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Rosenkranz mit Blockflöten


Während an Polens Außengrenzen zehntausende Katholiken mit dem Rosenkranz herumfuchteln, um Muslime abzuschrecken oder gleich in die Hölle zu schicken, behauptet in Rom der Sozi Franziskus, wir seien alle Brüder – denn „wir haben alle einen gemeinsamen Vater.“ Wenn das Maria wüsste! Der Pole selbst hört lieber weg.
In der Heimat fiebert die SPD unterdessen der Wiederauferstehung von Willy Brandt entgegen. Wolle mer’n reinlasse? Das wäre dann die absolute Obergrenze! Die seriösen Medien machen sich inzwischen auf die Suche nach Gerechtigkeit und Solidarität. Nein, nicht bei sich, sondern bei den Sozialdemokraten. Sie wollen, so sieht’s aus, der SPD wieder in den Sattel helfen, zum sozialistischen Steigbügelhalter werden. Von der Welt über die FAZ bis zum Tagesspiegel, vom Spiegel übers ZDF bis zu den Privaten machen sich dieser Tage alle ernstlich Sorgen, was denn um Himmels Willen aus der SPD warum geworden ist. So wie die (Leit-)Medien, etwas verschämt zwar, aber doch in überraschender Einheit, seinerzeit Peter Hartz hochjubelten, haben sie in diesem Jahr fast unisono den Wahlkampf der Großen und Anständigen begünstigt – und den Kleinen den Sperrsitz zugewiesen, wenn überhaupt. Wolle mer’se reilasse? Nicht wirklich. So nimmt die Unfähigkeit zu, nicht Wunder, zum Beispiel, die großen meinungsbildenden Promi-Polit-Shows kritisch zu begleiten.
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Die alten Männer und die Jugend

Ein alter Mann und die Jungen haben die herrschenden Verhältnisse in Groß-Britannien zum Tanzen gebracht. Was macht die Faszination der alten Männer auf die Jugend in Amerika, Frankreich und Groß-Britannien aus? Ist es die Ehrfurcht vor dem Großvater oder ist es das Phänomen, dass man sich eher mit dem Opa als mit dem Vater verständigen kann weil der Vater die Macht hat, der Opa die Weisheit?

Was haben Corbyn, Sanders und Mélenchon, was ihre Konkurrenten nicht haben? Dieser Frage geht der leichtfüßig daherkommende Essay von Eva Ladipo in der Welt nach.

Labour-Partei gewinnt mit sozialdemokratischem Programm

Die sozialdemokratische Labour-Partei holte sich 40 Prozent der Stimmen (2015: 30%) ausgerechnet mit einem klassisch sozialdemokratischen Programm.

„Hä? Irgendetwas stimmt hier gar nicht!“, stottert der SPD-Fraktionsvorsitzende Thomas Oppermann, während er sich immer wieder kräftig in den Arm zwickt. „Ich kann es mir momentan nur so erklären, dass Labour die Wahl mithilfe von schwarzer Magie beeinflusst hat. Es ist nämlich unter normalen Umständen völlig unmöglich, im 21. Jahrhundert mit echten sozialdemokratischen Ideen wie zu Willy Brandts Zeiten Wählerstimmen zu holen, das weiß doch jedes Kind.“

Quelle: Postillon

Blut und Boden


Nahezu die ganze „Welt“ ist dagegen, dass die etwas Reicheren unter uns durch die Vermögenssteuer zur Kasse gebeten werden. Da gibt’s eine Union von der FAZ über die SZ bis zum Handelsblatt. Als Ausgleich könnten ja die Mautobahnen privatisiert werden. Wo du hinguckst: Eine Wahl zwischen Pest und Cholera oder Pocken! Die Pest hat knapp gewonnen, jedenfalls in den Staaten, sagen Unternehmensberater, und die haben sich vorher impfen lassen, zur Sicherheit gegen alles. Donald Trump weiß ja auch: Jemand muss das Drecksgeschäft machen. Deshalb wird er vorerst nur zwei bis drei statt geplanten elf Millionen Migranten ausweisen. Der Weg vom Tellerwäscher zum Millionär ist keine Einbahnstraße, wusste schon Bernie Sanders. Keiner redet mehr über ihn. Sanders hätte, was die verbitterte Arbeiterschaft und die wahlmüde, daheimgebliebene Jugend anging, das Zeug gehabt, Trump zu schlagen. Nur er.

In grauer Vorzeit haben die Siedler, in der einen Hand die Bibel, in der anderen die Flinte, die Rothäute ausgewiesen, besoffen gemacht oder erschossen und sich dann das Land zu eigen gemacht. Historiker behaupten gar, der weiße Wähler hätte mit Pocken infizierte Decken an die Ureinwohner verteilt – ganz nach dem Credo der Herrschenden, deren Zeitung The North-West im Mai 1859 schrieb, „…die Indianer sind eine abscheuliche und arbeitsscheue Rasse, von keinerlei irdischem Nutzen für sich oder sonst irgend jemanden.“ Das könnt‘ Donald Trump gesagt haben. Seitdem die Roten überall den Kampf um ihren Boden verloren haben, ist der weiße Mann im Vormarsch, in Frankreich sogar als Frau. In Europa sind reaktionäre und faschistische Kräfte auf dem Vormarsch, stellen selbst die Kieler Nachrichten fest, der Spiegel gar weiß, dass sich Präsident Erdogan zu Hitler als Vorbild bekennt. Wir ignorieren das. Vor zwei Jahren hatten unsere Analysten noch orakelt, Pegida habe sich endgültig ausgelutscht (Gefahr erkannt – Gefahr gebannt). Heute wissen wir, dass die Eliten aus dem Hause Blut und Boden das Zeug haben, in freien Wahlen in die erste Liga aufzusteigen. Droht also ein rechtes Debakel? „Haben wir schon“, behauptet meine Omi Glimbzsch in Zittau. Oder sieht das wer anders? 450 gewalttätige Attacken gegen gegen Politiker und Flüchtlingshelfer hat das BKA 2016 schon gezählt. Aber nun beruhigen Sie sich mal, das Jahr ist doch noch nicht zu Ende! Und das Innenministerium hatte vor acht Wochen noch ganz andere Zahlen parat. Nach denen gab es seit Jahresbeginn mehr als 800 Übergriffe allein auf Amts- und Mandatsträger.

Ich will niemanden Angst machen – die Angriffe auf Migranten habe ich deshalb gar nicht erst mitgerechnet, auch nicht die auf Schwule, Linke, Behinderte, Dunkelhäutige oder Juden. Nach Ansicht des BKA ist es den Tätern egal, ob eine attackierte Unterkunft bewohnt ist oder nicht. Kommt Zeit, kommt Rat, kommt zu spät.

*) Peter Grohmann ist Kabarettist und Initiator des Bürgerprojekts Die AnStifter

Wahl
Nach- und Vorsicht

Gewinner? Verlierer? Unterm Schirm der AnStifter hat Muhterem Aras, grüne Stimmenkönigen mit 42%, ebenso Platz wie Hannes Rockenbauch von den Linken oder Maria Hackl von der SPD, Außerparlamentarische oder Nichtwählerinnen. Wer die AnStifter unterstützt, praktisch, ideell oder finanziell, kann mehr oder weniger katholisch sein oder Freidenker, Marxistin, liberal oder konservativ– es gibt bei uns weder eine selig machende noch eine verbindliche theoretische, weltanschauliche, religiöse oder ideologische Basis- nicht einmal zu Stuttgart21. Vielfalt und Unabhängigkeit sind unsere Stärken. Für Gewalt, Rassismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit gibt’s bei uns keinen Platz. Willkommen sind alle, die laut werden, tolerant bleiben, Zivilcourage und Eigensinn zeigen und streiten wollen. Eine Liste der Beliebigkeit? Wir stellen die sicheren Herkunftsländer in Frage, wir müssen das Maul aufmachen, wenn in Budapest, Ankara oder Warschau die demokratischen Reste zusammengekehrt werden. Wir sind mehr als skeptisch, was den inneren Zustand der Republik angeht: Überwachung, Kontrolle, Verfassungsschutz, brennende Häuser und die gestärkte Rechte. Wir wissen, dass die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden, dass die Bürgerschaften gestärkt werden müssen und dass man Wahlversprechern nicht über den Weg trauen darf, auch nicht den eignen.

Wir haben keine Patentrezepte.

Aber wir sollten uns zusammensetzen.

Gestern hatte ein gemeinsamen Projekt im Haus der Geschichte Premiere: Der Dokumentarfilm „Viktors Kopf“. Die Regisseurin Carmen Eckhardt sucht Partner, die den Streifen in diesem Jahr aufführen. Sie stellt sich anschließend auch den Fragen der Zuschauer.
Kontakt: info@seemorefilm.de. Zum Trailer.
Sie haben uns bei diesem Film ebenso geholfen wie bei der Arbeit über „Medizinverbrechen in der NS-Zeit“: Das 300-Seiten-Buch (17,90, verlag@die-anstifter) ist wie der Film eine einzigartige Dokumentation – aufklärerisch in einer Zeit, in der bei uns nebenan einem Täter von Marzabotto eine Ehrenmedaille verpasst wird.

Lausige Zeiten? Zeit, um lauter zu werden. Zeit für AnStifter.

Abschied von Peter Conradi: Einer der Aufrechten, Deutlichen ist am 9. März 2016 gestorben. Die Trauerfeier findet am 20. März, um 13 Uhr, im Theaterhaus statt.
Peter Grohman, Ebbe Kögel, Evy Kunze, Fritz Mielert

P.S.: Noch keinen Vorschlag für den Friedenspreisträger 2016 gemacht? Bis zum 31. März freuen wir uns auf Ihre & Eure Ideen unter kontakt@die-anstifter.de.