Good luck, Millenium Generation

Ein Kommentar von Rüdiger Lenz.
Die BILD-Zeitung versucht flächendeckend, Eltern Schuld einzureden, in dem sie eine forsa-Studie erwähnt und titelt, Zitat Anfang: STUDIE ZEIGT GROSSE HERAUSFORDERUNG FÜR ELTERN – fast jedes zweite Kind wird digital alleine gelassen, Zitat Ende. Weiter heißt es auf BILD, Zitat Anfang:

Heutzutage gilt schon in jungen Jahren: Wer sozial dazu gehören will, der braucht den Zugang zu digitalen Medien, am besten über Smartphone oder Tablet.
Das spiegelt sich auch in den Zahlen wider: Unter den Elf- bis Vierzehnjährigen verwenden 93 Prozent digitale Technologien. Bei den Grundschülern sind es schon 74 Prozent. Das geht aus einer forsa-Studie hervor, die von der Online Lernplattform „scoyo“ und dem Lernroboter-Unternehmen „Wonder Workshop“ in Auftrag gegeben wurde.

Umso mehr sind Schulen und Eltern gefordert, allen Kindern eine gute Vorbereitung auf die digitale Welt zu vermitteln.

Das Problem: Knapp die Hälfte (45 Prozent der 6- bis 10-Jährigen) lernt weder zu Hause noch in der Schule etwas über die Nutzung von digitalen Geräten (FACT-Umfrage).
Die Grundbildung, die spätestens mit einer regelmäßigen Nutzung von Tablet und Co. stattfinden müsste, fehlt also bei vielen. Aktuell erhalten insbesondere die Grundschulen von den Eltern ein eher schlechtes Zeugnis in Bezug auf die digitale Vorbereitung ihrer Kinder.
Mehr als die Hälfte der Eltern der Sechs- bis Zehnjährigen sind der Ansicht, dass ihr Kind durch Lehrer weniger gut bis überhaupt nicht auf den Einsatz digitaler Medien vorbereitet wird.

Nur 38 Prozent sind von der Arbeit der Schulen überzeugt. Erst bei Eltern mit älteren Kindern steigt die Zufriedenheit mit den Leistungen der Schulen und Lehrer: Immerhin bewerten 54 Prozent der Eltern von elf- bis 14-jährigen Kindern die digitale Bildung in der Schule mit sehr gut oder gut. Die Mehrheit der Eltern (57 Prozent), fordert daher, Kinder spätestens ab der Grundschule im Umgang mit Smartphone und Co. anzuleiten und eine Art Digitalkunde an Schulen anzubieten. Zitat Ende.

Im Klartext: Eltern sollten ihren Kindern ein Smartphone und ein Tablet kaufen, es darin unterweisen und konsumgerecht konditionieren. Schulen sollten möglichst das Fach Digitalkunde einführen, damit die Konditionierung auf Smartphone und Tablet auch so richtig ins Hirn der Kinder eingefräst wird. Beginn sollte die Grundschule sein.

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Ein Fach wie Digitalkunde hätte weitreichende Konsequenzen für die gesamte Gesellschaft. Manfred Spitzer, einer der führenden Hirnforscher unserer Zeit, hat mehrere Bücher über die digitalen Medien und darüber geschrieben, wie unser Gehirn lernt. Es gibt über einhundert Videos, die Manfred Spitzer auf seinen Vorträgen zeigen. Auf denen er nicht müde wird ständig zu betonen, dass das, was er sagt, nicht seine persönliche Meinung sei, sondern wissenschaftliche Fakten widerspiegeln.
In seinem Buch „Digitale Demenz, wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen“, schreibt Spitzer, Zitat Anfang: „Trotz aller gegenteiligen Fakten, Daten und Erkenntnisse werden derzeit Schulen (und sogar Kindergärten) zu Lernzwecken im großen Stil mit Computern ausgestattet. Warum dies keine positiven Ergebnisse zeitigen kann, wurde anhand entsprechender Studien ausführlich dargelegt. Wenn aber ohnehin klar ist, dass keine fördernde Wirkung erzielt werden kann, warum habe ich mir dann so viel Mühe gegeben, um zu zeigen, dass dies auch gar nicht zu erwarten war, weil der Mechanismus der Wirkung in die entgegengesetzte Richtung geht? Weil schon seit mehr als fünfzehn Jahren entsprechende Studien vorliegen und niemand sie zur Kenntnis nimmt! Gerade diejenigen, die uns immer predigen, man solle von der Geschichte lernen – die Politiker und Pädagogen -, nehmen sich ihre eigene Meinung nicht zu Herzen.“ Zitat Ende.

Als ich selbst mein erstes Tagesseminar mit Fakten aus der Hirnforschung reich bespickt, vor Schulleitern aus dem gesamten Ruhrpott hielt, wurde mir nach Ende des Seminars eine Verschwörung nachgesagt. Die Fakten waren und sind für Pädagogen niederschmetternd. Zeigen sie doch auf, dass fast die gesamte pädagogische Logik, aus Sicht der Hirnforschung, für den Bildungsmüllhaufen sind. Und wie es immer so geht, wenn einem klar wird, dass man sich Jahrzehnte selbst an der Nase herumgeführt hat, oder herumführen ließ, dies aber mit größtem intellektuellem Glanz und akademischer Glorie vernahm, so donnert einem dann das Gehirn diese Selbstlüge mit allergrößter Verwirrung und „es kann nicht sein, was nicht sein darf“, ins Herz hinein. Kognitive Dissonanz nennt sich diese Kehrtwende des eigenen Gehirns, das dem Ich schonungslos sagen möchte. „Du warst lange Zeit Deines Lebens ein Depp, ein Volldepp sogar. Jetzt solltest Du alles noch einmal aus einer anderen Perspektive wahrnehmen“. Dieser Prozess aber nennt sich Lernen.

Lernen bedeutet, dass sich die Innenwelt eines Lebewesens an die Außenwelt anpasst, von ihr profitiert und das so, dass auch die Außenwelt von der Handlung des Lebewesens profitiert. Egal ob wir das nun Evolution oder Konstruktion nennen. Der Prozess ist immer derselbe. Dieser Prozess wird in den Kognitionswissenschaften Ökologische Intelligenz genannt, kurz ÖQ. Ökologische Intelligenz ist dafür zuständig und wichtig, uns darin fit und fitter werden zu lassen, um Bewältigungskompetenz zu erlangen. Bewältigungskompetenz verlängert das Leben. Darauf sind so gut wie alle Lebewesen gebrieft. Dass Leben selbst hat nur Bestand, wenn ihm das flächendeckend als Entwicklungsmotor gelingt. Lebewesen wollen überleben.

In meinem Buch „Die Fratze der Gewalt, Versuch einer Aufklärung“, schreibe ich dazu, Zitat Anfang: „Der Bewältigungsapparat kann nur dann sinnvolle Strategien entwickeln, wenn ihm ökologische Prinzipien der Kooperativität zugrunde liegen. Wachstum ist das sich Einverleiben von kooperativen Möglichkeiten und Vernetzungen. Wachstum ist dem fruchtbietenden Austausch zum Aufbau potenzieller Vielfalt im Menschen gewidmet, die den Zwecken des Überlebens, der Steigerung und Festigung von Lebensqualität und Lebenssicherung unterstellt sind. Ihre Beziehungen zueinander sind unabdingbar davon geprägt, Wechselwirkungen und Bindungen zu schaffen und zu erhalten, die dem Individuum und der Umwelt Entfaltungspotenziale untereinander austauschen und entwickeln lassen, damit das gesamte Ökosystem wächst.

Die Zunahme von ökologischer Stabilität und das Vermehren von Lebenskraftpotenzial ist das Wesen der Ökologie – das ist der übergeordnete Drang des Lebens selbst, seine Kernaufgabe. Ökologische Intelligenz dient also dem Wachstum des Lebens, der Außen- und Innen- Weltangleichung und ist daher am Wachstum der ökologischen Welt ganz allgemein beteiligt – und kein egoistisches Prinzip für die Lebensformen ganz allein.“, Zitat Ende. Im Grunde ist schon daher alles miteinander verbunden, alles eins. Drin zu bleiben ist die Aufgabe einer Spezies. Draußen sein zu wollen ihr sicherer Tod. Wir nennen das auch Aussterben. Eine Steigerungsform von Genozid – nicht Rassismus, sondern Speziesismus gegen die eigene Spezies.

Digitale Medien sind eine wunderbare Erfindung und Errungenschaft unserer Kultur. Ich selbst habe all diese Medien auch. Und das ist auch nichts Schlimmes oder Fragwürdiges. Folgendes ist daran sehr gefährlich, folgt man den vielen Beiträgen eines Manfred Spitzer. Junge Gehirne, also Gehirne von Kindern und Jugendlichen sind in einer besonders sensiblen Prägungsphase. Die Biologie hat diese Phase extra so sensibel und biegsam gemacht. Neurobiologen beschreiben diese Hirnflexibilität als Neuroplastizität, was heißt, dass wir immer lernen können, unser Leben lang. In der Kinder- und Jugendphase aber zurrt das Hirn Erfahrungen in sogenannte Systeme des Denkens, Handelns und Fühlens hinein, die dann ein Gleichgewichtszustand formen. Dieser ist das Wichtigste im Leben von uns Menschen. Denn dieses Gleichgewicht, einmal gebahnt, ist in vielen biologischen Regelkreisläufen, die unsere Körper- und Seelenzustände präferieren, nicht oder nur sehr schwer wieder veränderbar. Dieses betrifft viele Bereiche unserer Gehirne. Denn die meisten Menschen, die derzeit auf diesem Planeten leben, sind in ihrer Kinder- und Jugendzeit ohne digitale Medien erwachsen geworden.

Wenn erwachsene Gehirne sich mit den Bildschirmmedien ausführlich beschäftigen, bekommen sie auch keine nachhaltigen Schädigungen durch seinen Gebrauch. Dies betrifft bloß junge Menschen. Menschen, deren Gehirne noch weich und extrem plastisch sind.

Wenn wir die Fakten der Hirnforschung zu den Bildschirmmedien, ganz besonders der Smartphones und der Tablet-PCs nehmen würden, dann müssten wir diese wie die Pornohefte oder Pornofilme wahrnehmen. Diese dürfen erst ab dem achtzehnten Lebensjahr gekauft und dem Gehirn zugeführt werden. Wobei, streng genommen, auch das achtzehnte Lebensjahr noch zu früh, für deren Umgang ist. Der aufmerksame Leser oder Hörer wird jetzt am liebsten Stopp rufen und vor sich hin sagen: „Ist nicht der Pornoinhalt das Schädliche, dem wir unser Gehirn aussetzen? Und ist es dann nicht nur logisch, den Inhalt erst gar nicht zu produzieren?“ Ja und Nein, könnte man darauf antworten, denn es handelt sich hier nicht bloß um Logik sondern viel mehr um einen moralischen (nicht ethischen) Standpunkt. Und der hängt vom Einzelnen ab.

Entscheidend ist die sehr sensible Phase unserer Gehirne, vor und in der Pubertät. Neurobiologen sagen heute, dass die Pubertät nie endet. Sie wird nur immer langsamer und ist in dem Sinne, den wir ernst nehmen, erst zwischen dem achtundzwanzigsten und dreißigsten Lebensjahr mit seinen sensiblen Entwicklungsschritten zu Ende.

Und was reimt sich nun mein Gehirn auf die anfangs beschriebene forsa-Studie zusammen? Dass Wirtschaftsinteressen vor Kinder- und Jugendschutz gehen. Das sämtliche Herrschaftsinteressen durch den Konsumzwang in die Gehirne von Kinder und Jugendliche Einzug nehmen. Und dass Pädagogen sich keine Meinung dagegen trauen.

Fassen wir kurz zusammen: Jedes Lebewesen benötigt größtmögliche Bewältigungskompetenz. Was nichts weiter heißt als Konfliktlösungskompetenz. Jedes Lebewesen ist darum bemüht, seine Lebensqualität zu steigern oder im gleichen Level zu halten. Niemand will morgen hungern oder im Kalten sitzen. Jedes Lebewesen erfindet seine Nische in der Außenwelt und ist darum bemüht, sie zu erhalten. All das zusammengenommen nennen wir den Selbsterhalt. Für ihn entwickelte sich in uns der Isokortex, die Großhirnrinde mit seinem zeitlichem und planvollem Denken und Handeln, die besondere Sprachfähigkeit und unsere Hand. Was aber, wir erfänden einen Ersatz für all unsere biologisch fortgeschrittenen Lebensfähigkeiten?

Aus der Entwicklungsbiologie wissen wir, dass all diese biologischen Ressourcen in der Entwicklung jedes einzelnen Menschen aus Zeitfenstern bestehen, in denen der Einzelne den Inhalt dieser Zeitfenster erlernen soll. Dazu dient das schon einkonditionierte Verhalten der Erwachsen. Werden diese Zeitfenster nicht mittels Verhalten im Gehirn stabilisiert, also erlernt, können später zwar die vielen Fähigkeiten noch nachgelernt werden. Doch das Nachlernen geschieht dann nicht mehr automatisch und unbewusst. Es geschieht dann über Nachsitzen in einer sehr mühevollen, und den meisten Menschen eher lästigen Form der Therapie, neudeutsch auch als Nachbeelterung bekannt, wenn die Therapie früh stattfindet.

Jetzt dürfte klar sein, warum gerade das Parken der Kinder und Jugendlichen vor den Bildschirmmedien so vehement entgegengesteuert werden sollte. Sie missgestalten bei intensivem Gebrauch die Gehirne sehr vieler Kinder und fördern daher riesige und kraftraubende große Handbremsen, mit denen die Gesellschaft immer langsamer ihren Entwicklungsstand Schritt halten kann. Sie fällt dann irgendwann als Ganzes hinten runter, oder wie Manfred Spitzer etwas überspitzt mahnt: Wir nähen dann irgendwann die T-Shirts für China, weil wir schlichtweg nichts anderes mehr können. Medienkompetenz bei Kindern oder Jugendlichen zu erwirken, ihnen klarzumachen, dass man nur den kompetenten Umgang mit ihnen zu erlernen bräuchte, ist ein Missbrauch an ihren Gehirnen.

Es ist wohl vollkommen egal, an welchen Schrauben intelligente Reformer unserer Gesellschaft schrauben wollen. Ihnen gemeinsam scheint immer und immer wieder derselbe Gegner ins Handwerk zu pfuschen: Geld und noch mehr Geldbesitz. Macht über alles und noch mehr Macht. So viel steht fest: Die Elite wird alles dafür tun, damit die Massen dumm bleiben und immer dümmer werden. Der Besitz unserer Gehirne, Zwecks Manipulation zu ihren Gunsten, ist ihr oberstes Ziel. Noch nie waren sie ihrem Ziel so nahe, wie heute. Und die Bildschirmmedien sind ihre stärkste Waffe. Meinungsbildung ist Meinungsmache. Und mit einer sich an ihrer Dummheit erfreuenden Mehrheit lässt sich für sie am besten Leben. Anstelle des gewählten Heimatpatriotismus bekamen sie den Finanzkapitalpatriotismus. Frau Petry ging, weil Goldman Sachs die Führung bekam. Regiert wird ausnahmslos immer in dieselbe Richtung.

Die Inbesitznahme unserer Gehirne findet im Aufruhr statt und im Konsumpatriotismus von Bildschirmabenteuern sowie vom outsourcing möglichst aller sozialen Kompentenzen, hineinprojiziert in die vielen neuen Möglichkeiten eines Tablets oder eines Smartphones. Empathie war gestern – heute findet sie in der nachbeelterung oder in Form neuer seelischen Therapiemöglichkeiten statt. Alles ist Markt, totalitär. Good luck, Millenium-Generation.

Quellen

http://www.bild.de/ratgeber/kind-familie/digitale-kommunikation/haelfte-der-kinder- unbegleitet-digital-53641812.bild.html https://medium.com/@simona.honerbach/kinder-und-digitale-medien-media-pool-für-bericht- erstattung-dc4cd728bc73

Manfred Spitzer, Lernen, Gehirnforschung und die Schule des Lebens, Heidelberg, 2011 Manfred Spitzer, Digitale Demenz, wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen, München 2012

Rüdiger Lenz, Die Fratze der Gewalt, Versuch einer Aufklärung, Frankfurt am Main, 2012


Nie ist zu wenig was genügt.
Seneca

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Über Peter Grohmann

Peter Grohmann, Jahrgang 1937, Breslauer Lerge, über Dresden auf d‘ Alb, dann runter nach Stuttgart: Schriftsetzer und Kabarettist,
Autor und AnStifter gegen Obrigkeitsstaat und Dummdünkel. Mitgründer: Vom Club Voltaire übers undogmatische Sozialistische Zentrum, vom Theaterhaus zu den AnStiftern.
Motto: Unruhe ist die erste Bürgerinnenpflicht.
Was ärgert Grohmann? Alle, die den Arsch nicht hochkriegen, aber dauernd meckern.
Und an was erfreut er sich? An Lebensfreude und Toleranz