5. Ratschlag – Rede von Peter Grohmann

Peter Grohmann beim 5. Ratschlag, 21.6.2013, Rathaus Stuttgart

Weit im Osten, in Aksehir, in Anatolien,
lebte im 14. Jahrhundert ein Weiser, Spitzbube und Ratgeber,
der sich Hodscha Nasreddin nannte.
Seine Geschichten werden gerade in diesen Tagen in Istambul,
ja in der ganzen Türkei wieder und wieder neu erzählt
und interpretiert.

Hört also die Geschichte von Nasreddin Hodscha:

Jedes Mal, wenn Markt war in der Stadt, brachte der Hodscha
Nasreddin ein paar Esel zum Marktplatz, um sie billig,
weit unter Preis, zu verkaufen.

Ein reicher Eselshändler sprach ihn eines Tages an.
Keine Ahnung, wie du das machst
Meine Diener, Du weißt es, holen das Heu von den Feldern,
ohne je zu fragen. Und sie müssen meine Esel auch füttern
und pflegen und gesund halten!

Und nicht nur das – sie bekommen allesamt nur ein Nasenwasser als Lohn, Ein-Euro-Jobber allesamt, Hungerleider, Hartz-Vier-Empfänger …
Und trotzdem, Hodscha, sind deine Esel billiger als meine.
Menschenskinder, wie machst du das bloß?

Ganz einfach, lachte der Hodscha.
Du stiehlst das Futter und die Arbeitskraft –
und ich stehle Deine Esel!

Liebe Bürgerinnen und Bürger:
Unser erster Gruß geht heute in die Türkei, geht nach Brasilien, nach Athen, dorthin, wo sich mutige Menschen dem Establishment entgegenstellen, den Mächtigen ohne Moral:

Unser Gruß nach Athen gilt den aufsässigen Journalistinnen, denen die Regierung die Medien unter dem Arsch wegzieht,

geht nach Rio de Janeiro, wo Millionen gegen Millionäre demonstrierten:

geht nach Istambul und Izmir, nach Dyabakir und Ankara, wo 120 000 Tränengasgranten die Menschen nicht hindern, immer neue Formen des Protestes zu erfinden

und oben zu bleiben – um stehen zu bleiben im Herzen der Städte:
Zu schweigen aus Protest gegen schreiendes Unrecht.

Rechtsanwälte werden zusammengeknüppelt.

Rührt sich hier die Rechtsanwaltkammer?

Journalistinnen in die Männerknäste gesteckt.

Wo bleibt der flammende Protest der Presse?

Die Jugend der Länder pfeift auf die Prestigeprojekte, so wie in Brasilien, wo die Massenproteste den unnützen Großprojekte gelten, den maßlosen Fußballstadien, gebaut für die internationale, korrupte Fifa-Schickeria, die Kaviar-Connexion, die ihre Tickets verkauft und mit den Dollars abzieht ins nächste nächste Land, ins nächste Stadion.

Es sind Stadien, die den ersten Sturm nicht überstehen, die das Klima nicht vertragen, mit heißer Nadel geplant, gestrickt, gebaut – pompös, skandalös, aufgemotzt und 100 mal zu groß für den Alltag der Massen.

Er ist überall, dieser Aufschrei, der Aufschrei gegen Korruption, hohe Preise,
gegen die Verweigerung von Mitspracherechten.

Es ist der Ruf nach Gerechtigkeit und Demokratie.

Merke: Das eine ist nicht ohne das andere zu haben.

Überall im internationalen Netzwerk und auf den Straßen begegnen wir ähnlichen Formen, ähnlichen Forderungen, einer ähnlichen Kreativität und Ausdauer, die wir auch von unserem Widerstand kennen.

Und wir sehen: Stuttgart21 ist ein Prinzip.

Das Prinzip heißt Zerstörung der Natur,
Ausplünderung der Ressourcen,
Profitmaximierung,
Privatisierung,
Verweigerung demokratischer Rechte.

Das Prinzip heißt: Polizei und Tränengas.

Viele andernorts setzen ihre Körper dagegen, ihre Träume und Hoffnungen.
Viele andernorts setzen Fantasie und Solidarität entgegen, riskieren Gesundheit,
riskieren Knast, riskieren Polizeiknüppel und Schläge.

Nicht nur das. Viele andernorts setzen Konzepte dagegen, Pläne und Ideen für eine andere Welt, die bunt ist, gewaltfrei, fröhlich und kämpferisch, voller Enthusiasmus,

eine Welt für die Kinder von morgen.

In Izmir und Istambul bilden sich Stadtteilgruppen, die Kulturschaffenden aus dem Gezi-Park erobern die Vororte Stadtplanerinnen und Architekten schauen auf die Städte und ihre Wunden, die Studierenden machen gemeinsame Sache mit den Gewerkschaften, der Arbeitslosen.

Nicht nur das. Armenküchen, Volksküchen entstehen, Tauschringe, Treffpunkte, Diskussionszirkel, eine Volksuniversität. Die Türkei, sagte mir ein guter Freund,

ist wie ein Mosaikbild – kein Stein darf da gewaltsam herausgebrochen werden.

Liebe Bürgerrinnen und Bürger,

dieses Mosaikbild gefiele mir auch für unseren Widerstand, für unsere Arbeit.

Es bedeutet, die anderen auszuhalten, es bedeutet, über den Mercedesstern auf dem Bahnhof hinauszublicken, Perspektiven jenseits von Merkel, Steinbrück und Co und jenseits manipulierter Volksentscheide oder Wahlen zu sehen – und dennoch die Interventionsmöglichkeiten solcher Abstimmungen zu nutzen.

Es bedeutet: Hart zu sein in unseren Analysen, bei der Betrachtung der Heimat und der Welt – fern von Dogmatismus – kritisch gegen uns selbst und doch locker und leicht im Alltag, damit wir nicht verbrennen an unserer Wut.

Es bedeutet, stark zu sein im Lauf durch Stuttgart 21, aber doch auch Pausen einzulegen, damit die Schwächeren unter uns Luft holen können. Es bedeutet:

Zuhören lernen und widersprechen lernen.

Die Bertelsmann-Mafia hat die Bürgerhaushalte entwickelt, und wer denkt, dass durch ein gläsernes Rathaus auch die Macht der Porsche, Daimler, Allianz und der großen Familien dieser Stadt zu sehen ist, wird lange warten. Beim Rathaus fällt mir nur ein, daß wir den Hintereingang benutzen müssen.

Vieles, was wir tun, ist vielleicht noch zu eindimensional.

Wir haben noch lange nicht erkannt, wie stark wir wirklich sind.

Aber wir haben auch kein probates Mittel, wie wir die vielen indifferenten Menschen erreichen könnten, die Gleichgültigen, Un-Interessierten, die von jeder Politik Enttäuschten, jene, denen unsere Sorgen und Probleme am Arsch vorbeigehen, weil sie andere Sorgen und Probleme haben, von denen wir nichts wissen, – und wenn, dann halten wir uns die Ohren zu.

Aber auch jenseits von uns gibt es die kritische Stadtgesellschaft, Menschen, denen die ganze Richtung nicht paßt, Leute jenseits der Geiz-Ist-Geil-Generation.

In den sozialen Medien nicht nur in der Türkei wird dazu aufgerufen, nicht bei den US-Fastfood-Ketten Burger King und McDonalds zu essen, weil diese ihre Türen versperrten, als tausende vor den Tränengas-Attacken der Polizei Schutz suchten.

Dem drittgrößten Firmenkomplex der Türkei, der Dogus-Holding, wirft man vor, dass ihr Nachrichtensender NTV nicht über die Proteste berichtete, daß er Desinformationen streut und Nachrichten manipuliert.

„Teilt und tauscht, geht zu Fuß, schaut kein Fernsehen,

kauft Fahrräder, spart Benzin, und wenn ihr nicht kochen könnt, dann esst in den kleinen Kneipen eurer Nachbarschaft“,so ein Protestaufruf.

Unser Gruß gilt den widerständigen Bürgerinnen und Bürgern überall – aber statt der oft gehörten Klagelieder müssen wir die Hoffnung wecken und die Träumer wachrütteln und beginnen, Teile unserer Träume Realität werden zu lassen.

Wo kaufen wir denn ein?
Auf den grünen Märkten, beim Bauern nebenan, bei Plattsalat, in Verbrauchermärkten – oder bei den Ketten, die ihr Personal am ausgestreckten Arm Finger verhungern lassen?

Immer noch haben viele von uns den falschen Strom und shoppen bei Amazon, lassen die kleinen Buchhandlungen links liegen, wissen nicht, wo es faire Kleidung gibt, übersehen die Weltläden

Was essen wir?

Den Massenfraß, das Billig-Gelump? Lebensmittel, die uns Gift und Galle spucken lassen? Geklonte Tiere, gen-manipuliertes Grün? Oder kommen wir endlich zur Vernunft, unseren Hunger auf menschliche Art zu stillen?

Welche Medien unterstützen wir? Wir brauchen mehr Gegenöffentlichkeit, mehr Abonnenten für die Taz, mehr Förderer von Kontext, von Freitag, den Nachdenkseiten, von junge Welt und vielen anderen ….

Wir brauchen Ort der Debatte, der Kultur,

des Wissens, Orte zum Nachdenken und Weiterdenken und Ausruhen –

Forum 3 und DenkMacherei der AnStifter, Laboratorium, Merlin, Theaterhaus, Bürgerhäuser, Lilo Hermanns linkes Zentrum, Wagenhallen, kommunales Kino, Delphi, Arthaus. Wir brauchen Theater- und Musikgruppen, Chöre und Liedermacher und Filmemacher und bildende Künstler.

Als die großen Revolten der 60er Jahre begannen, in den USA, da war die Jugend Amerikas auf der Flucht vor ihrem staatlich verordneten Tod in Vietnam.

Heute sind Millionen Menschen auf der Flucht vor Hunger und Elend und Habgier und Ausbeutung. Ist das Recht auf Stadt, das Recht auf Menschlichkeit, auch ihr Recht?
Gewähren wir es ihnen? Die Realität ist:

Statt Solidarität und christlicher Nächstenliebe und Asyl gibt es den Tod im Mittelmeer für viele und Stacheldraht aus deutscher Produktion.

Stuttgart 21 heißt für uns auch, davor nicht die Augen zu verschließen, heißt

Hoffnung erwecken, Träumer wachrütteln,

Wir sind es, Ihr seid es, die die Defizite der Gesellschaft benennen müssen, überall.

Wir machen uns Sorgen um die Grundrechte, die Versammlungsfreiheit, die Rechte der Angeklagten, das Recht der Menschen, ihre Wohnungen vor illegalen Durchsuchungen geschützt zu wissen, Sorgen um eine Regierung, die ihre Bürger massiv ausspioniert, ohne dass es eine nennenswerte Gegenwehr gibt.

Wir sind es, die in unserer Stadt die Finger in die Wunden legen müssen, wir sind es, die zeigen müssen, wo etwas schief läuft in einem Land, dass sich weltweit als Moralapostel aufspielt, daß die Polizei weltweit auf- und ausrüstet, das Panzer in Krisengebiete verkauft.

Demokratie geht nicht ohne Menschen, die unnachgiebig sind, die eine Sache nicht loslassen, wenn sie diese als richtig erkannt haben, die Nein sagen können, sich Autoritäten entgegenstemmen, die erkannt haben: Es liegt an uns, an mir! Es liegt an Euch!

Bei unserer Sache geht es um die Erhaltung und Schaffung von Gemeinwesen, in denen Menschen unterschiedlicher ethnischer, kultureller, religiöser Zugehörigkeit gleiche Rechte und Teilnahmechancen besitzen. Wir müssen, wenn nicht heute, so das bald, die Frage stellen, ob – und wie – die Parteien ihren Beitrag zum demokratischen Wandel noch leisten. Wir müssen, wenn nicht heute, wieder nach der Unabhängigkeit und Vielfalt der Medien fragen die nicht erkennen können, daß Unruhe die erste Bürgerpflicht ist.

Jürgen Habermas sieht eine entscheidende Trennlinie in den modernen Gesellschaften zwischen einerseits der „Lebenswelt“ und ihrer Eigengesetzlichkeit und andererseits den großen Verwaltungsapparaten, der „verwalteten Welt“.

In welchem Maße kann sich die Gesellschaft in Selbstorganisationsprozessen frei, spontan, von unten heraus und nach wirklichen Interessen bilden? Und in welchem Maße wird sie von oben her gelenkt, manipuliert, kontrollierbar gehalten?
Die Tendenz der großen Apparate zur „Kolonialisierung der Lebenswelt“ hält Habermas für die größte Gefahr der Gegenwart.

Leute, gebt Gedankenfreiheit!
Das ist eine der wichtigsten Grundforderungen heute. Die zweite: Gebt uns unser Leben! In diesen beiden Sätzen ist alles enthalten, was unseren Protest bestimmt – und was die Proteste weltweit prägt. Das Leben muss ein menschenwürdige sein.

Schluß mit der Vorherrschaft der aufs Ökonomische gerichteten Verhältnisse und Denkweisen. Aber tut sich was, wenn wir alle „Schluß“ rufen? Wie gelingt es uns,

andere, neue, weitere, mehr Menschen zu erreichen? Denn sonst bleibt ja wohl jede Forderung ein frommer Wusch – etwa wie: Edel sei der Mensch, hilfreich und gut.

Und noch eins: Wir Menschen sind eben einfach nicht so, dass wir unermüdlich mitwirken, unentwegt teilhaben, dauernd partizipieren, uns stets engagieren. Wir brauchen auch verlässlich lange Zeiten der Ermüdung, der Pflege des Intimen und Privaten, des Rückzugs, der Regeneration und Erholung. Gestärkt sind wir, wenn

wir uns das erlauben, und krank werden wir, wenn wir Unermüdliches predigen.

Wegen der Pausen brauchen wir Euch, die Vielen, weiter vorn. Manchmal ist eine Pause besser als eine Arbeitsgruppe. Deshalb brauchen wir auch die Pausen, um mit den Brasilianern zu tanzen.

Unruhe ist die erste Aufgabe aller Radikalen, die die Verfassung der Freiheit lieben.

Sie verlangt eine Allianz unabhängiger Geister. Vielfalt, Freude, Fantasie.

Deshalb sind wir heute hier.

(Es gilt natürlich das gesprochene Wort…)

Über Fritz Mielert

Fritz Mielert, Jahrgang 1979, arbeitete von 2013 bis 2017 als Geschäftsführer beim Bürgerprojekt Die AnStifter in Stuttgart. Davor betreute er ab 2011 bei Campact politische Kampagnen im Spektrum zwischen Energiewende und Vorratsdatenspeicherung, engagierte sich in der AG Antragsbearbeitung der Bewegungsstiftung, baute ab 2010 maßgeblich die Parkschützer als eine der wichtigsten Gruppierung im Protest gegen Stuttgart 21 auf und war ab 1996 mehrere Jahre ehrenamtlich bei Greenpeace aktiv.

1 thought on “5. Ratschlag – Rede von Peter Grohmann

  1. Sehr prägnante Zusammenfassung wichtiger politischer Zustände der Gesellschaft sowie von Zielen eine „menschenwürdige Existenz “ zu sichern oder zu erreichen.-allerdings ist der Weg dorthin das eigentliche Problem:das Extreme Ungleichgewicht der politischen Kräfte-. Integration durch Motivation!-

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