Archiv der Kategorie: Wettern der Woche

Peter Grohmann schreibt und spricht das Wettern der Woche für die Wochenzeitung Kontext.

Moschee-Steuer und Völlerei

Moschee Steuer und Völlerei

Cumrun Vafa ist kein Gewürz der Mullahs, sondern ein saumäßig gutbezahlter, also hochgeachteter Physiker der Harvard-Universität. Er hat im brütend heißend Sommer 2018 gesagt, es sei durchaus möglich, dass es das Universum gar nicht gibt. Das hatte ich schon früher befürchtet – aber weder Vafa noch ich können es bisher beweisen. Letztlich würde das ja auch auf die Demokratie zutreffen: Sie liegt räumlich etwas näher bei uns als das Universum – aber schlüssig beweisen kann man ihre Existenz nur durch die Probe aufs Exempel. Hin und wieder kriegt man dafür eine aufs Maul, aber dieses Risiko muss man schon eingehen.

Wenn fürs Wahljahr 2019 der Heilige Franziskus Fress-Sucht und Völlerei brandmarkt und die Vielfalt (sic!) lobt, Japan wieder die Harpunen schärft und unser korrupter Helfershelfer Al Baschir im Sudan die Menschen in die Flucht treibt, sollten wir uns einen Blick aufs Naheliegende gönnen. Es schadet nichts, wenn’s etwas mehr als eine Nabelschau wird. Ostwärts von Gutland hat die CDU bereits das Muffensausen und spielt den Weichmacher. Die stärker werdende Nationale Front der Rechten wird in Brandenburg fast schon in trockene Tücher gewickelt – eine Große Koalition von CDU und AfD ist im neuen Jahr kein Schreckgespenst für den gesättigten Demokraten Ingo Senftleben. Deutschland bröselt.

Sara Wagenknecht fordert vom anderen Ufer (in Gelber Weste vor dem Kanzleramt) die sozial deklassierten Republikaner und Demokrate auf, sich von ihren Sitzen zu erheben. Doch den munter fortschreitenden Rechtstrend wird man kaum durch Peitschengeknalle auf den Straßen von den Futtertrögen der Parteienfinanzierung fernhalten, da braucht’s vielleicht doch im Vormärz den demokratischen Urknall der Republik, auch wenn es zur „befreiten Gesellschaft“ noch ein gutes Stück Weg ist. „Die Welt ist unvernünftig eingerichtet“, erklärte mir meine Omi Glimbzsch in Zittau immer wieder, „aber zum guten Leben für alle ist noch ein Weilchen hin.“ Vorerst bleibt’s also beim Ende der Völlerei und der Moschee-Steuer.

Alte Socken stinken

Schon damals, als die Ostzone noch DDR hieß, war meine Omi Glimbzsch aus Zittau skeptisch, was den Goldenen Westen anging. Für uns junge Pioniere aber war dieser Begriff die Metapher für Walter Ulbricht plus Reisefreiheit, für Pril, Amibrause, für Jeans, Jacobs, grenzenlosen Konsum und Westgeld: Damit konnte sich selbst der gemeinste Verbrecher freikaufen und rübermachen – „Geh doch rüber“, freute sich die Stasi. Heute haben wir alles, außer genügend Westgeld, und anstatt der Jeans ziehn sich die kleinen Leute in den Provinzen zwischen Avignon, Wien und Tel Aviv die gelben Westen über. Es warnt. In Österreich demonstrierten am Wochenende 20000 Menschen gegen Rechts und Kurz und Klein und brachten es auf den Nenner: „Eure Politik stinkt mehr als alte Socken“. Aber vorher hat’s ja auch nicht immer vornehm gerochen. Ist das nicht alles etwas Reha?

Die Utopisten der Reha-Klinik Bad Langensalza (Thüringen) zum Beispiel, fordern gerechte Löhne und faire Arbeitsbedingungen im Goldnen Westen – aber sie haben nicht mal einen richtigen Tarifvertrag! Die ehedem volkseigenen Kliniken gehören heute dem privaten Klinikbetreiber Celenus, der angeblich rabiat und massiv gegen engagierte Beschäftigte vorgeht, die sich für einen solchen Tarifvertrag einsetzen. Also wieder Republikflucht? Aber wohin? Berlin. Dort haben sie sich gemein gemacht mit den streikenden Kolleginnen und Kollegen der Charité Physiotherapie- und Präventionszentrum, die gern als Weihnachtsgeschenk eine Angleichung an den Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD) möchten. Aber muss man da gleich die Tarifpartner mit Gelbwesten zu Tode erschrecken?

Damals, im Kalten Krieg, gab’s ja das Gleichgewicht des Schreckens. Drüben im Osten der Konsum mit vielerlei Bückwaren, dem Dresdner Zwinger für alle und die Erlebniswelt der Plattenbauten – im Westen Möbelparadiese, Traumschiffer und Atomkraft nein Danke am Zweitwagen. Heute wissen wir natürlich: Marcon kocht auch nur mit Eau de Cologne.

Es wird kälter in der Demokratie. Das kommt vom Klimawandel und aus Kattowitz. Zu Weihnachten dürfen natürlich auch die Populisten ihre alten Socken zum Trocknen in der Armenküche aufhängen und dann beim Pfeffern und Versalzen des Süppchens helfen. Rührt Euch.

Guten Morgen, Abendland

Guten Morgen, Abendland

Steht Wladimir Putin tatsächlich hinter der Wahl von Annegret Kramp-Karrenbauer oder haben sich die 1001 Delegierten aus freien Stücken für so eine Frau entschieden? AKK wird es den bunten Bündnissen der anderen Geschlechter vermutlich schwerer machen: Ein Herz für ungeborene KInder! Und die müssen ja eh nicht gleich schwarz sein. Grenzen dicht, Hunde müssen draußen bleiben. Sozialpolitisch gehört die Frontfrau der CDU allerdings eher zum linken Flügel bei den Rechten. Sie gilt als ordnungslieb, franzosenfreundlich und polizeitreu. Mehr kann man in diesen Tagen nicht erwarten. Fazit: Merz wird Kanzler. Wann? Ja.

Tief enttäuscht von den aktuellen Zuständen in Frankreich sind nicht nur die Deutschen, die Gelbwesten, die Eisenbahner, die Mariannen und die Minderbemittelten, sondern auch die Eliten im eigenen Land. Und letztere wissen, was der Russe in der Adventszeit auf den Champs-Élysées vornehmlich sucht: Glitzernde Diademe und wirklich pfiffig und exquisit geschneiderte Mäntel vom Okapi. Doch was findet er? Holz vor der Hütte. Er ist frustriert und muss seine Kreditkarte (Platin von Amex) stecken lassen. Wo, um Himmels Willen, kann er jetzt noch einkaufen? Den Aufständischen quer durch Land fehlt nicht nur die Kaufkraft, sondern auch das Verständnis für die Kauflust der Reichen. Die sind, sagen sie, wie „Le menteur“ Macron: Ignorant und arrogant. Und Lugebeutel. Macron hat seinen Landsleuten den Himmel über der Ruhr versprochen – und jetzt riecht’s nach Reizgas. Hätte man wissen können.

Alles, was rechts ist: Gelogen, dass sich die Balken biegen wird nicht nur beim Migrationspakt, gelogen haben auch Michael Cohen, Trumps Ex-Anwalt, Paul Manafort, sein Ex-Wahlkampfchef, und Ex-Sicherheitsberater Michael Flynn. Man weiss eigentlich nicht, wer nicht gelogen hat. Gelogen ist auch, dass es enger wird für den US-Präsidenten. Die nackte Wahrheit gehört schon am frühen Morgen (Frühstücksfernsehen und TAZ) zu den best angezogendsten Leuten im Abendland.

Wahr ist aber, dass Weihnachten unwiederbringlich vor der Tür steht – das Fest der Nächstenliebe, der Besinnung, der Einkehr. Viele Menschen suchen da verzweifelt nach Alternativen. Mensch, Leute, was liegt denn näher, als ein Geschenkabo für Kontext? Intelligent und nachhaltig – das gibt’s nur bei uns. Ungelogen.

Ausnahmezustand

Ausnahmezustand – Peter Grohmanns "Wettern der Woche"

Die Franzosen sollten wissen: Dass Zivilisten angegriffen und verletzt und Wohnhäuser angezündet werden, dass Autos in Flammen aufgehen, dass Läden geplündert und Barrikaden gebaut werden, dass Chaos und Gewalt über die Menschen kommen: Das ist nur im Krieg erlaubt. Doch an dieser Stelle muss zunächst einmal bissle Salz in die Suppe, damit’s schmeckt, denn „damit das kapitalistische System fortbestehen kann, müssen Kriege geführt werden, wie es die großen Imperien immer getan haben“. Also noch mehr Krieg?

Meine Omi Glimbzsch, eine Atheistin in Zittau, die nie auf ihren Weihnachtsbaum und die polnische Soße verzichten würde, macht mich bei dieser Gelegenheit auf die tröstlichen Worte ihres Gegenspielers in Rom aufmerksam: „Damit das kapitalistische System fortbestehen kann, müssen Kriege geführt werden, wie es die großen Imperien immer getan haben. Wir sind aufgerufen, uns der Gewalt und Ungerechtigkeiten in vielen Teilen der Welt bewusst zu werden. Wir dürfen nicht gleichgültig und tatenlos zuschauen. Jeder von uns muss sich einbringen, damit wir eine wirklich gerechte und solidarische Gesellschaft schaffen können. Niemals haben wir unser gemeinsames Haus so schlecht behandelt und verletzt wie in den letzten beiden Jahrhunderten. Wenn jemand die Erdenbewohner von außen beobachten würde, würde er sich über ein solches Verhalten wundern, das bisweilen selbstmörderisch erscheint. Der Rhythmus des Konsums, die Verschwendung, die Veränderung der Umwelt hat die Kapazität des Planeten so überschritten, dass der gegenwärtige Lebensstil nur in Katastrophen enden kann. Schlimmer noch, der Mensch selbst wird sogar als Konsumgut angesehen, das man benutzen und dann wegwerfen kann. Das Wirtschaftssystem dieser Welt ist nicht gut. Der Mensch muss im Zentrum des wirtschaftlichen Systems stehen. Wenn die Politik wirklich den Menschen dienen soll, darf sie nie Sklave der Wirtschaft und der Finanzwelt sein. Das Geld muss uns dienen, es darf nicht regieren.“

Das kommt gerade recht zum 2. Advent und zum 31. Parteitag der CDU in Hamburg. Die Zitate (kursiv gesetzt) des fröhlichen Franziskus sind mal älter, mal jünger, wie der Heilige Vater selbst, doch keineswegs weit hergeholt, ganz im Gegenteil. Die Botschaft bietet vielerlei Handlungsoptionen.

Macht kaputt?

Macht kaputt? – Peter Grohmanns "Wettern der Woche"

Wir müssen beim FC Bayern alles hinterfragen, sagte mir Uli Hoeness. Auch die Macht des Geldes. Wenn selbst Millionen nur für einen miesen 5. Platz reichen, wenn so einem Favoriten nicht mal beim jahrelangen Nachdenken in Einzelhaft und bei Isolationsfolter was Neues einfällt – dann gute Nacht, Deutschland! Und auch der zweite große Skandal hat seine Heimat in Bayern. In Augsburg (Brecht mit Thurn mit Taxis) hat das dortige Landgericht Volkswagen „wegen sittenwidrigem Verhalten“ dazu verdonnert, einem Kunden den vollen Kaufpreis für seinen neuen Golf Plus 1.6 TDI (schwarz!) zu erstatten. Für solche Feme-Urteile (keiner wird gehängt, aber weitere folgen) gegen die Betrugskonzerne zeichnet Jürgen Resch von der Deutschen Umwelthilfe verantwortlich, „der dafür erschossen“ gehört, wie mir ein Daimler-Kollege glaubhaft versicherte. Die Inhaber von Autoaktien würden diese Forderung gern aufgreifen – natürlich nur pro forma und mit neuer Software. Und Rösch als Zielscheibe – das ist doch mal eine schöne Idee, die den Automedien und den Börsen gefallen wird.

Womit wir schon wieder beim Spenden wären. So manche Mark, die im befreundeten Ausland lagert, könnte bei der AfD Wunder tun. August von Finckh (der Ältere) war ein Bewunderer Hitlers – aber das ist ebenso vergessen und vergeben wie die Beteiligung der Deutschen Bank an der Finanzierung von Auschwitz. Oder haben Sie je was davon gehört? Aber so eine Geschichte hängt natürlich der Familie an, auch wenn nicht groß darüber geredet wird. Sohnemann August von Finckh der Jüngere (ein alter biodeutscher Eidgenosse mit Schloss und Riegel in Thurgau) würde sich heute gewiss nicht an der Arisierung jüdischer Banken beteiligen. Nanana, würde meine Omi Glimbzsch in Zittau jetzt rufen. Doch der Freund rechtslastiger und liberaler Parteien hat nicht erst neulich der AfD finanziell in den Sattel geholfen, sondern in guten Zeiten auch die CSU und die FDP gefördert. Whay not! Den Seinen gibt’s der Herr im Schlafe.

Widewidewitt und Drei macht Neune – ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt! Am Geld liegt’s nicht, es liegt am Kapitalismus. Am 29. Oktober 1929 feierte die internationale Finanzwelt erstmals den Schwarzen Freitag – und heute geht die Internationale auf Schnäppchenjagd und macht am Nikolaustag kaputt, was uns kaputtmacht.

Einfach Aushungern

Hordentrieb – Peter Grohmanns "Wettern der Woche"

In seinem ersten Leben war der heilige Bassiano ein gewöhnlicher Heide, der es im letzten Augenblick noch schaffte, sich taufen zu lassen. Bassiano widersetzte sich dem Druck der reichen Eltern, wurde Priester, führte ein Leben in Demut (Söder) und Nächstenliebe (Seehofer), fütterte die Kinder der Armen und heilte die Kranken. Was will man mehr im schönen Lodi, der lombardischen Stadt? Schnauze halten. Das empfiehlt die katholische Bürgermeisterin Sara Casanova von der Lega Nord ihrem Konstanzer Amtskollegen, der sich darüber aufgeregt hatte, dass in Lodi Flüchtlingskinder vom Schulessen ausgeschlossen werden. Moment, nur keine Aufregung! Kinder von Leistungen auszuschießen, das gibt’s auch bei uns, etwa wenn die Eltern Tunichtgute sind, also Faulenzer, Strolche, Herumtreiber, Leute, die selbst Kretschmann nicht so recht leiden kann.

Womit wir bei der AfD wären, gewissermaßen einer Schwesterpartei der Lega Nord. Wenn die AfD mit ihren Spendenaffären Furore macht, erinnern wir uns doch gern an die 20 oder 30 Millionen, die in den Siebziger Jahren an SPD, CDU/CSU und FDP flossen, an Helmut Kohls Ehrenwort und die Schwarzen Kassen der CDU, an viele weitere finstere Geschichten des Lobbyismus. Und deshalb würde meine Omi Glimbzsch aus Zittau spätestens jetzt den Parteien allesamt zurufen: Schnauze halten. Und an die legalen Spenden denken, die den Parteien Jahr für Jahr zufließen, ganz ohne Gegenleistung, aus purer Nächstenliebe.

Nächstenliebe war auch der Grund für rund 1100 jesidische Frauen, die aus der Hölle des IS flohen und bei uns fortan Schulspeisung bekamen und ein Dach über dem Kopf hatten. Familienzusammenführung, Menschenrechte, Verfassung? Pustekuchen. Wer seine jesidische Familie nachholen will, verliert den besonderen Schutzstatus und muss zurück in die Hölle der sicheren Herkunftsländer. Da bietet sich neuerdings Syrien an, dass Land, dass Fassbomben abwarf, Flüchtlingskamps unter Feuer nahmt, ganze Regionen aushungerte. Der Folterstaat mit dem Giftgas. Fast über Nacht wird jetzt Baschar al-Assad zum Schutzheiligen jener Menschen, die bei uns untergekrochen sind. Alles ist sicher, nur Syrien nicht. Doch es darf wieder abgeschoben werden, auch nach Syrien. Tja, die Menschenrechte.

Ach so: Gerade eben hat die Württembergische Landesbibliothek die Auslage der Vielfalt-Zeitung untersagt, die sich solchen Themen widmet. Ein vielfältiges Programm gegen Zensur, Intoleranz und Dünkel finden Sie hier. http://0711menschenrechte.de/veranstaltungskalender

Hordentrieb

Hordentrieb – Peter Grohmanns "Wettern der Woche"

Zuerst unsere Gratulation: 100 Jahre Frauenwahlrecht! Das gab es noch nie. Und was gern vergessen wird: Von den Linksradikalen durchgesetzt, mit Engelsgeduld und Spucke, gegen die Herrenmenschen. Bis das Marienwunder kam: Denn obwohl 78 Abgeordnete mehr im aktuellen Bundestag sitzen, ist die Frauenzahl um elf auf 218 abgesackt. 31 Prozent – so niedrig wie seit 20 Jahren nicht mehr. Das kann sich kein Mensch erklären. In der arabischen Kopftuchwelt ist längst das irakische Parlament mit einem Frauenanteil von 26,5 Prozent den deutschen Frauen hart auf den Fersen, ganz ohne Weiberrat. Es geht doch!

In Zeiten des Gedenkens – Novemberrevolution, Republik, Pogrome, Deutschland einig Vaterland – bleibt das Nachdenken wichtig – etwa an den 8. und 9. November 1938, als deutsche Männerhorden durch die Städte zogen, Synagogen anzündeten, jüdische Geschäfts plünderten. Das war, wie wir wissen, nur der lang und breit angekündigte Beginn: Verfolgung und Willkür, Haft und sadistische Folter, die öffentliche Aufforderung zur Ausrottung und Vernichtung. Es war „das Gefährlichste, was die menschliche Evolution hervorgebracht hat“.

Aber wir haben alles bestens überlebt, der Mehrheit jedenfalls. 95 Prozent der dauerhaft Reichen leben im Westen der Republik, 62 Prozent der dauerhaft Armen in den neuen Ländern. Zum Thema Frau passt, dass 75 Prozent der dauerhaft Einkommensreichen Männer sind, bei den dauerhaft Armen haben die Frauen mit 54 Prozent die Mehrheit. Deshalb ist ja auch Andrea Nahles auf den Trichter gekommen und will ein Ende von Hartz IV. Unter Herrn Hartz leiden besonders die Frauen. Logisch: Eine neue Grundsicherung muss her, Hilfen für arme Kinder, ein freundlicher, zugewandter und echter Sozialstaat. Frau darf wieder träumen. Und Mann darf gespannt sein, denn wenn’s so weitergeht, nagt der Zeitgeist weiter am Fundament der Demokratie. In die Keller des Bundestagsneubaus an der Spree dringt seit Jahren Wasser ein, aber man weiss nicht warum und wieso und woher. Ich würd‘ sagen: Spree. Und Billiglöhner aus dem Osten.

Unerwähnt lassen wir an dieser Stelle die testosterongesteuerte deutsche Gewalt gegen ausländische Frauen und dass bei uns alle drei Tage eine Frau von ihrem (Ex-)Partner getötet wird.

Der Blaue Bock der CDU

Der Blaue Bock der CDU – Peter Grohmanns "Wettern der Woche"

Friedrich Merz, unser Cum-Ex der ersten Stunde, ist wieder da: Der März ist gekommen, die Bahn wird privatisiert, die CDU gleich mit. 1968 war der Mitverursacher von Fluchtursachen und Flüchtlingskrise gerade mal 13 Jahre alt, und der rot-grün versiffte Rechtsstaat bekam erst 1979 seine ersten Samenkörner. Er kann also nicht wissen, wie man weit hinausblickt auf die Latifundien der Demokratie statt aufs Börsenbarometer. Ja, wenn die Börsianer tanzen …

Momentan tanzt die Kanzlerin mit den Grünen noch auf der brummenden Konjunktur: Die Arbeitslosen zeigen fleißig auf ihr Rekord-tief, die Niedriglöhner und Dreifachjobber lassen wir mal links liegen – die Konjunktur brummt. Wenn Angela Merkel mit Sorge auf die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Deutschland blickt, das das mehr mit Trump und anderen Anti-Europäern zu tun als mit Friedrich dem Kommenden.

Annegret Kramp-Karrenbauer (links im BILD) weist daher mit den Menschenrechten auf die vielen Sprengfallen hin, die unsere imperiale Lebensweise bedrohen: Die Luft wird auch in besseren Lagen schlechter, keine Schmetterlinge mehr im Park. Das Armutsproblem als Wermutstropfen – mehr Chancen für Hartz-IV-Empfänger. Selbst viele Kinder seinen von Armut betroffen, sagte sie dieser Tage.

Doch die Armen ahnen mehr als sie wissen: Es rettet sie kein höh’res Wesen, kein Gott, kein Kaiser, kein Tribun. Das sangen 1989 nicht nur die Studenten auf dem Platz des Himmlischen Friedens (allerdings auf chinesisch), sondern vor 100 Jahren auch die Linken in der Stuttgarter Königstraße. Elend und Hunger und Krieg und Zensur und keine Aussicht auf Besserung. Der eine Teil ihrer Partei machte sich für den Krieg stark, der andere für den Frieden. Vom Glauben abgefallen sind inzwischen beide.

Apropos Glaube: Wer glaubt noch an einen spannenden Kampf um die deutsche Meisterschaft, an dem aber die besten und reichsten Fußballer und Mannschaften Deutschlands gar nicht mehr teilnehmen?

Die Börse.

Pferdewechsel

Pferdewechsel – Peter Grohmanns "Wettern der Woche"

Als die Post noch funktionierte, brauchte eine Sendung von Innsbruck ins holländische Mechelen vier Tage. DK, das 1490. Die Postreiter waren natürlich längst nicht so kaputt wie der Briefträger heute. Das lag am Pferdewechsel: Alle 15 km, wenn es sein musste. Alles sehr gut organisiert, effektiv, schnell, zuverlässig. Aber halt Pferdewechsel und, wenn ich mich recht erinnere, Diktatur oder so. Also Brasilien morgen.

Wegen der Wahlen verlieren zu Parteien zunehmend das Vertrauen zu ihren Wählern, und das mit Recht! Wenn sich an einem normalen Sonntag 100 000 SPD-Wähler zu einem Spaziergang zur AfD aufmachen, ist das nicht mehr lustig. Dabei hat doch die SPD, sagt sie, „Themen besetzt“ und „Kompetenz“ zugewiesen bekommen, von allen Seiten! Schlimm, diese unzuverlässige Wähler-Bagage! So gesehen, kann man keinem Wähler mehr über den Weg trauen.

Anders gesehen hieße das aber, dass in einer halbwegs aufgeklärten Republik wie unserer im Bewusstsein der Menschen offenbar kein Platz mehr ist für die eigene Geschichte, kein Platz fürs Erinnern, für die Kämpfe um soziale Gerechtigkeit, Stimmrecht, Demokratie. Auf Werte wie Solidarität wird angeblich gepfiffen, keiner scheint mehr so recht zu wissen, welche Opfer die Arbeiterbewegung, die Gewerkschaften, die Parteien der Linken in den letzten 100 Jahren gebracht haben, und erst recht nicht, dass sich die Rechte das Ende der Republik auf ihre Fahnen geschrieben hatte. „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit? Dafür kannste dir aber nischt koofen,“ würde meine Omi Glimbzsch in Zittau jetzt sagen. Richtig. Aber man muss nichts abstauben an solche Werten, nichts an der eigenen Geschichte. Denn eine solide Republik und eine solide Politik ist ohne diese Werte nicht zu machen.

Der Kapitalismus ist ein Auslaufmodell, das weiß selbst Franziskus. Zurückgewinnen muss die SPD das Grundvertrauen zu ihrer eigenen Geschichte, einer Geschichte mit Kämpfen und Fehlern und Niederlagen und Siegen. Zu den Siegen gehört unsere Republik. Es wäre doch gelacht, wenn das nicht 25 – 35% der Menschen kapieren würden. Pfeift auf die Ministerposten, wechselt die Pferde, auf nach Europa.

Nichtwähler werden?

Nichtwähler werden? – Peter Grohmanns "Wettern der Woche"

Oder gar Nichtwähler bleiben? Wie wäre es mit einer Wahlpflicht? Wenn es den Menschen an den Geldbeutel geht, werden sie schwach. Die Angst, dass sie AFD wählen, ist unbegründet, denn es gibt nach Bayern und vor Bayern. Nach Bayern werden jetzt nämlich sogar die Nichtwähler als gefährliche Fracht und Demokratiegut (Vorsicht, Schwertransporter – Kran, schwenkt aus!) gerechnet: 28 % blieben zu Hause oder im Stau stecken. Herrschte Wahlpflicht, dann, wie schön – hätte die AfD nur noch lächerliche 7,3 % und die SPD satte 6,9 %. Und gäbe es noch die Münchner Räterepublik, wäre die Linke im Landtag. Aber so…

In der Szene ist jetzt ja großes Gerede übers Aufstehn. Also ob man zu früh oder zu spät aufgestanden ist oder immer schon stand und wohin man geht, wenn man endlich aufgestanden ist. Ganz vergessen wird, dass es viele gibt, die einfach liegenbleiben. Böse Schelte von den Spätaufstehern bekamen am Wochenende die unteilbaren Berliner mit ihren lächerlichen 250000 Mauerpilgern. Die Losung UNTEILBAR für eine solidarische Gesellschaft sei letztlich kontraproduktiv, hörte ich, sei ein Angstmacher, der die gute Stimmung im Land verdirbt, die Angst vor offenen Grenzen schürt und ergo den Rechten die Wähler in die Arme treibe. Klar, die Parolen gegen Hass und Ausgrenzung, noch dazu, wo sie getanzt und gesungen werden, können den Menschen in den dunklen Tälern des Thüringer Waldes schon einen rechten Schrecken einjagen. Da hilft der Hinweis, dass viele aus dem Hause Gotha letztlich von den Hunnen abstammen, eher wenig. Hie gut Wirtemberg allewege!

Meine Omi Glimbzsch in Zittau war Frühaufsteherin – die Schicht in der Tabakmanufaktur begann um 5:30 Uhr. Leute wie sie hätten mitgetanzt zwischen Münchner Räterepublik und Münchner Freyheit und auf Herrn Höcke geschissen. Sie hat ausgetanzt. Sie liegt jetzt im eignen Quark im Pflegeheim, zwei Leute in der Bude, die Schwestern haben alle einen dicken Hals. Übermüdet. Überlastet. Überfordert. Wie die ganze Gesellschaft.

Und dann der Feinstaub! Die hiesige Presse motzt, dass die Stadt wieder viel zu früh den Alarm aufruft und die Autofahrer kirre macht und fürchtet den Wasserrohrbruch in der Hasenbergsteige: Die Stadt ertrinkt, wenn der Handwerker mit seinem Diesel nicht durchkommt. Vielleicht ist es ja das Wasser auf die Mühlen von Bernd Höcke?

Botschaften aus dem Wald

Botschaften aus dem Wald – Peter Grohmanns "Wettern der Woche"

50 000 oder 30 000? Piepegal, das Signal stimmt. Vom Hambacher Forst bis nach Berlin ist’s eine ganze Strecke, und die entspricht dem Abstand der Parteien zu ihren Wählern. Ob die Botschaften aus dem Wald tatsächlich oben ankommen, wird sich zeigen. Bisher überzeugten die Spezis in den Reichs- und Landtagen eher durch ihre Hartleibigkeit und, was die Natur angeht, durch ihre Unfähigkeit zu trauern. Ende Gelände? Aktuell hat der Bundesrechnungshof der Regierung Versagen bei Umweltschutz und Energiewende vorgeworfen und das Wirtschaftsministerium abgewatscht. Nun schließt sich Kay Scheller, Chef des Hauses, gar der Kritik der S-21-Gegner an: Die Bahn kann nicht mit Steuergeldern umgehen, das ganze Gerippe ist intransparent, die Bahn brauche also endlich wieder Aufpasser. Momentan schüttet die Regierung das Geld mit vollem Händen auf die Schienen, hat aber den Mund zu halten, wo es um die Verwendung der Mittel geht, um Kontrolle. Vertrauen ist gut, Kontrolle besser, das weiß Scheller von Lenin. Doch der Internationalismus der Bahn erschöpft sich in weltweiten riskanten Investitionen – und die Bundesregierung lässt es schleifen. Es fährt ein Zug nach Nirgendwo…

Das kommt davon, sagte ich der SPD schon zu Schröders Zeiten, aber die hören ja nicht auf unsereins! Heute hilft wohl auch kein Dirndl auf der Wiesn was. Die Grünen fühlen sich jetzt schon ganz wohl im schwarzen Wamserl. Sind sie etwa auch nur eine Partei wie alle anderen? Die bayerischen Aussichten für Sonntag sind also nicht nur eine Kaltwetterfront für die SPD, sondern auch für die Demokratie. Dass es mit SPD mancherorts nicht so gut geht wie gehofft, ist nur die halbe Wahrheit. Nicht dass ich was gegen Regierungswechsel habe – aber ganz ohne SPD geht die Chose nicht.

„Nu klar!“, sagte hat meine Omi Glimbzsch in Zittau, etwa, wenn ich sie fragte, ob es einen Mann auf dem Mond gäbe. Sie kannte nur Louis Armstrong. Heute krallen sich mangels eigner Fantasie und Masse die Parteien hier was von der Zivilgesellschaft und dort was von Aldi: GoGreen.

Wird schun werd’n mit der Mutter Bär’n!
Mit der Mutter Knorrn ist doch ooch gewor’n!
Nur Mutter Schmidtn, Gott, die hat gelitten!
Die ham ’se siebenmal geschnitten
und dann ham ’se erscht gesehen
dass sie ’n Holzbeen hat zum Steh’n…

Kusch!

Kusch! – Peter Grohmanns "Wettern der Woche"

Die fünf Leute stiegen an der Bushaltestelle am Wangener Marktplatz ein. Drei vorn ein, zwei hinten. Einer bleibt beim Busfahrer stehen. Die anderen schauen sich um. Der Bus fährt an. Sie gehen langsam durch die Reihen, die einen von vorn, die anderen von hinten. Kontrolleure? Vermutlich werden sie gleich sagen: „Die Fahrausweise bitte“. Sagen sie aber nicht. Sie fixieren lediglich die Fahrgäste, sehr langsam. Suchen die jemanden? Der eine der fünf nimmt sich die rechte Seite vor, ein anderer die linke. Die etwa 25 Fahrgäste werden aufmerksam, und jetzt spürt man förmlich, wie sich die Luft verändert, wie unbehaglich es den Leuten im Bus wird. Warum? Die Gespräche verstummen. Offenbar machen alle ihre Handys aus oder legen sie weg. Die fünf Jungs sind jung und muskulös und ernst. Manche Leute schauen angestrengt nach draußen. „Was gibt’s denn da zu sehen?“ fragt einer der fünf. Der Gefragte, 40, 45, sieht so aus, wie Südländer aussehen können. Er schüttelt unsicher den Kopf, sagt nichts. „Ich hab dich was gefragt!“ Er schaut sich um im Bus, will sich sicher sein, dass es alle gehört haben. Es haben alle. Ein Mann in der Mitte der Sitzreihen kramt sein Handy hervor. Der Fünfte geht jetzt auf seine Sitzreihe zu. „Wenn willscht denn anrufen?“ Der Mann mit dem Handy ist irritiert, schaut fragend auf. Er ist vielleicht 20, 22. „Steck’s weg!“ Die Botschaft ist nicht unfreundlich, laut genug für alle im Bus, und doch eher neutral. Mein Nachbar stupst mich unauffällig an, zeigt wortlos auf seine Brust und dann mit einem Kopfnicken in die Richtung des Mannes, der immer noch beim Busfahrer steht und alles im Blick hat. „Consdaple“ steht auf seinem Pullover. Keine Ahnung. Bei dem hinten steht auf der Bommelmütze Pit Bull.

An der dritten Haltestelle steigen sie aus, niemand sonst. Sie grinsen.

Der mit der Pit Bull-Mütze kommt noch mal zurück, ruft durch die noch offene Bustür: „Kusch!“

Es klingt wie ein Bellen. Die Bustür geht zischend zu. Die fünf lachen und schauen dem Bus nach.

Der eine kuscht, sobald er eine Polizeiuniform sieht. Die andere kuscht, wenn ihr der Chef auf den Leib rückt. Der da wechselt die Straßenseite. Der eine kuscht bei den Autobauern, der dritte bei Glyphosat. Der eine kuscht bei der Bankenkrise, der andere beim Parteivorstand. Die eine kuscht bei der Arbeit, die andere an der Kasse. Das macht der Regelsatz im September 2018.

Die nächste Haltestelle. Alle steigen aus.

Ooch, Mensch Nahles!

Ooch, Mensch Nahles!

Quatsch, nein, ich will nicht auch noch auf der rumhacken! Ich fände es stattdessen ganz gut, wenn Hans-Georg Maaßen Sonderermittler in Sachen Demokratie werden würde. Mal egal, wo sein neues Amt anzusiedeln ist – überall, bloß nicht beim Verfassungsschutz! So wie sich die Bundeswehr einen Wehrbeauftragten leistet, der den Nöten der Soldatinnen und Soldaten nachgeht, brauchen wir jemanden, der den Sorgen und Nöten der Demokratinnen und Demokratinnen nachgeht, der sie liebhat, ihre Anliegen ernst nimmt, ihnen beisteht, wenn sie angegriffen werden. Und da gibt’s ja zur Zeit viel zu tun. Seriöse Prognosen kommen zu dem Schluss, dass es künftig eher mehr Arbeit in diesem Sektor geben wird. Maaßen als Sonderermittler könnte nach den Ursachen forschen, Lösungen erarbeiten wie im Fall Amri. Als Ombudsmann für Demokratie wäre er unabhängig und direkt der Öffentlichkeit und den Medien unterstellt. Um seine verfassungsmäßigen Aufgaben erfüllen zu können, stünden ihm natürlich weitreichende Rechte zu und er müsste nicht länger neben Seehofer dumm herumstehen. Recht auf Auskunft und Akteneinsicht etwa, und bevor Akten geschreddert werden, darf er sich eine Kopie machen. Maaßen kann verdeckte Ermittler besuchen (und wie jetzt: einsetzen!), die dem deutschen Volk auf den Weisheitszahn fühlen. Er kann Behörden, Dienststellen, Demonstrationen heimsuchen – ganz gleich, ob angemeldet oder unangemeldet. Und er kann straf- oder disziplinargerichtliche Verfahren einleiten, wenn es mit der Demokratie irgendwo klemmt. Genug zu tun tun also. Maaßen wird ja in diesen Tagen überall als hervorragender, guter Beamter gelobt, was immer das sein mag. Klar, seinen Beamtenstatus müsste er aber aufgeben, um unabhängig zu sein. Doch er weiss besser als wir alle: Momentan findet eine dramatische politische Verschiebung statt: Rassismus und Menschenverachtung werden gesellschaftsfähig. Was gestern bei den anderen noch undenkbar war und als unsagbar galt, ist heute längst die von allen gesehene Realität: Humanität und Menschenrechte, Religionsfreiheit und Rechtsstaat werden offen angegriffen. Es ist ein offener und öffentlicher Angriff auf Verfassung, Gesellschaft, Demokratie, der uns allen gilt.

Gut, der Vorschlag kommt vielleicht eine Woche zu spät, und OK, vielleicht ist Hans-Georg nicht der rechte Mann für so eine umfassende Aufgabe, vielleicht wäre auch eine Frau geeignet, zum Beispiel Andrea Nahles. Jemand mit Fingerspitzengefühl und Überzeugungskraft, um die Menschen von ihren dummen Ansichten zu heilen. Eine Schule für Demokratie, mit Oberlehrern und allem Drumrum.

Ach so: Vorher muss natürlich Seehofer gehen, egal wohin.

Wir sind der Verfassungsschutz!

Wir sind der Verfassungsschutz!

Dieser Tage demonstrieren vielerorts Freunde und Feinde der Verfassung – dafür und dagegen, und manchmal ganz unbewusst. Die jüngsten Demos in Stuttgart, bei denen die meisten Demonstranten zu Hause geblieben sind, richteten sich nicht nur gegen die Rechtspopulisten, sondern auch an die Öffentlichkeit. Die Botschaft ist klar: Wir sind der Verfassungsschutz! Wir sind Vielfalt. Aber dazu brauchen wir euch, sonst klappt das nicht. Dass es im Lande an Gerechtigkeit fehlt, ist nichts Neues – aber vor allem fehlt’s an einer Bewegung, die vehement für Verfassung und Demokratie eintritt – nicht im stillen Kämmerlein, sondern „draußen vor der Tür“. Wer wollte sich der Erkenntnis verschließen, dass die größten Gefahren für die Menschen von Isolation, Gleichgültigkeit und Gedankenlosigkeit ausgehen? Humanität und Menschlichkeit sind hohe Ansprüche – aber sie sind das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben sind, wenn sie nicht wieder und wieder im Handeln eingelöst werden. Oder so: Wer zu Hause hocken bleibt, hat schon verloren. Das sagt sogar Winfried Kretschmann.

Bei allem Aufbruch und Aufstehn und Ruckeln durchs Land schaut es eher so aus, als sei kaum jemand (außer Ihnen) in der Lage, die Verfassung, die Demokratie angemessen zu schützen. Das Problem: Den staatlichen Akteuren selbst und ihren Aufsichtsräten im Bundestag trauen viele schon lange nicht mehr so recht über den Weg – und nicht erst seit der Causa NSU. Zum Mitdenken: Große Teile des NSU-Komplexes sind nicht aufgeklärt. Nach dem Verfahren und dem Urteil von München bleiben mehr Fragen offen als vorher – auch, weil die Dienste ihren Kontrolleuren die Kontrolle verweigern. Die politisch-militanten Szenen, recht wie links, sind bekanntermaßen mit V-Leuten durchsetzt, und so stehen Untersuchgasausschüsse, Abgeordnete und erst recht die Medien wie der Ochse vorm Berg, wie meine Omi Glimbzsch in Zittau gern sagte. Nicht erst seit dem G20-Gipfel in Hamburg, auch aus der Vergangenheit und lange „vor NSU“ sind genügend Beispiele bekannt, in denen der Verfassungsschutz als Animateur für Straftaten fungierte. Wenn irgendwo gezündelt wird, muss die Rolle der „Dienste“ konsequent ausgeleuchtet werden. Der Hinweis auf ein angeblich umfassendes rechtes Netzwerk unterschlägt geradezu die Beteiligung deutscher Dienste. Fragt sich, welche Motive die dienstbare Geister der Verfassung haben. So oder so: Für Demokraten ist der Einsatz für die Verfassung alternativlos.

Schwaben-Demokraten

Dass die schwedischen Sozialdemokraten am Sonntag das schlechteste Ergebnis seit Erfindung der freien Wahlen eingefahren haben, ist der SPD nichts Neues. Hier bei uns liegen bekanntlich die Hellroten heute gleichauf mit den Blauen, und die setzen gerade zum Überholen an. Da und dort (dort vor allem) sind sie schon stärkste Partei. Also Aufstehen, Sitzenbleiben, Wegsehen, zu Hause bleiben, wie blonden deutschen Töchtern zu raten ist?

Unterdessen trödeln und tendeln immer mehr Länder, von Marx bis Mainau, von der Etsch bis an den Belt, putzmunter ins demokratische Abseits. Bei vielen Menschen im Lande überwiegt aber vor allem die Sorge, dass es bei künftigen Wahlkampfkosten-Rückerstattungen (aus Steuermitteln) noch düsterer aussehen wird als jetzt schon. Wir finanzieren das Abseits – voll ins Blaue hinein.

Ein gewichtiger sesshafter Repräsentant der Schwaben-Demokraten, bei dem man künftig ebenfalls etwas genauer hinsehen muss, ist Volker Kauder (beide CDU). Kauder hat sich über Macron echauffiert. Der Franzose wandte sich dieser Tage frech an die christ-demokratische Europäische Volkspartei (EVP), in der auch die CDU wohnt: „Man kann nicht gleichzeitig Merkel und Orban unterstützen“. Kann man zwar, macht man zwar – doch wo ein Rechter Recht hat, hat er recht. Kollega Seehofer hingegen bereitet gerade ein Treffen mit Orban vor – bei der Jahrestagung der Modelleisenbahner in der kleinen ungarischen Grenzstadt Gyékényes. Achtung, Fake news! Aber warum nicht?

Eher Muslimisch-sunnitisch-weltoffen geprägt sollte dagegen ein Sonntagsbraten sein, zu dem die Menschen in einer Stuttgart Flüchtlingsunterkunft ihre vorwiegend deutschstämmigen Nachbarn eingeladen hatten. Essen, Trinken, Kennenlernen – das war das Mott des Nachbarschaftsfestes. Eintritt frei. Ein niederschwelliges Angebot, das freilich viel Überwindung kosten mag – soviel, dass nicht ein Einziger, keiner, niemand, Null die Einladung zum integrativen Gastmahl annahm. Man muss wissen, dass im Stuttgarter Fasanenhof viele Flüchtlinge wohnen – aus Pommern, Ostpreußen, Schlesien, dem Sudetengau, neuerdings auch aus Russland, und die wissen, wie schwer es ist, sich in Deutschland zu integrieren. Etliche haben es bis heute nicht geschafft, wie wir sehen. Auch die Kauders blieben weg – weg wie die Sozis, die Christen, die Antifa, die Liberalen und die Normalen. So mussten die 188 Bewohner am Ehrlichweg ihre Suppe selbst auslöffeln. Aber sie konnten sich trösten: Zu ihrem Sommerfest seinerzeit kam auch nur einer.

Wen heilt Hitler?

In Rosenheim sollen zwei Rosenheim-Cops und ein Ziviler den Hitlergruß gezeigt haben, in Chemnitz nimmt man dazu eher den nackten Arsch. Alle reden – statt vom Wetter – vom Versagen des Rechtsstaats, vom Versagen der Polizei, der Parteien (außer jener mit dem großen und breiten A.), vom Versagen der Regierung, der Demokratie. Niemand redet von unserem Versagen, meinem, deinem, also dem Versagen der Antifa. Oder gehören wir womöglich gar nicht mehr dazu? Die werden ja auch immer elitärer und pfeifen eher auf Leute wie mich und meine Omi Glimbzsch aus Zittau. Unter sich bleiben ist eine beliebte Übung der Linken, die viel, viel mehr als die Partei ist.
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Weiche, Satan, weiche!

Weiche, Satan, weiche! – Peter Grohmanns "Wettern der Woche"

In diesen Tagen geht die Republik baden. Viele fahren ans Mittelmeer, andere lieben eher verschmutzte Binnengewässer oder fliegen mit Ryanair in den hohen Norden, um sich von den letzten Gletschern zu verabschieden. Richtig ist: Ob in Lampedusa, Kufstein, am Südpol oder auf Spitzbergen – so schön wie heute wird’s nie mehr. Das sagen sich auch die Anlieger-Demokratien des Mittelmeers, die längst noch nicht mit allen Mitteln, über die das Christentum verfügt, unsere Strände sauber halten wollen.

Sybille Krause-Burger, eine Lady leicht rechtsaußen in der hiesigen Qualitätspresse, spricht nicht nur den Blauen und Schwarzen aus dem Herzen, wenn sie sich über die „Art des Missbrauch europäischer Großzügigkeit“ hermacht (StZ 24.7.18) und den Aufruf zur Mäßigung in der Asyldebatte „Gesäusel“ nennt. Ihr Wort in das Ohr der Menschen, die im Mittelmeer ertrinken! Hat sie verdrängt, dass eben dieses Europa der weißen Herrenrasse die Kontinente, aus denen die Flüchtlinge zu uns kommen, ausgesaugt, ausgelaugt, ausgebeutet hat – und es weiter tut? Dies vor allem und unser imperialer Lebensstil auf Kosten der „Anderen“ ist der Hintergrund der Fluchten.

Gerade die „freie Rede ist es doch, die wir …an einer funktionierenden Demokratie für unverzichtbar halten, und zwar jede Rede, die strafrechtlich unbedenklich ist“. Das „verordnete Gesäusel“, das zur verbalen Mäßigung beim Aufeinander einstechen in der Asyldebatte mahnt (sie meint wohl Merkel, Vosskuhle und ähnliche Hallodris) bringe uns nicht weiter. Ja, wohin denn, gnädige Frau? Es bringt zwar nicht uns, aber die Mitte ihrer guten Gesellschaft weiter nach rechts und macht die Populisten noch hoffähiger. Es geht in der Rede in diesen Zeiten eben nicht darum, ob etwas strafbar ist oder nicht, sondern darum, welches Klima Sprache erzeugt und welchen Haltungen sie Vorschub leistet. Weiss Frau Krause-Burger eigentlich, was bei uns alles an Rassismus, Antisemitismus und Gewaltverherrlichung nicht strafbar ist?

Ganz im Gegensatz dazu fehlt’s im Land an freier Rede, am ehrlichen Wort, am Protest gegen Populisten. Die Intelligenz an Universitäten und Medien, in Kunst, Kultur und Politik hält sich in in diesen Zeiten stark bedeckt – im festen Glauben, dass ein geflüstertes „Weiche, Satan, weiche“ die populistischen Gespenster dem guten Hause fern hält. Nein. Denn sie haben sich längst festgesetzt, neben mir, neben dir.

Klugscheißer…

Klugscheißer – Peter Grohmanns "Wettern der Woche"

… nennt Klugscheißer Buschkowsky von der SPD seine Partei. Mach mir den Heinz – ein Mann, ein Wort für schnelle Lösungen und gewissermaßen ein Vorläufer des Populismus. Vor Jahren hat der Ex-Neuköllner Bezirksbürgermeister denen schon den blauen Teppich ausgerollt, ohne daß ihm jemand ans Bein pinkelte oder gar das Parteibuch abnahm. Trösten wir uns: Auch Thilo Sarrazin gehört zum Spektrum einer Partei, das sich vor den Ertrinkenden verkriecht wie der Christ vorm Fegefeuer. Die „kommen aus Ländern mit einer völlig anderen Wertestruktur“, sagte Buschkowsky und sprach schon in grauer Vorzeit von einer„vordemokratischen widerspruchslosen Gehorsamspflicht einer gottgegebenen Ordnung“. Also wie bei uns: Für Gott, Führer und Vaterland. Momentan erleben wir den Aufstand der Unanständigen. In Konstanz oder München verbieten Rechts-Bürokraten den Intendanten das Maul – mehr als ein Grummeln ist nicht zu hören, auch nicht beim Seehofern, Södern oder Klugscheißen. Das alles spricht ja so vielen aus dem Herzen. Die Anständigen sind beim Heckenschneiden oder im Sommerurlaub: Luxus und Wellness auf einer Insel der Scheinheiligen. Toscana ist out of Rosenheim.

Die Straße überlassen wir den Straßenkötern, bis die anderen mehr sind. Klar, wir versuchen auch das Entlarven oder das mit der Fudamental-Opposition wie meine Omi Glimbzsch in Zittau: Nein. Etwas einfacher gesagt: So einen Dreck machen wir nicht mit. Tatsächlich passiert das Gegenteil: Wir machen alles mit. Klar, alleine kommen wir in diesen schweren Zeiten nicht zurecht. Deshalb will die Bundeswehr jetzt auch echte AusländerInnen in die Armee nehmen, also nicht nur Ossis oder welche mit Migrationshintergrund. Ganz so wie beim Pflegenotstand, wo bei jedem dritten Bio-Deutschen bald eine Rotchinesin mit Stäbchen zum Füttern am Bett stehen könnte.

Hier unser Garantieschein für Menschenrechte, wir sind ja Vertragspartner: Aus dem Meer werden künftig alle gefischt, die deutsch oder englisch können, ein Führungszeugnis oder den Facharbeiterbrief dabei haben, gesunde Zähne und keine blutigen Hände. Offen sind wir durchaus auch für ausgebildete Altenpfleger, Mechatroniker für die Hubschrauber-Pflege bei der Luftwaffe und IT-Spezialisten für Daimler. Alle aus sicheren Herkunftsländern. Wer nicht freiwillig kommt, wird gekauft.

Demokratie wagen

Demokratie wagen – Peter Grohmanns "Wettern der Woche"

Das Wichtigste zuerst: „Wir wollen mehr Demokratie wagen“, wie das uneheliche Kind Willy Brandt alias Herbert Frahm 1969 behauptete, als es Kanzler wurde. Heute nimmt Deutschland 50 Flüchtlinge auf, und beim Stuttgarter Festival der Kulturen bekommen alle, die „öffentlich“ anreisen, zwei Gläser Sekt zum Preis von einem.

Wären nicht erst im Oktober 2018, sondern bereits am nächsten Sonntag Wahlen in Bayern, käme die CSU auf 39 Prozent, scharf verfolgt von AfD und Grünen mit je 14 Prozent, während die SPD mit satten 12 Prozent und die Linken immerhin mit 3% punkten könnten. In der gleichfalls gebirgigen Sächsischen Schweiz, der Heimat meiner Omi Glimbzsch, wird erst 2019 gewählt. Hinter den Bergen kann die AfD dort mit 40 Prozent rechnen, die NPD sattelt noch 7 Prozent drauf. Falls da Unruhe aufkommt (die erste Bürgerpflicht, so die Hoffnung von Jürgen Habermas 1958): Dort, wo der Pole keine Fahrräder klaut, sieht alles viel ruhiger aus. So Gott will und uns kein Krieg heimsucht, hätte zwar auch dort das Schwarz-Rote Regierungsbündnis in Dresden keine Mehrheit mehr und die Wahl, entweder die Linken oder die AfD mit ins Boot zu nehmen, um noch mehr Demokratie zu wagen. Aber woher kommt’s? „Es fehlt der Linken an überzeugenden Konzepten“, meint wohl Sahra Wagenknecht. Doch offenbar fehlt auch der Demokratie selbst ein überzeugendes Konzept.

Vielleicht braucht man ja gar keine Opposition? Nehmen wir Afrika, die FIFA oder Russland, da geht’s auch ohne, und wir kommen trotzdem gut miteinander aus. Herr Müller sitzt ja direkt in der Bundesregierung und möchte, dass europäische Kommissare gewissermaßen die Macht in Afrika übernehmen und den anderen Schwarzen sagen, wie man richtig wirtschaftet und sich wohlfühlt zu Hause (Wohlfühl-Kapitalismus). Von 2021 bis 2027 solle die EU für Afrika 39 Milliarden Euro ausgeben, sagt Müller. Mit dem Geld, sag‘ ich jetzt mal, könnten die Afrikaner dann Hähnchen, Getreide oder Dieselfahrzeuge und manches mehr bei uns kaufen.

Wahr ist: Als Togo noch Deutsch war, 1848, mussten die Menschen jedenfalls nicht abhauen (sofern sie anständig waren). Ja, die guten alten Zeiten! Die neue Rheinische Zeitung hatte 1848 eine Auflage von 60 000 Exemplaren – aber sie könnte der TAZ nie das Wasser reichen. Wir sehen: Fehlfarben! Geschichte wird gemacht – es geht voran. Wenn wir trotzdem nicht locker lassen: Wir brauchen keine Alternative für Deutschland, aber drübernaus. Das hält uns wach.