Wettern der Woche
Hosenscheißer

War Gottlieb Daimler ein Hosenscheißer? Die Frage soll offen bleiben, anders als die offenen Antworten, die hier, kurz vor Tores- oder Jahresschluss, vom Wetterer der Woche den Lehrkräften des Gottlieb-Daimler-Gymnasiums vor die Füße geschmissen werden. Das Gymnasium liegt im Herzen von Bad Cannstatt, einem der vielen Kur- und Vorort Stuttgarts: Gute Bildung, gute Beschäftigung (Daimler!), gute Migrations- und andere Hintergründe.

Weil nun in der Stadt der Auslandsdeutschen Menschen aus 189 Nationen leben und die wenigsten katholisch oder evangelisch sind, wollen auch hier Kindergärten und Schulen der eher kinderreichen Mehrheit etwas entgegenkommen bieten statt heiligem Nikolaus, Christbaum und den Glocken der Liebfrauenkirche Weltfeiern an: Alle Menschen werden Brüder, ob sie wollen oder nicht. Das hier gescholtene Gottlieb-Daimler-Gym hatte eben deshalb just in den besinnlichen Vorweihnachtstagen zu so einem multikulturellen Nachdenk-Fest eingeladen, doch die Rechnung ohne die deutschen Christen gemacht.

Die nämlich schmähten im Internetz mit gehässigen und dummen Bemerkungen aus den bekannten Rassistenküchen Schulleitung und Schule und nannten auch gleich das Kontakttelefon der Rektorin – für allfällige Beleidigungen und vorsorgliche Drohungen.Vorfälle wie diese sind vielerorts Alltag, die Androhung von Mord und Totschlag war diesmal nicht dabei, hat aber dennoch der Schule einen solchen Schrecken eingejagt, dass sie die im Herzen der Bäderstadt geplante Welt-Ethos-Feier flugs absagte und sich auf sicheres Schulgelände zurückzog, unauffällig bewacht von den Schützern der Verfassung. Dafür, dass die Feier nicht gänzlich abgesagt wurden, wurde die Schule förmlich mit Lob und virtueller Solidarität überschüttet.

Zu Unrecht. Man hätte immerhin den Arsch in der Hose behalten können. Man hätte immerhin alle Bewohnerinnen unserer multikulturellen Stadt zur Feier einladen können, den Nazis zum Hohn und Trotz. Die Stuttgarter Schulen hätten immerhin – als Zeichen praktischer Solidarität – alle zusammen nach Cannstatt pilgern oder an ihren Schulen zeitgleich zur Weltenfeier einladen können. Man hätte auch, vielleicht leichter gesagt als getan, die frommen Drohungen der echten Deutschen ignorieren können. Die nämlich haben ihr Ziel erreicht: Ein paar gemeine Hinweise im Netz, und eine ganze Schule kippt aus den Latschen.

Über Peter Grohmann

Peter Grohmann, Jahrgang 1937, Breslauer Lerge, über Dresden auf d' Alb, dann runter nach Stuttgart: Schriftsetzer und Kabarettist, Autor und AnStifter gegen Obrigkeitsstaat und Dummdünkel. Mitgründer: Vom Club Voltaire übers undogmatische Sozialistische Zentrum, vom Theaterhaus zu den AnStiftern. Motto: Unruhe ist die erste Bürgerinnenpflicht. Was ärgert Grohmann? Alle, die den Arsch nicht hochkriegen, aber dauernd meckern. Und an was erfreut er sich? An Lebensfreude und Toleranz

3 Gedanken zu „Wettern der Woche: Hosenscheißer

  1. Leider werden hier sehr unterschiedliche Leute in einen Topf geworfen, die nicht in denselben gehören, und ebenso bedauerlich ist es, daß man mit der „Nazi-Keule“ immer dann winkt, wenn man mit dem Thema selbst überfordert zu sein scheint. Das ist ein unerhörter und unverschämter Vorgang. Sie dürfen gerne anderer Meinung sein, es geht aber nicht an, daß Sie Menschen wegen dieser ihrer anderen Meinung, im unreflektierten Widerkäuen fragwürdiger Ansichten anderer, dieselben darum als „Nazis“ pauschal diffamieren, womit nicht zuletzt deren Opfer instrumentalisiert und in den Dreck gezogen werden, während man damit das, was unter dem NS-Regime geschehen ist, zugleich – de facto – verharmlost .

    Es ging bei der geäußerten Kritik m. W. durchaus nicht um das Thema „Ausländer“, sondern um Synkretismus, und gegen den darf man als Christ durchaus opponieren. Auch in diesem Lande. Noch, werter Herr, ist das so, es sei denn, Sie wollen eine andere Republik der Denunzianten und Heuchler, die dies unter „Zivilcourage“ verkaufen. Leider wird so etwas heute besonders forciert und bekommt in der Medienwelt Orden und eine exklusive Bühne.

    Daß einige über die Stränge schlagen und sich nicht benehmen, dazu gehören leider auch diverse extremistische Trittbrettfahrer, ist sehr zu bedauern, aber eine andere Sache.

  2. Sehr geehrter Herr Giese,

    da irren Sie sich gründlich. Da geht es nicht um Synkretismus, da geht es einfach und schlicht um Bedrohung. Diese Bedrohung geht halt nicht nur von „extremistischen Trittbrettfahrern“ aus. Sie bieten mit ihrer Argumentation diesen geradezu ein Trittbrett zum Mitfahren an.
    „Nazikeule zu schwingen“, als Vorwurf der falschen Geschichtsbrille, die derjenige hat, der die Umwidmung der Weltfeier und das Hinwegducken nicht akzeptieren kann – dies ist doch der Inhalt ihrer Meinung – und diese sei ihnen nicht so einfach zugestanden, dieser gilt es zu Widersprechen – kehrt sich um. Sie haben sich als derjenige entlarvt, dem der 8. Mai und die 12 Jahre davor, mit der geistigen Vorbereitung über das „freie Meinungsäußerung der Weimarer Verfassung geschützt nur als Hinweis dient, damals da war alles schlechter, verbrecherischer. Das war so, ohne Zweifel. Das soll niemals wieder so sein! Heutzutage gilt aus dieser Erfahrung heraus eine tägliche „gute Tat“: jedem Ansatz, der zur Verherrlichung der Nazigedanken führen kann und dieses verbrecherische Gedankengut „gut bürgerlich mit Verharmlosung absichert, dem sei gesagt, so begann der Weg vieler, auch Deutscher nach Ausschwitz. Diese Wege werden wir schon im Ansatz als das ansprechen, was sie sind und bewirken können. Ansprechen und Gegenrede, damit niemals mehr Gefahr besteht, dass diese Wege dann auch politisch und praktisch begehen werden können. Da bin ich als Sohn eines Obersturmbannführers und HIAG-Organisators, der zu Sepp Dietrich Onkel sagen durfte zu genau Informiert aus wessen Schoß die Nazis sich speisten. Auch, davon kündet ihre freie Meinungsäußerung.
    Peter Grohmann hat im tiefsten Sinne der Humanität Recht. Sein Kommentar zeigt auf. Wenn alle Stuttgarter Schulen sich in diesem Jahr 2015 zu einer Weltfeier im Sinne des Vorhabens des GDG zusammenfinden, dann wäre ein weiterer guter Weg beschritten, die kulturelle und zivilisatorische Transformation aller Kulturen weiter positiv wirken zu lassen. Übrigens ein Prozess, der gerade dem Stamme der Sueben und Alemannen über die langen Jahre unserer Geschichte nur gut getan hat. Spätzle von spezzare abgeleitet, Dui Guck, vom Cucullus dem filzgewalkten Umhang der Legionäre abgeleitet, Brezel im italienischen „Ärmchen“, die Spaghetti die Lieblingsspeise vieler unserer Kinder, das steht doch gegen den Synkretismus ihrer Argumentation. Ansonsten haben wir ja auch nichts dagegen, dass die „Menschen mit Migrationshintergrund“, mit vielerlei Religionen und deren Konfessionen sich bei uns wohlfühlen, qualifizieren und dann auch noch unsere Renten und Pensionen mitfinanzieren. Da leisten unsere Schulen ja beste antifaschistische Grundlagenarbeit. Haben Sie davor Angst? Sei es drum, mit Ihnen gegen die von Ihnen angesprochene „Verharmlosung der NS-Verbrechen“. Damit auch Ihnen, wie uns allen ein gesundes, friedfertiges 2015.

Kommentare sind geschlossen.