Frère Jacques, Frère Jacques, Dormez-vous?

Ist der linksrheinische Bruder nun aufgewacht oder ging er nur baden? Bei einer Wahlbeteiligung von 50% bei 47 Millionen Wahlberechtigten sind 32% pi mal Daumen 7 Millionen Stimmen, hochgerechnet 17%. Mit 17 hat man noch Träume, sang Peggy March schon 1965. Wir lieben Marcon – er ist gewissermaßen fast so etwas wie unser Christian Lindner – ein Wuppertaler auf der kaputten Schwebebahn. Emmanuel Marcon wäre dann der neue Friedrich Engels der Deutschen und Sahra Wagenknecht seine Domina.

Viele Menschen haben ja bei solchen Wahlen fast einen Orgasmus. Als Kind habe ich mir darunter etwas Schreckliches vorgestellt, inzwischen geht’s mir besser. Etwa, wenn Pep Guardiola zu zivilem Ungehorsam aufruft – nach dem Motto der Außerparlamentarischen: Gesetze sind dazu da, um sie zu brechen. Das gilt freilich nur für Banken und Sparkassen und die Autoindustrie. Aber hier wie dort: Man wird sehen – abwarten und Tee trinken, wie meine Omi Glimbzsch in Zittau gern sagte (und dann war der sogenannte Sozialismus plötzlich weg).

Inzwischen kann sich der Franzose von uns eine Scheibe abschneiden: In Deutschland gibt es keine Korruption! Bezahlte Lobbyarbeit oder die Beschäftigung von Familienmitgliedern auf Staatskosten wäre hier so gut wie unmöglich, die Renten sind sicher und hungernde Kinder wie in Paris werden rechtzeitig vom Jugendamt weggesperrt. Die Verwaltung läuft wie geschmiert, die Regierungen sind Ausgeburten der Demokratie, die Parteien parteiübergreifend allesamt schwer staatstragend, die Gewerkschaften fest eingebunden, die Medien gemeinwohl-orientiert und um Klassen besser als sonst wo und die Investoren haben in Stadt und Land freie Hand. Reformbedarf besteht allenfalls bei den deutschen Klärwerken: Die Anlagen sind total veraltet, es ist so viel Nitribitt im Trinkwasser. Man muss also entweder die viel zu strengen Vorschriften und Regeln und den Unsinn mit den Höchstwerten ändern oder eben Milliarden investieren. Anders gesagt: Wir brauchen keinen Marche und keinen Marcon, und wenn das Trinkwasser demnächst 50% teurer wird, trinken wir Rotwein aus Frankreich. Alles bleibt bei den Alten.

Über Peter Grohmann

Peter Grohmann, Jahrgang 1937, Breslauer Lerge, über Dresden auf d' Alb, dann runter nach Stuttgart: Schriftsetzer und Kabarettist, Autor und AnStifter gegen Obrigkeitsstaat und Dummdünkel. Mitgründer: Vom Club Voltaire übers undogmatische Sozialistische Zentrum, vom Theaterhaus zu den AnStiftern. Motto: Unruhe ist die erste Bürgerinnenpflicht. Was ärgert Grohmann? Alle, die den Arsch nicht hochkriegen, aber dauernd meckern. Und an was erfreut er sich? An Lebensfreude und Toleranz