streikrechts wird auch von der deutschen Regierung zumindest mitgetragen. 2. Auch in Deutschland gibt es Forderungen, das Recht auf Arbeitsverweigerung erheblich weiter einzuschränken.

Also: was da anderen aufs Auge gedrückt wird, könnte eines Tages auch uns hier treffen. – Wir sollten deshalb gut aufpassen.

Aslı Erdoğan mit dem Stuttgarter FriedensPreis geehrt

Es ist ein Zufall der passt: der 10. Dezember ist der internationale Tag der Menschenrechte. An diesem Sonntag haben die AnStifter die türkische Schriftstellerin Aslı Erdoğan mit dem Stuttgarter FriedensPreis für ihren Mut, über die Wahrheit zu schreiben, geehrt. Im Stuttgarter Theaterhaus nahm ihr Verleger Wolfgang Ferchl den Preis entgegen. Aslı Erdoğan konnte an der Veranstaltung leider nicht teilnehmen, weil auf dem Weg nach Stuttgart ein Verkehrsunfall sie zur Umkehr zwang. Die Moderation hatte Sidar Carman von der DIDF übernommen.

(Der Stuttgarter Friedenspreis wurde von der Vorsitzenden der AnStifter, Dr. Annette Ohme-Reinicke, an den Verleger von Aslı Erdoğan, Wolfgang Ferchl, übergeben. Im Bild von links: Moderatorin Sidar Carman, Wolfgang Ferchl, Dr. Annette Ohme-Reinicke und Laudatorin Elisabeth Abendroth.)

(Bei der Preisverleihung zeigte das Publikum Plakate mit den Namen von 150 in der Türkei verhafteten Journalistinnen und Journalisten und demonstrierte damit für ihre Freilassung und für Pressefreiheit.)

Während der FriedensGala demonstrierte das Publikum mit dem Zeigen von Namensschildern Solidarität mit all jenen, die in der Türkei noch immer verfolgt werden. Die Laudatorin, Elisabeth Abendroth zitierte Aslı Erdoğan: „An einem Verbrechen nicht Mittäter zu sein, ist mehr als ein Recht oder eine Pflicht, unser eigentlicher Daseinsgrund. Wir Heutigen begehen unser eigentliches Verbrechen dadurch, dass wir weghören und schweigen. Nicht nur zu den Ereignissen von 1915 und 1938, sondern auch zu dem, was heute geschieht, in dieser Stunde…“ – Sätze, die als Hilferuf, vor allem aber als Appell verstanden werden sollten.

Traditionell beendet wurde die FriedensGala von Peter Grohmann mit „Mein letztes Wort“. Seine Lagebeurteilung ist eindeutig, leider sehr unerfreulich: Unsere Freiheit ist in Gefahr; autoritäre Bestrebungen nehmen zu. Deshalb, so Grohmann: „Und jetzt, Leute, Freunde, Bürgerinnen: Wir müssen noch einmal aufstehen. Das ist unsere Erzählung: Die von Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit. Die von Frieden, Solidarität und Gerechtigkeit, davon, dass das eine nicht ohne das andere geht. Das sind die besseren Ideen. Es sind keine Erzählungen von gestern, sondern die von morgen. Auf nach Utopia. Wir dürfen träumen. Es sollen Träume sein von einem anderen Leben, die jeder Mensch nachträumen kann. Aber dann stehen wir auf!“

Text Hermann Zoller, Fotos Joe Röttgers, Michael Seehoff, Hermann Zoller

„Kraftlinien“ – Welthebel Peter Grohmann

Peter Grohmann ist jetzt 80. Über die Geburtstagsfeier im Theaterhaus haben wir hier schon berichtet. Eine Überraschung ist nachzutragen. Im Trubel der Geburtstagsfeier ist ein sehr schönes Geschenk aus dem Freundeskreis der AnStifter fast untergegangen: Jochen Stankowskis Skulptur Kraftlinien.

Die Überraschung ist gelungen. Peter Grohmann hat nichts davon mitbekommen. AnStifter-Freunde sammelten Geld und Jochen Stankowski entwickelte die Skulptur. Am 4. November wurde diese nun in Grohmanns Garten aufgestellt. Ihr Name: „Kraftlinien“. Sie drücken Leichtsinn und Lebensfreunde aus – und eine „zielführende“ Risikobereitschaft, kommentiert Peter Grohmann das Strahlenbündel.

Jochen Stankowski beschreibt sein Werk so: Die reine Form bei dieser Plastik hier, ist die Linie. Eine Linie ist ein bewegter Punkt. Durch die Reihung des Punktes zur Linie entsteht eine neue Qualität. Das Umschlagen von Quantität in Qualität ist eines der dialektischen Gesetze. Ein arabisches Sprichwort sagt: Stiehl ein Kamel so wirst du gehängt, stiehl tausend Kamele, so wird mit dir verhandelt. Für René Descartes bildet die Aussage ‚Ich denke, also bin ich“ einen ‚Archimedischen Punkt‘. Wenn Archimedes nur einen festen Punkt und einen ausreichend langen Hebel hätte, könne er ganz alleine die Erde anheben. Der Ausgangspunkt kann eine Idee, eine Betroffenheit oder ein anderer Impuls sein. Die einzelnen Linienpunkte beginnen ihre Bewegung auf einem Untergrund und treffen, berühren, stützen sich im Fortschreiten. Sie bilden ein neues, gemeinsames Ganzes. Die Figur wird zum Träger der Bedeutung ‚Kraftlinien‘ und als solche, zum Gegenstand der Wahrnehmung: „Welthebel Peter Grohmann und Die AnStifter.“

Peter Grohmanns kurzer und treffender Kommentar: „Schön wär’s!“

Text und Fotos: Hermann Zoller

Nicht wählen gehen – keine gute Entscheidung

Haben Sie Vertrauen in die Parteien? Am 24. September haben wir jedenfalls mal wieder Gelegenheit, unsere Stimmungslage mit zwei Kreuzchen zu Papier zu bringen. Aber es gibt nicht wenige Bürgerinnen und Bürger, die meinen, dass das doch alles nichts bringt, dass man den Politiker*innen eh nicht trauen kann – und man deshalb am besten zu Hause bleibt, um auf diese Weise wenigstens seine Verachtung zu zeigen. Diese Haltung kann man menschlich verstehen, aber die Konsequenz daraus, Wahlverzicht zu üben, bewirkt genau das Gegenteil von dem, was man eigentlich erreichen möchte – vereinfacht gesagt: die nicht abgegebene Stimme schlägt sich auf dem Konto gerade jener Parteien nieder, die man bestrafen möchte.
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