Afghanistan ist sicher –

fast so sicher wie Aleppo – aber nicht so sicher wie etwa ein Kirchgang bei Glatteis, bei dem auch der Frömmste auf’s Kreuz fallen kann. In diesen Tagen und rechtzeitig vor dem Fest beginnen die Zwangsabschiebungen an den Hindukusch, und vielleicht bekommt ja jeder Betroffene einen der 30 Artikel aus der Erklärung der Menschenrechte mit nach Hause, um seinen Liebsten eine Freude zu machen? Wer noch gut zu Fuß ist, kann ja damit zum Beispiel auf Werbetour durch Minenfelder gehen und beim IS oder den Taliban Überzeugungsarbeit leisten, damit die die Heckler & Koch wieder abgeben. Denn jeder einzelne Artikel ist ein wirklich überzeugendes Argument gegen religiöse Fundamentalisten und Fanatiker, herausgeschnitten aus den Herzen der Zivilisation. Bereits der Artikel 1 liest sich wie ein Weihnachtsmärchen: Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen. „Was Sie nicht sagen!“, würde meine Omi Glimbzsch aus Zittau überrascht ausrufen, denn sie weiß ja: Recht haben und Recht bekommen ist Einerlei, vor allem, wenn die Rechten den Ton angeben.

Passgenau zum Tag der Menschenrechte erhält Aslı Erdoğan am 10.Dezember den Stuttgarter Friedenspreis der AnSifter. Wie viele ihrer Landsleute und unser Freund Denis Yüksel würde sie gern noch mehr auf die Einhaltung der Menschenrechte pochen, wo andere auf sie pfeifen. Und so, wie von deutschem Boden so gut wie nie wieder ein Krieg ausgehen sollte, haben ja nach Artikel 8 GG „alle Deutschen“ das Recht, sich am 9. Dezember in Stuttgart mit Anmeldung und Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zur landesweiten Demo zu versammeln – „für eine Welt, aus der niemand fliehen muss“. Keine Angst, es kommen nie alle Deutschen, weil viele Angst haben und der Arsch in der Hose auf dem Weihnachtsmarkt bummelt. So geht alles seinen Gang.

Der eine sucht in diesen besinnlichen Tagen nach dem Sinn der Menschenrechte, der andere nach dem Kern der SPD, der uns fehlt. In den Weissagungen des Willy Brandt heißt es ja, dass es keinen Sinn hat, „die Mehrheit für die Sozialdemokratie zu erringen, wenn der Preis dafür ist, kein Sozialdemokrat mehr zu sein.“ Ist das jetzt Unsinn?

Über Peter Grohmann

Peter Grohmann, Jahrgang 1937, Breslauer Lerge, über Dresden auf d‘ Alb, dann runter nach Stuttgart: Schriftsetzer und Kabarettist,
Autor und AnStifter gegen Obrigkeitsstaat und Dummdünkel. Mitgründer: Vom Club Voltaire übers undogmatische Sozialistische Zentrum, vom Theaterhaus zu den AnStiftern.
Motto: Unruhe ist die erste Bürgerinnenpflicht.
Was ärgert Grohmann? Alle, die den Arsch nicht hochkriegen, aber dauernd meckern.
Und an was erfreut er sich? An Lebensfreude und Toleranz

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