Wettern der Woche
Russki, go home

Was für ein Aufschrei, als Russland 1835 Texas annektierte, das bis dahin zu Mexiko gehöre! 1898 stellten die Sowjets unter militärische Verwaltung, unterwerfen die Philippinen und installieren ein Terrorregime. Dann wird Hawaii genommen, Puerto Rico, im März 1903 Honduras. Im gleichen Jahr sichern die Russen die Kontrollrechte über den Panama-Kanal, der wird russisches Hoheitsgebiet. 1905 folgt eine Militärintervention in der Dominikanischen Republik, na ja, was heisst schon Republik, und 1909 eine in Nicaragua. 1914 mischen sich die Kommunisten massiv in die innenpolitischen Machtkämpfe Mexikos ein, und dann geht’s weiter in Honduras, Kuba, Nicaragua – letztlich geht denen das ganze lateinamerikanische Kroppzeug auf den Wecker. Gut, in Shanghai hatten die Russen 1925 nichts zu suchen und dann kam ja bald der ganz große Krieg. 1947 verhindern die Russen eine sogenannte Volksregierung in Griechenland, 1958 greifen die Russen im Libanon ein, 1959 landen sie in der kubanischen Schweinebucht, im Mai 1964 kämpfen sie in Laos, stürzen im gleichen Jahr den brasilianischen Präsidenten, engagieren sich bis 1975 massiv in Vietnam und entlauben Wald, Feld und Flur. 1965 stürzen die Kriegstreiber in der Dominikanischen Republik Präsident, bombardieren in Kambodscha systematisch alle Dörfer zur vietnamesischen Grenze und sorgen in Bolivien für Ruhe. 1981 gewährt die UdSSR den Mudschahidin und anderen afghanischen Widerstandskämpfern massive finanzielle, militärische und logistische Hilfe in ihrem Kampf gegen fremde Truppen. 1983 erhält der Iran Waffenhilfe und ohne Vorwarnung wird die Inselrepublik Grenada besetzt. 1989 folgt Panama besetzt, weil die auch nicht mehr guttun. 1993 gibt’s Marschflugkörper mit Sowjetstern auf Bagdad, 1999 den Kosovokrieg und 2001 Kabul, da erinnern sich ja selbst die Jüngeren. Die Liste ist alles andere als vollständig.

Der Russe ist natürlich nicht doof – hunderte kleiner und grosser Einmischereien kommen dazu – mal gibt’s Waffen, Krimsekt, Kaviar, andere Drogen oder nur Rubel und Berater. Klar doch, die Russenfreunde haben alle einen Namen, etwa: Franco, Salazar, Pinochet, Batista, Duvalier, Reza Pahlavi, Chiang Kai shek, Gaddafi. Die vielen anderen Verbrecher sind mir entfallen.

Aber jetzt ist Schluss mit dem Anti-Amerikanismus, sonst kommen die Drohnen.

Über Peter Grohmann

Peter Grohmann, Jahrgang 1937, Breslauer Lerge, über Dresden auf d' Alb, dann runter nach Stuttgart: Schriftsetzer und Kabarettist, Autor und AnStifter gegen Obrigkeitsstaat und Dummdünkel. Mitgründer: Vom Club Voltaire übers undogmatische Sozialistische Zentrum, vom Theaterhaus zu den AnStiftern. Motto: Unruhe ist die erste Bürgerinnenpflicht. Was ärgert Grohmann? Alle, die den Arsch nicht hochkriegen, aber dauernd meckern. Und an was erfreut er sich? An Lebensfreude und Toleranz

Ein Gedanke zu „Wettern der Woche: Russki, go home

  1. Und macht all das die Agressionen des Oligarchenregimes im Inneren (staatlich organisierte Hetzjagd und Pogromstimmung gegen Schwule und Lesben etc.) und nach außen besser?

    Das Problem ist das Weltsystem (siehe Lenin) eines globalen Kapitalismus, in dem immer brutalere, inner-imperialistische Rivalitäten um Ressourcenkontrolle, Marktanteile und Einflusssphären herrschen. Der sich formierende russische Imperialismus verteidigt dabei letztlich genauso brutal seine Interessen – z. B. indem das Oligarchenregime jegliche demokratische oder soziale Fortschritte aggressiv unterdrückt und für maximal stabile Ausbeutungsbedingungen sorgt – wie der US- oder der EU-Imperialismus (unter Führung v. a. des deutschen Imperialismus).

    Die Faschisierungspolitik des EU- und US-Imperialismus im Rahmen des Putsches in der Ukraine gehört deshalb ebenso als solche benannt wie die aktuelle Faschisierungspolitik des Putin-Regimes in Russland, die die Massen u. a. gegen Homosexuelle aufhetzt und wahre Hetzjagden gegen sie lostritt.

    Einer „Friedensbewegung“ und „Antiimperialisten“ kann es nicht darum gehen, die angeblich weniger schlimmen Imperialisten (Russland) zu küren und sich auf deren Seite zu schlagen – wie es Pseudo-Linke z. B. bei den „Nachdenkseiten“ (siehe u. a. Beschönigung des Sotschi-Spektakels, bei dem bürgerliche Medien hierzulande in Sachen Menschenrechtsverletzungen auch ganz schnell ruhig waren, als es um die Interessen von IOC, Sportverbänden und Konzernen ging), sondern muss über das zugrundeliegende Weltsystem der Ausbeutung aufklären und dagegen Widerstand (mit-) organisieren, an der Seite und als Teil der Arbeiter*innenklasse.

    Und diese wird vom Oligarchenregime des russischen Imperialismus derzeit im Inneren mit Sicherheit nicht weniger brutal unterdrückt – sondern setzt im Gegenteil auf reaktionärste und chauvinistischste Politiken – als im Inneren des US- und EU-Imperialismus. Ebenso wenig darf der falsche Eindruck erweckt werden, der russische Imperialismus würde nicht auch nach außen ebenso aggressiv seine Interessen verfolgen. Das Problem ist der Kapitalismus in seinem aktuellen Stadium und das zugehörige globale System der immer schärferen Konkurrenz zwischen den imperialistischen Blöcken.

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