Wettern der Woche
Galle-bitter

Bibeln und Koalitionsverträge, so sagte der Herr Gall, kann man so oder so interpretieren. Das ist genauso wie mit den Parteiprogrammen. Denn ein Stuttgarter Innenminister muss ja die Zeiten vor und nach den Wahlen im Augen haben, so wie der Herr Seehofer, unser Horsti Schmandhoff aus Ingolstadt: Der hatte vor dem sächsischen Weltuntergang auf Teufel komm raus gegen die AFD gewettert. Nun aber, das Desaster der kommenden Tage ahnend, gibt’s im nationalen Streichelzoo nix mehr auf die Mütze oder hinter die Ohren, sondern es wird gesäuselt, was das Zeug hält, um die Halb- und Ganznationalen mit und ohne Glatze bis zur Stimmabgabe am Sonntag bei Laune zu halten.Wer weiss schon, wer wie tickt?

Um bei Gall zu bleiben: Nehmen wir die Polizei, die uns bei größeren Polit-Ereignissen wie ein Monster gegenübertritt, als Kohorte: Sackschutz, Sichtschutz, Sturzhelm, Knieschoner, Tarnklamotten, Pferdehalfter, alles unbrennbar und wie mein neuer Fahrradschlauch: Unplattbar. Der Polizist von Welt sieht aus wie Louis Armstrong bei seinem ersten Mondspaziergang, oder, um auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben, wie der Mann am Hochofen von Thyssen – hart wie Kruppstahl. Da ist kein Augenzwinkern, kein Lächeln hinter Fielmanns Brillen zu sehen, nur eine Ahnung von Gesicht. Im seinem Innersten ist der Polizist kein Bulle, sondern einer wie wir, der nur seine Pflicht tut, der weiss: Befehl ist Befehl. Der wär‘ heute auch gern auf ein Bier ins Schlesinger oder zur Cosi fan Tutte, statt den wilden Mann zu geben. Brust raus, Arsch rein, sonst siehst du aus wie ein Krümelmonster, meinte meine Omi Glimbzsch aus Zittau, wenn ihre Enkel, die noch bei der NVA (nicht NSU!) ihren Dienst taten, sich im guten Zimmer (!) eine F 6 zwischen die Zähne schoben: Die schmeckte noch nach echtem Teer und Lungenkrebs. Heute findet der wiedervereinigte Kollege in den tausend Taschen seiner gesamtdeutschen Ausgehuniform weder Zündhölzer oder ein Päckle Schwarzer Krauser, sondern allenfalls Ersatzbatterien für Hörgeräte. Was ich sagen will: Wenn die Jungs und Mädels in diesen miesen Zeiten auf Streife gehen, um Verfassungsfeinde, krumm geborene Störer oder renitente Rentnerinnen aufzuhalten, müssen sie das anonym tun, ganz so wie die Vermummten aus der Roten Zora, Sprayer oder Salafisten. Wäre ja noch schöner, wenn man der Nachbarin Ohnesorg sagen könnte: Neulich hat mich Ihr Sohn getroffen – mitten ins Gesicht.

Peter Grohmann schreibt und spricht das Wettern der Woche für die Wochenzeitung Kontext – für lau.

Über Peter Grohmann

Peter Grohmann, Jahrgang 1937, Breslauer Lerge, über Dresden auf d' Alb, dann runter nach Stuttgart: Schriftsetzer und Kabarettist, Autor und AnStifter gegen Obrigkeitsstaat und Dummdünkel. Mitgründer: Vom Club Voltaire übers undogmatische Sozialistische Zentrum, vom Theaterhaus zu den AnStiftern. Motto: Unruhe ist die erste Bürgerinnenpflicht. Was ärgert Grohmann? Alle, die den Arsch nicht hochkriegen, aber dauernd meckern. Und an was erfreut er sich? An Lebensfreude und Toleranz