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Reparieren, Frickeln, Basteln – Probelauf des Repair Cafés im Stuttgarter Westen

Reparieren, Frickeln, Basteln – das Repair Café im Stuttgarter Westen hat den Probelauf bestanden und sich selbst für den Alltag zugelassen. Am Sonntag waren ca. 25 Personen im WestQuartier und trafen sich erstmals unter praktischen Bedingungen. Dabei wurden unter anderem Stühle, Wasserkocher und ein Tisch repariert und Tipps für die Reparatur eines Laptops gegeben. Die Reparatur einer Nähmaschine, womit Kleidung ausgebessert werden könnte, scheiterte leider. Dass es genügend Bedarf gibt, zeigte sich auch daran, dass schon eine To-Do-Liste der Gegenstände für das nächste Mal erstellt wurde. Dann gibt es auch wieder an mehreren Stationen die Möglichkeit, Alltagsgegenstände reparieren zu lassen. Experten und Laien im Bereich Holz, Elektronik, Mechatronik und (hoffentlich) Textil stehen dann zur Verfügung, reparieren selbst oder geben Tipps.
Genauso arbeitet auch das zweite Repair Café in Stuttgart. Dort liegt der Schwerpunkt mehr auf elektronischen Geräten und findet alle drei Monate sonntags im shackspace in Wangen statt.

Die Idee des Repair Cafés kommt aus Amsterdam, wo es 2009 zum ersten Mal durchgeführt wurde, und sich schnell in den Niederlanden und in der ganzen Welt ausbreitete. Dahinter stecken hauptsächlich Umwelt- und Nachhaltigkeitsgedanken. Außerdem soll zur Selbsthilfe und Nachbarschaftshilfe animieren.
Anschluss an den Gedanken einer Änderung der gesamten Produktionsweise gibt es durch das Konzept der Postwachstumsökonomie (siehe Vortrag von Niko Paech in Stuttgart).
Insbesondere das Problem der geplanten Obsoleszenz führt dazu, dass immer mehr Dinge weggeworfen werden, weil es sich angeblich nicht lohnt, sie zu reparieren. D.h. vor allem elektronische Geräte werden absichtlich so gebaut, dass sie nach einer bestimmten Zeit kaputt gehen und evtl. schwierig zu reparieren sind, da Spezialwerkzeug benötigt wird oder das Gerät verklebt statt verschraubt wurde. Eine Studie spricht sogar von jährlich 100 Mrd. Euro wirtschaftlichem Schaden durch geplante Obsoleszenz.

Wie auch immer: Geräte gehen früher oder später kaputt und in anderen Kulturkreisen ist völlig selbstverständlich, dass Gegenstände repariert werden. In gewisser Weise geht es auch darum zurück zu einer neuen Normalität zu kommen – oder vorwärts zu alten Gewohnheiten, je nachdem ob Fortschritt bedeutet, immer das neueste Modell eines Rasierapparats besitzen zu wollen oder einfach die Klingen auszuwechseln.

Ob Weltveränderer, Konsumkritiker oder Bastelfreak – beteiligen kann sich jede und jeder, zum Reparieren, Organisieren, Vernetzen oder Nachbarn kennenlernen. Alles ist selbstorganisiert, freiwillig, nicht-kommerziell und spendenbasiert. Als nächstes Ziel soll ein Vorrat an Schrauben und Verbrauchsmaterial angeschafft werden. Man kann also nicht nur Reparaturgegenstände, sondern auch Sachspenden und Bargeld mitbringen.
Die nächsten Termine sind am Samstag, 5. Juli und am 2. August, jeweils 10-14.30 Uhr im WestQuartier am Bismarckplatz, Elisabethenstr. 26, Stuttgart-West.

Niko Paech
Vom Wachstumsdogma zur Postwachstumsökonomie

Mitschnitt eines Vortrags vom 7. April 2014 im Württembergischen Kunstverein auf Einladung des Klima- und Umweltbündnisses Stuttgart, der AnStifter, der Kaktus-Initiative innerhalb der IHK und des BUND Stuttgart.

Niko Paech: Vom Wachstumsdogma zur Postwachstumsökonomie

Die lang gehegte Hoffnung, dass wirtschaftliches Wachstum durch technischen Fortschritt nachhaltig oder klimafreundlich gestaltet werden kann, bröckelt. Weiterhin scheint ein auf permanente ökonomische Expansion getrimmtes System kein Garant für Stabilität und soziale Sicherheit zu sein. Darauf deuten nicht nur die Eskalation auf den Finanzmärkten und die Schuldenkrisen hin, sondern auch die Verknappung jener Ressourcen („Peak Everything“), auf deren unbegrenzter und kostengünstiger Verfügbarkeit das industrielle Wohlstandsmodell bislang basierte. Zudem nährt die sog.„Glücksforschung“ den Befund, dass Steigerungen des monetären Einkommens ab einem gewissen Niveau keine weitere Zunahme des subjektiv empfundenen Wohlbefindens hervorruft. Folglich ist es an der Zeit, die Bedingungen und Möglichkeiten einer Postwachstums-Ökonomie auszuloten. Letztere ist das Resultat eines prägnanten Rückbaus arbeitsteiliger, geldbasierter und globalisierter Versorgungsmuster. Stattdessen werden Suffizienz und urbane Subsistenz als Ergänzung eines merklich reduzierten und zugleich umstrukturierten Industriesystems bedeutsam sein. Aus Konsumenten werden souveräne Prosumenten, die mittels reaktivierter Subsistenzressourcen (z.B. Handwerk) zur gemeinschaftlichen Versorgung beitragen. Zudem ist die Postwachstumsökonomie durch Sesshaftigkeit gekennzeichnet, also durch Glück ohne Kerosin.

Prof. Dr. Niko Paech ist Wirtschaftswissenschaftler und vertritt den Lehrstuhl für Produktion und Umwelt an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Er forscht und lehrt unter anderem in den Bereichen Klimaschutz, nachhaltiger Konsum, Umweltökonomik, Sustainable Supply Chain Management, Nachhaltigkeitskommunikation, Diffusionsforschung, Innovationsmanagement und Postwachstumsökonomik. Momentan ist er u.a. Vorsitzender der Vereinigung für Ökologische Ökonomie (VÖÖ) und gehört unter anderem dem Post Fossil Institut (PFI) an.

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Was kommt nach dem Ende?

Na, haben Sie heute auch schon eine Grenze zu spüren bekommen? Einen Moment, in dem einfach nicht mehr machbar war? Ja? Dann geht’s Ihnen wie den Ölvorräten, den Ackerflächen, den Süßwasserreservoirs. Seit Jahren geistert Peak Oil schon durch die Debatten und wird mittlerweile flankiert von Peak Soil und Peak Water. Inzwischen ist sogar vom Peak Everything die Rede, da wir in immer mehr Bereichen die Belastungsgrenzen unseres Ökosystems erreichen. Damit bröckelt eben jenes Dogma, das die Grundlage unseres Wirtschaftssystems und des industriellen Wohlstandsmodells bildet: Das Wachstum. Auch die lang gehegte Hoffnung, dass wirtschaftliches Wachstum durch technischen Fortschritt nachhaltig oder klimafreundlich gestaltet werden kann, scheint endgültig zur Illusion zu werden.

Uns bleibt folglich nichts anderes übrig als die Bedingungen und Möglichkeiten einer Postwachstums-Ökonomie auszuloten. Wie wir den Ausstieg aus dem Wachstumswahn schaffen können und was dessen Platz einnehmen könnte, wird uns der Wirtschaftwissenschaftler und Vordenker einer Postwachstumgsgesellschaft Niko Paech am Montag, den 7. April ab 20 Uhr im Württembergischen Kunstverein erläutern.

Ach, und wenn sie schon vorher etwas infrage stellen oder sich das Handwerkszeug zulegen wollen, um den Ausstieg aus dem Wachstumswahn zu schaffen, hätten wir auch eine spannende Veranstaltung zu bieten: Am Donnerstag, den 3. April um 19 Uhr natürlich auch wieder im Kunstverein stellen uns Annette Ohme-Reinicke und Peter Grohmann „Die Subversive Theorie“ von Johannes Agnoli vor. Das Buch beinhaltet eine „Reise quer durch die Geschichte der Theorie der menschlichen Rebellion gegen jede Form von Macht und der Unterdrückung“ bis in die Gegenwart.

Wir springen Ihnen zu viel zwischen Themen herum? Sie haben recht. Damit ist wirklich kein Blumentopf zu gewinnen. Deshalb haben wir speziell für Sie noch schnell die Veranstaltung “Kosovo, Krim & co. – Was ist das Völkerrecht noch wert?” organisert, mit der wir weiter über die Ukraine und die Folgen der Krim-Krise nachdenken wollen. Am 14. April ab 19:30 Uhr wird uns Dr. Matthias Hartwig vom Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht mit Informationen versorgen (auch diesmal im Kunstverein).

Rebellische Grüße

Peter Grohmann & Fritz Mielert

PS: Wettern der Woche über Drohnen 
PPS: Unsere erste Veranstaltung zur Ukraine als Mitschnitt
PPPS: Demo zum Themenkomplex Frieden, Demokratie und “Freihandel”am 12.4., 13 Uhr, Schlossplatz Stuttgart & eine Woche später, am 19.4., 11:30 Uhr, Ostermarsch mit Start am AFRICOM, Sternhäule

Falls Sie für die Termine oben nicht zu gewinnen sind…

Egal ob für oder gegen Stuttgart 21
Diese Rede von Volker Lösch ist ein Muss

Wachstumskritik, Vernetzung, Bewegung, Unabhängigkeit – Volker Lösch hat auf der gestrigen Montagsdemo viele Themen angeschnitten, die weit über Stuttgart 21 hinausreichen. Ein Muss für alle, die sich nicht nur um die Zukunft Sorgen machen, sondern diese tatkräftig gestalten wollen.

WeiterLesen
Harald Welzer / Stefan Rammler: Der FUTURZWEI-Zukunftsalmanach 2013: Geschichten vom guten Umgang mit der Welt. Fischer-Taschenbuch, Frankfurt 2012, ISBN 978-3-596-19420-9.
Harald Welzer: Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2013, ISBN 978-3-10-089435-9.
Wikipedia zu Degrowth/Wachstumsrücknahme

WeiterDiskutieren
Fourth International Conference on Degrowth for Ecological Sustainability and Social Equity (2.-6. September 2014 in Leipzig)

Rede von Volker Lösch, Theaterregisseur, auf der 200. Montagsdemo am 2.12.2013

Volker Lösch – 200. Montagsdemo gegen Stuttgart 21 – 02.12.2013

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