Wettern der Woche
Giftgas

Halabdscha: Das sollten wir auswendig lernen, wir, Satiriker, Kanzlerinnen und Kandidaten, Presseleute, Leser. Halabdscha – das ist 25 Jahre her. 5000 Giftgastote – aus dem Leben geworfen, aus dem Bewußtsein gelöscht. Und auch kein Wort weiter von Genozid bis heute über das qualvolle Sterben von rund 180 000 Kurden im Krieg Irak/Iran. Stattdessen tut die Journaille samt Machthaltern gestern und heute so, als sei dass, was in Syrien passiert, das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte seit dem Verbot von Chemiewaffen. «Vier Stunden», schrieb der Korrespondent der Aargauer Zeitung im März 2003, «stolperten wir, dem Erbrechen und Heulen nahe, durch Halabdscha. Wir sahen die entstellten Gesichter von Babys auf den Rücken ihrer zusammengebrochenen Mütter, Familien, die beim Mittagessen das tödliche Gas eingeatmet hatten und qualvoll daran erstickten. Die aufgedunsenen Leichen lagen vor Kaffeehäusern, neben Tierkadavern. Auch die Vögel waren tot vom Himmel gefallen. Fast niemand konnte dem Tod entrinnen.» Im Krieg Irak / Iran war Saddam Hussein zwar ein Hurensohn, wurde aber von Donald Rumsfeld, dem cleveren Geschäftsmann und geschickten Gesandten der USA, ausdrücklich geadelt. Rumsfeld ist der, der seine eigene Großmutter gleich mehrfach verkaufte. CIA und westliche Regierungen wussten damals, dass die Zutaten zur Herstellung der tödlichen Waffen von westlichen Firmen kamen. Auch wir Bundesrepublikaner haben da jede Menge Dreck am Stecken. Als die Schurkenstaaten noch Schurkenstaaten waren, war der Irak der Nachfolger der USA: Die hatten in Japan Atombomben eingesetzt und biologische und chemische Waffen im Vietnamkrieg. Für den Sieg der guten Sache, klar, immer!

Ob nun unser Partner von gestern, dieser Herr Assad, seine treuen oder seine übergelaufenen Generäle oder aber die Hatschi-Rebellen, die arabischen Scheichs oder gar der CIA das Giftgas einsetzten – wir können uns als direkte und indirekte Lieferanten der militärischen Hard- und Software nicht aus der Verantwortung stehlen.

Wir sind immer die Verbündeten der Waffenbrüder – schöne Scheiße! Und am Rande Stuttgarts steht die Kommandozentrale der Amerikaner: Hier wird mit hohem Einsatz gespielt, mit gezinkten Karten auch bei den roten Linien. Das Ende vom Wettern? Wie wär’s mal mir einem Untersuchungsausschuss? Nach der Wahl? Der könnte die immer wieder behauptete Verstrickung deutscher Unternehmen bei weltweiten Giftgasgeschäften unter die Lupe nehmen. Und topp, das gilt: Schluß mit dem Waffengängen. Schluß mit dem Waffenhandel.

Über Peter Grohmann

Peter Grohmann, Jahrgang 1937, Breslauer Lerge, über Dresden auf d' Alb, dann runter nach Stuttgart: Schriftsetzer und Kabarettist, Autor und AnStifter gegen Obrigkeitsstaat und Dummdünkel. Mitgründer: Vom Club Voltaire übers undogmatische Sozialistische Zentrum, vom Theaterhaus zu den AnStiftern. Motto: Unruhe ist die erste Bürgerinnenpflicht. Was ärgert Grohmann? Alle, die den Arsch nicht hochkriegen, aber dauernd meckern. Und an was erfreut er sich? An Lebensfreude und Toleranz