Wettern der Woche
Quotenluder

Liebe SPD, nu werd mir bloß kein Quotenluder, ich kenn genug von der Sorte! Als traditionsreiche Partei erinnerst du dich ja sicher noch an deine alten Freunde von der APO, die Außerparlamentarischen, die später (oft genug geschichtsvergessen) bei dir reihenweise auf- und abgestiegen sind. Aus dieser Zeit stammt ein Spruch mit Foto: Ein Haufen Sch … (Kacke) mittenmang auf der Titelseite der „Bild“-Zeitung und darunter die fröhliche Zeile: Millionen Fliegen können nicht irren. Wahr oder nicht, aber besser kann man die grassierende Quotensucht samt Klickfimmel nicht beschreiben.

Nicht dass ich dich besonders gern hätte, du einst so stolze Mutter der Arbeiterschaft! Dazu hast du zu oft gesündigt und uns hinters Licht geführt. Was für ein Trost, dass die anderen nicht besser, sondern eher schlimmer waren. Aber nun mal ganz unter uns: Bei der Demokratie machen bekanntlich immer weniger mit, Tendenz steigend. Und die, die mitmachen, sind auch nicht alles lupenreine Republikaner. Etliche wollen sogar die Demokratie ganz abschaffen und der SPD Berufsverbot geben. Ich würd da nicht so weit gehen, aber wer mitmacht, braucht nun mal die SPD für eine Mehrheit links von der Mitte, denn die Räterepublik lässt eher noch länger auf sich warten. Wenn die einst so stolzen Rosaroten mit langer, oft ehrenvoller Geschichte von einst 28 Mandaten (1972) im Stuttgarter Stadtrat 2014 bei 9 landen, dann sind nach Omi Glimbzsch in Zittau zwei Drittel der Felle den Bach runter.

Ich weiß ja – die Sehnsucht nach links hält sich in Grenzen, denn was da bei der SPD abgeht an Stimmen, kommt ja offenbar nirgends mehr an. Ein Naturwunder gewissermaßen. Sagen wir’s offen: Vielen ist die Demokratie inzwischen völlig Schnuppe, andere empören sich alternativlos, dritte fühlen sich verraten und verkauft, suchen einen neuen Führer (mit hohen Einschaltquoten) oder gieren parteiübergreifend nach Fußball oder der neuen S-Klasse. Bloß niemanden den Spaß verderben.

Schulz oder Juncker ist dir ja egal, da drehst du die Hand nicht um. Bei der Geheimniskrämerei ums Freihandelsabkommen hast du ebenso mitgestimmt wie gegen einen Untersuchungsausschuss. Welchen? Egal, du magst die einfach nicht, nicht in Berlin, nicht in Stuttgart. Das ließe sich fortsetzen, aber eins noch: So wie wir nun lange genug auf die Kennzeichnungspflicht für Polizisten im Lande gewartet haben, warten wir nun auf die Kennzeichnungspflicht für die SPD. Das wäre ein Anfang.

Peter Grohmann wettert jede Woche für die Wochenzeitung Kontext – für lau.

Über Peter Grohmann

Peter Grohmann, Jahrgang 1937, Breslauer Lerge, über Dresden auf d' Alb, dann runter nach Stuttgart: Schriftsetzer und Kabarettist, Autor und AnStifter gegen Obrigkeitsstaat und Dummdünkel. Mitgründer: Vom Club Voltaire übers undogmatische Sozialistische Zentrum, vom Theaterhaus zu den AnStiftern. Motto: Unruhe ist die erste Bürgerinnenpflicht. Was ärgert Grohmann? Alle, die den Arsch nicht hochkriegen, aber dauernd meckern. Und an was erfreut er sich? An Lebensfreude und Toleranz