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Schießbefehl jetzt!

Schießbefehl jetzt!

Wo er Recht hat, hat er Recht, mein Minischterpräsident: Man kann die Grenzen eben nicht dichtmachen: „Das ist nur mit Mauern und Schießbefehl durchzusetzen,“ so Winfried Kretschmann im Nebel der Zeit. Das ist eine Binsenweisheit, die bei den Mehrheitsdeutschen noch nicht angekommen ist. Und das mit den Mauern gilt natürlich auch für Palästina, wo Hunderttausende auf gepackten Koffern sitzen – mit nischt drin, wie meine Omi Glimbzsch aus Zittau sagen würde – und nach Bayern wollen. Im nahen oder fernen Osten hat allerdings fast jeder Israeli die Absicht, eine Mauer zu bauen, aus gutem Grund, und fast jeder Palästinenser sieht Schwarz, was seine und die Zukunft seines Landes angeht. Momentan allerdings machen die Wirte weltweit die Rechnung ohne die Gäste. Selbst der Kubaner ist nicht mehr das, was er mal war. Cuba Libre sieht er nur auswärts und macht sich – voll ausgebildet – auf den Weg in die lockende Neue Welt. Ganz so wie der schwäbische Landmann. Rund 180 000 Leut‘ waren Anno Dunnemal auf der Balkonroute unterwegs, weg vom Hungerleben in Süddeutschland. Und Millionen und Abermillionen Liter guten deutschen Bluts verloren wir an die Vereinigten Staaten. Seinerzeit, etwa zwischen 1825 und 1913, suchten allein rund sechs Millionen deutsche Wirtschaftsflüchtlinge in den USA das bessere Leben. Heute sind’s eben mal 25 000 pro Jahr – die meisten davon finden in der Schweiz ihr Glück, und die Hälfte verlässt unser Land aus reiner Geldgier, oder einfach, weil es ihnen hier nicht gefällt.

Das haben die Auswanderer mit den Kölnerinnen und Kölnern gemein, die sich von nichts erschüttern lassen, nicht vom Kölner Klüngel und erst recht nicht von der Demokratie. Schon bei der letzten Oberbürgermeisterwahl trauten sich nicht einmal die Hälfte der Wahlberechtigten an die Urnen. Am 18.10.2015, diesem nachdenkwürdigen Datum, waren es nur noch 39,7%. Was für eine traurige Stadt, was für ein trauriges Land.

Peter Grohmann schreibt sein Wettern der Woche für die Wochenzeitung Kontext – für lau.

Über Peter Grohmann

Peter Grohmann, Jahrgang 1937, Breslauer Lerge, über Dresden auf d' Alb, dann runter nach Stuttgart: Schriftsetzer und Kabarettist, Autor und AnStifter gegen Obrigkeitsstaat und Dummdünkel. Mitgründer: Vom Club Voltaire übers undogmatische Sozialistische Zentrum, vom Theaterhaus zu den AnStiftern. Motto: Unruhe ist die erste Bürgerinnenpflicht. Was ärgert Grohmann? Alle, die den Arsch nicht hochkriegen, aber dauernd meckern. Und an was erfreut er sich? An Lebensfreude und Toleranz