Augen zu und durch

Augen zu und durch, ihr Demokraten! Die Welt geht nicht unter, wenn es keine GroKo gibt – und auch nicht wenn doch. Besser wäre, auf’s freundliche Feuer in der Welt zu sehen, auf die brandgefährlichen Superhelden Erdogan, Netanjahuhu, Trump, Kim, auf die Populisten, die momentan die Welt erobern und denen wir kriegstauglich unter die Arme greifen.

Seltsam, die neue Gläubigkeit bei uns. Vermutlich haben wir vom Lutherjahr was abbekommen, fürchtet meine Omi Glimbzsch in Zittau. Die Aufregung über immer neue Sauereien etwa bei Daimler hält sich in Grenzen – wer will es sich schon mit Kleinkriminellen, die viel Knete haben, verderben? Es juckt im Lande kaum einen, wenn da irgendwo im Walde bei Büchel Atomsprengköpfe lagern oder dass eine komische Kommandozentrale in Vaihingen bei Möhringen die weltweiten Einsätze des US-Militärs lenkt. Die Zahl der Auf- und Abgeklärten, die ab und an vor den Toren protestierend ihr Schildle hochhalten, ist mehr als bescheiden. Wird schon nicht schiefgehen. Wegschauen, und notfalls hilft beten wie in Polen, wo unsere Partner die Demokratie demontieren. Beispielhaft.

Ja, natürlich werden die Türken die Panzer bekommen, aufgehübscht, und wenn alles läuft wie geplant, auch gleich eine ganze Fabrik. Wetten, dass? Die Lieferanten sind auf der sicheren Seite – das Lobbyregister ist perdu und ausgemerzt im gutgeredeten Koalitionsvertrag. Noch klagen ja die Linken in der SPD über Mobbing und Ausgrenzung – der Parteivorstand habe kaum Möglichkeiten gegeben, Gegen-GroKo-Argumente halbwegs ordentlich zu präsentieren. Kinder, wo lebt ihr denn? Ihr solltet doch euren Vorstand besser kennen! Wir hier im Süden sind da natürlich seit der Volksabstimmung über Stuttgart 21 (2011) in einer beneidenswerten Lage – wir kennen unsere Pappenheimer. Wir wissen (nicht erst seit dieser Abstimmung), was die geballte Macht von Medien, Vorständen, Unternehmen und Regierungen etc. pp. alles vermag.

Wie schön: Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Aber wo geht sie bloß hin? Was ich sagen will: Ich erwarte mehr von mir und Ihnen, in jeder Beziehung. Und bald.

Über Peter Grohmann

Peter Grohmann, Jahrgang 1937, Breslauer Lerge, über Dresden auf d' Alb, dann runter nach Stuttgart: Schriftsetzer und Kabarettist, Autor und AnStifter gegen Obrigkeitsstaat und Dummdünkel. Mitgründer: Vom Club Voltaire übers undogmatische Sozialistische Zentrum, vom Theaterhaus zu den AnStiftern. Motto: Unruhe ist die erste Bürgerinnenpflicht. Was ärgert Grohmann? Alle, die den Arsch nicht hochkriegen, aber dauernd meckern. Und an was erfreut er sich? An Lebensfreude und Toleranz