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FriedensGala der AnStifter würdigt Emma Ganzález

Den Stuttgarter Friedenspreis 2018 ging an die US-amerikanische Schülerin Emma González.

Emma González
Emma González

„Emma González repräsentiert eine neue, junge Generation, die sich gegen einen staatlich tolerierten Missbrauch von Jugendlichen, als Objekte der Waffenindustrie, zur Wehr setzt“, bewertet Annette Ohme-Reinicke, die Vorsitzende der AnStifter, die Entwicklung in den USA. Emma González und ihre Mitstreiter/innen hätten Worte für die oft tödliche Verflechtung von Politikern und Waffenverkäufern gefunden und dies angegriffen. Sie repräsentierten damit das ‚andere Amerika’: Das Amerika jener starken Zivilgesellschaft, die sich jetzt verstärkt gegen Rassismus, Ausländerfeindlichkeit oder jüngst den staatlich verordneten Missbrauch kleiner Kinder zur Abschreckung möglicher Migranten erfolgreich wehre.

Annette Ohme-Reinicke

 

 


Laudatio
, Annette Ohme-Reinicke, Vorsitzende der AnStifter:

 

„Welcome to the Revolution!“ – Mit diesen Worten eröffnete Cameron Kasky den weltweiten „March for our Lives“, am 24. März dieses Jahres. Allein in Washington waren über eine halbe Million Menschen auf der Straße. In 800 Städten weltweit, von Tokyo über Stockholm bis München, gab es Demonstrationen. Kasky ist, wie Emma Gonzales, ein überlebender Schüler des Massakers in Parkland, Florida.

Es ist wohl eher eine Revolte als eine Revolution, was die die Schüler aus Florida anzettelten.

Die Revolte und der Streit für Frieden haben in den USA eine lange Geschichte. Hier begann oft, was in anderen Ländern noch entstehen sollte.

Aus den USA stammt etwa der Civil Disobedience, der gewaltfreie Zivile Ungehorsam. Vor fast 200 Jahren weigerte sich etwa der Lehrer David Henry Thoreau Steuern zu zahlen. Er wollte nicht das mit „seinem“ Geld der Krieg gegen Mexiko finanziert würde. Thoreaus Schriften wurden auch für Mahatma Gandhi und Martin Luther King zum Vorbild.

Die „Industrial Workers oft the World“ bildeten eine der ersten Sparten übergreifenden unabhängigen Gewerkschaften. Sie handelten nach dem Prinzip der Direkten Aktion. Eugene Debs, Mitglied der IWW, kandidierte 1920 für das Amt den Präsidenten der USA. Er erhielt knapp eine Million Stimmen, und das, obwohl Debs im Gefängnis saß, weil er sich nämlich gegen den 1. Weltkrieg ausgesprochen hatte.

Während in Europa verschiedene Länder faschistisch waren, erlebten die USA in den 1930er und 1940er Jahren eine der größten Streikbewegungen überhaupt. Erst der New Deal machte dem später ein Ende.

Deutsche Migranten, wie Max Horkheimer, Theodor W. Adorno oder Hannah Arendt konnten im Exil-Land USA forschen, lehren und Gedanken formulieren, die für emanzipatorische Bewegungen weltweit von Bedeutung sind.

Die „Civil Rights Movement“, die Bürgerrechtsbewegung setzte sich mit ihrem gewaltfreien Widerstand, etwa des „Student Nonviolent Coordinating Commitee“ (SNCC), den „Freedom Rides“ und dem „Poor People‘s March“ erfolgreich gegen Rassismus zur Wehr.

In seinem „Letter to the New Left“ wandte sich der amerikanische Soziologe und Aktivist C. Wright Mills 1960 erstmals an eine bis dahin noch nicht benannte „Neue Linke“. Diese Neue Linke bezog sich auch auf die Friedensbewegung, die in den USA und in England gerade ihre ersten Schritte gemacht hatte.

Die internationale Bewegung gegen den Vietnam-Krieg entstand in den USA und entwickelte neue Aktionsformen wie etwa Sit-Ins und die Teach-Ins. Die Kriegsgegner forderten erfolgreich amerikanische Soldaten zum Desertieren auf und organisierten Kampagnen.

Vor wenigen Jahren thematisierte die Occupy-Wallstreet-Bewegung – „We are the 99 Percent“, „Wir sind die 99 Prozent!“ – erstmals seit langer Zeit wieder die „Soziale Frage“. Wenigstens für einige Monate dominierten im öffentlichen Diskurs nicht mehr Fragen sogenannter „Rassenunterschiede“, sondern Fragen nach Gründen und Ausmaßen steigender Armut und Verelendung.

Von Februar bis Juni dieses Jahres streikten in verschiedenen Bundesstaaten der USA Lehrer und andere Beschäftigte des öffentlichen Sektors. Die Unterstützung der Bevölkerung war enorm. In West-Virginia etwa forderten 30 000 streikende Lehrer fünf Prozent mehr Lohn. Es wurden vier Prozent geboten, sie lehnten ab. Es wurden fünf geboten, aber nur für Lehrer. Sie ließen sich nicht spalten und lehnten ab. Schließlich wurden fünf Prozent mehr Lohn für alle im öffentlichen Sektor Beschäftigten durchgesetzt.

Im November dieses Jahres stimmten 78 Prozent der Wähler ihres Bezirks für die ehemalige Barkeeperin Alexandria Ocasio-Cortez aus der New Yorker Bronx und wählten sie in den US-amerikanischen Senat. Cortez bezeichnet sich selbst als Sozialistin.

All das ist ebenfalls die USA, das „andere Amerika“.

Auch das Aufbegehren der Jugendlichen aus Florida, „For Our Lives“, für unser Leben, lässt hoffen. Aber warum eigentlich? Was die Waffengesetzte angeht, sind die Verhältnisse in den USA und in Deutschland deutlich verschieden. Etwa 30 000 Menschen sterben jährlich in den USA durch Schießereien. Im Durchschnitt wird jede Woche ein Erwachsener von einem Kind angeschossen oder getötet. Seit 1968 sind in den USA mehr Menschen durch Schusswaffen gestorben, als in Kriegseinsätzen außerhalb der USA, nämlich anderthalb Millionen. (NYT 2015) Schusswaffen sind in den USA frei käuflich und nach fast jedem Massaker steigen die Aktien der Waffenverkäufer. Dreißig Millionen Dollar hatte der amerikanische Präsident von der Waffenlobby erhalten. Gemessen an der Anzahl der Opfer von Schussverletzungen in den USA in den anderthalb Monaten im Jahr 2018 beläuft sich dies auf 5.800 Dollar pro Person „5800 Dollar pro Kopf“, fragte Emma Gonzales in ihrer berühmten Rede, „ist es das, was dir die Leute wert sind, Trump?“ In Deutschland dagegen muss man eine Schusswaffe nicht nur anmelden, sondern auch nachweisen, dass sie sicher in einem speziellen Waffenschrank aus Stahl aufbewahrt wird.  Das wird tatsächlich überprüft und das ist gut so. Aber es ist eben auch so, dass mit Waffen aus deutscher Produktion eher nicht zuhause geschossen wird. Deutschland ist einer der weltweit größten Waffenexporteure.

Die schlechten Waffengesetzte sind es jedenfalls nicht, die die große Sympathie mit den jungen Leuten in den USA begründet und wegen der Emma Gonzeles zur Friedenspreisträgerin gewählt wurde. Auch nicht die Furcht, dass man selbst oder seine Kinder in der Schule erschossen wird. Schießereien an Schulen kommen hier vergleichsweise selten vor. Was ist es dann?

Eine Forderung der Schüler aus Florida lautet: „Wir wollen nicht eure Gebete, wir wollen Taten!“ Sie lehnen es ab, sich vertrösten zu lassen, mit dem Hinweis, irgendwelche höheren Mächte würden es schon richten. Stattdessen fordern sie zu einem kompromisslosen Handeln auf, hier und jetzt. Für ein Leben ohne Angst, hier und jetzt. Diese kompromisslose Forderung nach einem Leben ohne Angst, ohne Existenzangst, vorgetragen von einer jungen, neuen Generation, ist es, das über Grenzen hinweg begeistert und bewegt. Ich bin sicher, dass Emma Gonzales wegen dieser Botschaft zur Friedenspreisträgerin gewählt wurde. Kinder haben ja immer etwas mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu tun. Und wenn sie das auch noch selbst in die Hand nehmen wollen – „Wir werden die Kinder sein, von denen du in den Schulbüchern lesen wirst!“, sagte Emma – dann kann man sie natürlich nur dabei unterstützen.

Nebenbei bemerkt: Dass diese jungen Leute in der Lage sind, vor einem Millionenpublikum aufzutreten und ihre Argumente vorzutragen, das ist auch ein Ausdruck gelungener Bildung. Und das freut mich als Dozentin natürlich besonders.

Es ist noch keine zwei Wochen her, da sah ich mit einigen meiner Schüler an einer Stuttgarter Berufsschule die Rede von Emma Gonzales im Internet an. Meine Schüler kommen aus den verschiedensten Teilen der Welt. Einer – nennen wir ihn hier Said – ist erst vor kurzem nach Deutschland geflohen. Er stammt aus Syrien, viele seiner Freunde sind tot, erschossen. Von Emma Gonzales hatte er noch nie etwas gehört. Said sagt selten etwas. Aber nachdem er die Rede von Emma gehört und einiges zu den Hintergründen erfahren hatte, meldete er sich: „In Syrien, wo ich herkomme“, sagte er, „werden jeden Tag Kinder erschossen. Warum protestieren die amerikanischen Jugendlichen nicht dagegen?“ Diese Frage war überhaupt nicht als Vorwurf oder in irgendeiner Weise moralisierend gemeint. Said hat einfach nachgedacht.

Das Recht auf ein Leben in Sicherheit, ohne Angst um die eigene Existenz ist schon in der amerikanischen Bill of Rights von 1789 und später in der internationalen Erklärung der Menschenrechte festgeschrieben. In Artikel drei heißt es: „Jeder hat ein Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.“ Das meint selbstverständlich Emma und Said. Aber Rechte müssen zur Geltung gebracht und durchgesetzt werden. Und zwar von uns allen.

Heute bedeutet das Recht auf ein „Leben in Sicherheit“ auch:

Sicherheit vor den skrupellosen Profitinteressen der Waffen- und Rüstungsindustrie,

Sicherheit vor einer Politik der Verarmung, zugunsten obszönen Reichtums,

Sicherheit vor Hasspredigern und homophoben Ideologen, egal ob in weißen Gewändern oder in dunklen Anzügen,

Sicherheit vor einer Politik, die gezielt Unsicherheit erzeugt, etwa durch die Errichtung von Schuldverhältnisse oder mittels Zeitverträgen die Angst um den Arbeitsplatz, also um das Auskommen überhaupt,

Sicherheit vor den Profitinteressen der Industrien, die die natürlichen Ressourcen der Erde ausplündern und dafür sogar eine Klimakatastrophe in Kauf nehmen.

Eine Gesellschaft zu gründen, in der das Leben weder Zweck noch Mittel ist, in der alle prekären Verhältnisse und damit Existenzängste abgeschafft sind – „For our Lives!“ – dafür lohnt es sich zu streiten und das wäre wahrlich: revolutionär.

Sidar Carman

Einfühlsam moderiert wurde die Gala von Cidar Carman. Ein Novum war in diesem Jahr die Preisverleihung des Minimalfilmwettbewerbs, der vom Jugendhaus Mitte im Rahmen der Aktion Vielfalt ins Leben gerufen worden ist.

Eröffnungsworte kamen vom Vorsitzenden der AnStifter, Ebbe Kögel.

Die jugendlichen Preisträger

 

Ebbe Kögel
Weltmusik von Lakvar

 

 

 

 

Musikalisch begleitete die interrnationale Gruppe Lakvar durch den Abend, mit Hajnalka Péter – Gesang, Zura Dzagnitze – Gitarre, Florian Vogel – Geige, Péter Papesch – Bass, Tayfun Ate, Perc, und Santino Scavelli – Schlagzeug .

Dank an unser Publikum

 

 

 

Reichen wir uns die Hände „Dialogpreis Schweizer Juden“
Imam, Rabbiner und Diakon unter den Preisträgern

Fremdenfeindlichkeit nimmt zu. Dagegen gilt es Zeichen zu setzen. Ein Beispiel: Mit einem großen Festakt in Bern wurde am 29. Mai der erste «Dialogpreis Schweizer Juden» vergeben. Gewinner des Preises, der vom Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund (SIG) und der Plattform der Liberalen Juden der Schweiz (PLJS) erstmals vergeben wurde, sind der Imam Muris Begovic und der Rabbiner Noam Hertig aus der Deutschschweiz, sowie der protestantische Diakon Maurice Gardiol und der jüdische Vorbeter Eric Ackermann aus der Westschweiz.

„Wir leben in paradoxen Zeiten“, sagte Bundespräsident Alain Berset in seiner Festrede vor rund 350 Gästen. Einerseits hätten die Menschen die Möglichkeit, sich umfassend zu informieren und über Grenzen hinweg auszutauschen. Andererseits würden insbesondere über Soziale Medien Gerüchte und Unwahrheiten gestreut, sodass sich Intoleranz, Fremdenhass und Antisemitismus weiter ausbreiten würden. „Wir dürfen nicht aufhören, die Aufklärung weiterzuführen“, sagte Berset.

Wie wichtig der Austausch ist, betonte auch Herbert Winter, Präsident des SIG: „Wir wollen den Zusammenhalt stärken und sind überzeugt, dass der Dialog ein Weg ist, um dies zu erreichen. Der Dialog ist nötig und unverzichtbar, damit Menschen mit unterschiedlichsten Lebensentwürfen zusammenfinden.“ Winter unterstrich dies mit dieser Lagebeschreibung:

„Wir leben in Zeiten, in denen dieser Zusammenhalt auf die Probe gestellt wird. Fremdenfeindlichkeit wird immer offener gezeigt. Intoleranz macht sich breit. Antisemitismus, Rassismus, Hetze gegen Andersdenkende und Anderslebende. Wir, die Schweizer Juden und Jüdinnen, die ebenfalls immer wieder davon betroffen sind, wollen mit dem heutigen Abend ein Zeichen setzen. Wir wollen den Zusammenhalt stärken. Wir sind überzeugt, dass der Dialog ein Weg ist, um dies zu erreichen. Ja, er ist nötig und unverzichtbar, damit Menschen unterschiedlichster Lebensentwürfe zusammenfinden. Deshalb steht heute Abend der Dialog im Zentrum. Heute reichen wir uns die Hand.“

FDP-Nationalrat Beat Walti, Co-Präsident der Parlamentarischen Gruppe gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, hielt die Laudatio für die Preisträger, den ICZ-Rabbiner Noam Hertig aus Zürich und den Imam Muris Begovic aus Schlieren. Die beiden Preisträger fördern seit Jahren den Dialog und Austausch zwischen Juden und Muslimen. Die beiden leiteten auch die erste jüdisch-muslimische Dialogveranstaltung von SIG/PLJS und den muslimischen Dachverbänden KIOS und FIDS. Für die Westschweiz erhielten der protestantische Diakon Maurice Gardiol und der jüdische Vorbeter Eric Ackermann den Dialogpreis, dies für ihre Arbeit in der interreligiösen Plattform Genf. Im Namen der Schweizer Jüdinnen und Juden gratulierte Jean-Marc Brunschwig, Co-Präsident der PLJS, den Preisträgern.

Der Dialogpreis ist mit zweimal 10.000 Franken dotiert und wird für ein gemeinsames Dialogprojekt eingesetzt werden. Beat Walti: „Dieser Dialogpreis ist nicht ein Preis unter vielen. Für mich ist es der richtige und wichtige Preis in einer Zeit, in der Fremdenfeindlichkeit schwelt und Antisemitismus wieder auflodert.“

Likrat – Vorzeigeprojekt in Sachen Dialog unter Jugendlichen

Die Grüne Nationalrätin Lisa Mazzone präsentierte ausserdem das Projekt Likrat (aus dem hebräischen „auf einander zu“). Zudem wurde ein Dokumentarfilm über das Projekt uraufgeführt. Jüdische Jugendliche werden in eine Schulklasse eingeladen und stellen ihr Judentum vor. Dank der Auseinandersetzung mit einer anderen Religion entsteht Sensibilisierung und Toleranz gegenüber dem Judentum und anderen Minderheiten. Das seit Jahren erfolgreiche Schweizer Dialog-Projekt wurde bereits ausgeweitet nach Deutschland, Österreich und Moldawien.

Der Abend «Dialogpreis Schweizer Juden» endete ganz im Sinne des Dialogs – während des Ramadans mit einem gemeinsamen Fastenbrechen von Muslimen, Juden und Christen.

SIG/Hermann Zoller

Weitere Informationen:

Informationen zu den Preisträgern auf der Website der Veranstaltung: https://www.dialogpreis.ch/

Für Informationen zum Dialogprojekt Likrat: http://www.likrat.ch/de/

Aslı Erdoğan plant Lesung in Stuttgart

Aslı Erdoğan kommt nach Stuttgart: Die Trägerin des Stuttgarter FriedensPreises 2017 der AnStifter kommt Anfang Mai oder Anfang Juni zu einer Lesung nach Stuttgart. Elka Edelkott, Geschäftsführerin der AnStifter, traf die Autorin jetzt in Frankfurt.
Aslı Erdoğan war am 10. Dezember bei einem Unfall auf dem Weg zur FriedensGala schwer verletzt worden und konnte deshalb ihren Preis nicht selbst entgegennehmen. Inzwischen geht es ihr gesundheitlich wieder besser.
In der Türkei wird der Prozess gegen Aslı Erdoğan am 6. März fortgesetzt. Sie wird dort von ihrem Anwalt vertreten.

Streiks für das Streikrecht

Wieder fliegen Steine, sind Sprechchöre zu hören, Busse und Bahnen fahren nicht, selbst in Krankenhäusern wird auf Sparflamme gearbeitet. Dieses Bild sind wir aus Griechenland gewohnt. Aber schauen wir doch mal etwas genauer hin.

In Griechenland ist in früheren Jahren vieles aus dem Ruder gelaufen. Reiche wurden noch reicher; der Staat hat ihnen geholfen dabei und verschuldete sich immer mehr. Damit das EU-Land nicht völlig in die Knie geht, wurde Griechenland aus EU-Töpfen Kredite gewährt; Geld das aber nie in Griechenland ankam, weil es gleich auf die Konten der internationalen Spekulanten gezahlt wurde.

Um diese Kredite bezahlen zu können, musste Griechenland seine wertvollsten Besitztümer an private Investoren verscherbeln. Und die Bevölkerung bekam den harten Sparkurs besonders drastisch zu spüren: Stellenabbau, Rentenkürzungen, steigende Preise, drastische Beschneidung des Gesundheitssystems. Und nun wurde das Streikrecht erheblich beschnitten; es läuft auf ein Verbot hinaus.

Bei uns, in Deutschland, sind keine Proteste zu hören. Eigentlich sollte man diese schon aus Solidarität erwarten. Nichts rührt sich – dabei hätten wir allen Grund, auf der Hut zu sein: 1. Die Beschneidung des Streikrechts wird auch von der deutschen Regierung zumindest mitgetragen. 2. Auch in Deutschland gibt es Forderungen, das Recht auf Arbeitsverweigerung erheblich weiter einzuschränken.

Also: was da anderen aufs Auge gedrückt wird, könnte eines Tages auch uns hier treffen. – Wir sollten deshalb gut aufpassen.

Aslı Erdoğan mit dem Stuttgarter FriedensPreis geehrt

Es ist ein Zufall der passt: der 10. Dezember ist der internationale Tag der Menschenrechte. An diesem Sonntag haben die AnStifter die türkische Schriftstellerin Aslı Erdoğan mit dem Stuttgarter FriedensPreis für ihren Mut, über die Wahrheit zu schreiben, geehrt. Im Stuttgarter Theaterhaus nahm ihr Verleger Wolfgang Ferchl den Preis entgegen. Aslı Erdoğan konnte an der Veranstaltung leider nicht teilnehmen, weil auf dem Weg nach Stuttgart ein Verkehrsunfall sie zur Umkehr zwang. Die Moderation hatte Sidar Carman von der DIDF übernommen.

(Der Stuttgarter Friedenspreis wurde von der Vorsitzenden der AnStifter, Dr. Annette Ohme-Reinicke, an den Verleger von Aslı Erdoğan, Wolfgang Ferchl, übergeben. Im Bild von links: Moderatorin Sidar Carman, Wolfgang Ferchl, Dr. Annette Ohme-Reinicke und Laudatorin Elisabeth Abendroth.)

(Bei der Preisverleihung zeigte das Publikum Plakate mit den Namen von 150 in der Türkei verhafteten Journalistinnen und Journalisten und demonstrierte damit für ihre Freilassung und für Pressefreiheit.)

Während der FriedensGala demonstrierte das Publikum mit dem Zeigen von Namensschildern Solidarität mit all jenen, die in der Türkei noch immer verfolgt werden. Die Laudatorin, Elisabeth Abendroth zitierte Aslı Erdoğan: „An einem Verbrechen nicht Mittäter zu sein, ist mehr als ein Recht oder eine Pflicht, unser eigentlicher Daseinsgrund. Wir Heutigen begehen unser eigentliches Verbrechen dadurch, dass wir weghören und schweigen. Nicht nur zu den Ereignissen von 1915 und 1938, sondern auch zu dem, was heute geschieht, in dieser Stunde…“ – Sätze, die als Hilferuf, vor allem aber als Appell verstanden werden sollten.

Traditionell beendet wurde die FriedensGala von Peter Grohmann mit „Mein letztes Wort“. Seine Lagebeurteilung ist eindeutig, leider sehr unerfreulich: Unsere Freiheit ist in Gefahr; autoritäre Bestrebungen nehmen zu. Deshalb, so Grohmann: „Und jetzt, Leute, Freunde, Bürgerinnen: Wir müssen noch einmal aufstehen. Das ist unsere Erzählung: Die von Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit. Die von Frieden, Solidarität und Gerechtigkeit, davon, dass das eine nicht ohne das andere geht. Das sind die besseren Ideen. Es sind keine Erzählungen von gestern, sondern die von morgen. Auf nach Utopia. Wir dürfen träumen. Es sollen Träume sein von einem anderen Leben, die jeder Mensch nachträumen kann. Aber dann stehen wir auf!“

Text Hermann Zoller, Fotos Joe Röttgers, Michael Seehoff, Hermann Zoller

„Kraftlinien“ – Welthebel Peter Grohmann

Peter Grohmann ist jetzt 80. Über die Geburtstagsfeier im Theaterhaus haben wir hier schon berichtet. Eine Überraschung ist nachzutragen. Im Trubel der Geburtstagsfeier ist ein sehr schönes Geschenk aus dem Freundeskreis der AnStifter fast untergegangen: Jochen Stankowskis Skulptur Kraftlinien.

Die Überraschung ist gelungen. Peter Grohmann hat nichts davon mitbekommen. AnStifter-Freunde sammelten Geld und Jochen Stankowski entwickelte die Skulptur. Am 4. November wurde diese nun in Grohmanns Garten aufgestellt. Ihr Name: „Kraftlinien“. Sie drücken Leichtsinn und Lebensfreunde aus – und eine „zielführende“ Risikobereitschaft, kommentiert Peter Grohmann das Strahlenbündel.

Jochen Stankowski beschreibt sein Werk so: Die reine Form bei dieser Plastik hier, ist die Linie. Eine Linie ist ein bewegter Punkt. Durch die Reihung des Punktes zur Linie entsteht eine neue Qualität. Das Umschlagen von Quantität in Qualität ist eines der dialektischen Gesetze. Ein arabisches Sprichwort sagt: Stiehl ein Kamel so wirst du gehängt, stiehl tausend Kamele, so wird mit dir verhandelt. Für René Descartes bildet die Aussage ‚Ich denke, also bin ich“ einen ‚Archimedischen Punkt‘. Wenn Archimedes nur einen festen Punkt und einen ausreichend langen Hebel hätte, könne er ganz alleine die Erde anheben. Der Ausgangspunkt kann eine Idee, eine Betroffenheit oder ein anderer Impuls sein. Die einzelnen Linienpunkte beginnen ihre Bewegung auf einem Untergrund und treffen, berühren, stützen sich im Fortschreiten. Sie bilden ein neues, gemeinsames Ganzes. Die Figur wird zum Träger der Bedeutung ‚Kraftlinien‘ und als solche, zum Gegenstand der Wahrnehmung: „Welthebel Peter Grohmann und Die AnStifter.“

Peter Grohmanns kurzer und treffender Kommentar: „Schön wär’s!“

Text und Fotos: Hermann Zoller

Nicht wählen gehen – keine gute Entscheidung

Haben Sie Vertrauen in die Parteien? Am 24. September haben wir jedenfalls mal wieder Gelegenheit, unsere Stimmungslage mit zwei Kreuzchen zu Papier zu bringen. Aber es gibt nicht wenige Bürgerinnen und Bürger, die meinen, dass das doch alles nichts bringt, dass man den Politiker*innen eh nicht trauen kann – und man deshalb am besten zu Hause bleibt, um auf diese Weise wenigstens seine Verachtung zu zeigen. Diese Haltung kann man menschlich verstehen, aber die Konsequenz daraus, Wahlverzicht zu üben, bewirkt genau das Gegenteil von dem, was man eigentlich erreichen möchte – vereinfacht gesagt: die nicht abgegebene Stimme schlägt sich auf dem Konto gerade jener Parteien nieder, die man bestrafen möchte.
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