Rübe runter!


Der Türke an sich gilt als sauber, menschlich und ist zudem als angenehmer Gastgeber beliebt. Er ist belesen, fleißig und kinderfreundlich, heimatlieb, humorvoll und häufig weltoffen – nehmen wir als positives Beispiel nur Deniz Yücel. All diese Attribute kann man dem Deutschen an sich auch zubilligen – ich nenne nur Deniz Yücel. Türken und Deutsche haben aber noch mehr Gemeinsamkeiten. Fast jeder dritte Deutsche wünscht sich einen starken Führer – in der Türkei ist es jeder zweite, und rund ein Viertel der Deutschen würde gern ein Zuwanderungsverbot für Muslime festschreiben. Auch jeder dritte Türke will keine christlichen Nachbar haben, nicht einmal atheistische oder jüdische. Letzteres deckt sich mit den Erkenntnissen über die Wünsche von uns Deutschen.   Doch auch zum Stichwort Armenien gib’s viel Gemeinsames. Bis zu 1,5 Millionen Armenier, christliche Untertanen des muslimischen Reiches, verhungerten und verdursteten auf grauenhaften Deportationsmärschen in unwirtliche Gegenden im Osten Kleinasiens oder wurden gleich erhängt, geköpft, erschossen. Deutsche Offiziere haben die osmanischen Offiziere ausgebildet, waren an den wichtigsten Stellen im osmanischen Generalstab. „Unser einziges Ziel ist, die Türkei … an unserer Seite zu halten, gleichgültig ob darüber Armenier zu Grunde gehen oder nicht. Wir werden die Türken noch sehr brauchen“, prophezeite der Liberale Theobald von Bethmann Hollweg schon im Sommer 1915.

Es ist nicht allzulange her, dass die deutschen Massen auf die Frage: „Wollt ihr den totalen Krieg?“ bei vollem Verstand und begeistert „Ja“ riefen, dass sie sich mit Gott für Führer, Volk und Vaterland aufmachten, die Welt zu erobern, gestärkt durch freie Wahlen, den Segen der Kirche und die Unterstützung der Industrie. Wer die Demontage der Demokratie in der Türkei beklagt, muss die Demokratie im eigenen Lande nicht nur schützen, sondern stärken. Im Falle des Deniz Yücel machen momentan die Videos des IS über die Enthauptung einer (deutschen) Geisel die Runde – und eine wohlmeinende Journalistin schrieb mir: „Wenn die Inhaftierung eines türkischen Hetzers mehr Empörung hervorruft, als die Enthauptung eines Landsmannes, dann bist du in Deutschland.“

In Deutschland, wo die Kollegen bei einer Solidaritätskundgebung für Deniz im Dienst blieben, statt für ein Stündle auf die Straße zu geben – für’s freie Wort. Wenn der rechte Mob im Netz „Rübe runter!“ fordert, brauchen auch die Medienleute mehr Arsch in der Hose.

*) Peter Grohmann ist Kabarettist und Initiator des Bürgerprojekts Die AnStifter

Über Peter Grohmann

Peter Grohmann, Jahrgang 1937, Breslauer Lerge, über Dresden auf d‘ Alb, dann runter nach Stuttgart: Schriftsetzer und Kabarettist,
Autor und AnStifter gegen Obrigkeitsstaat und Dummdünkel. Mitgründer: Vom Club Voltaire übers undogmatische Sozialistische Zentrum, vom Theaterhaus zu den AnStiftern.
Motto: Unruhe ist die erste Bürgerinnenpflicht.
Was ärgert Grohmann? Alle, die den Arsch nicht hochkriegen, aber dauernd meckern.
Und an was erfreut er sich? An Lebensfreude und Toleranz