Rede von Peter Grohmann bei der Montagsdemo am 12. Juni 2017

Nirgends ein Scheißhäusle

Hinten und vorne neue Hotels, aber nirgends ein Scheißhäusle: Willkommen in Stuttgart!

Wessen Stadt? Unsere Stadt! Das sag‘ ich doch schon die ganze Zeit! Und Sie auch: Unsere Stadt, unser Geld, unser Bahnhof!

Liebe Leute, am letzten Montag war Pfingsten, einer der höchsten Feiertage und das „Fest des Heiligen Geistes“. Aber er kommt und kommt nicht über die Stadt. Und den Montag davor war ich entschuldigt. Venedig, Sie wissen schon: Relativ wenige Autos, und Feinstaub nur bei den Kreuzfahrtschiffern. Für den Canal della Giudecca, der die gleichnamige Insel von Venedigs Stadtteil Dorsoduro trennt, gibt es jetzt neue Verkehrsregeln, wirksam etwa wie die Mooswand an der Cannstatter Straße.  Ozeanriesen über 96 000 Bruttoregistertonnen mit 300 Metern Länge und 15 Stockwerken Höhe dürfen demnach weiterhin passieren – das große Geld hat gesiegt. Allein mit diesen Riesen-Rohrkrepierern kommen 300 000 Touristen pro Jahr nach Venedig – sie übernachten auf dem Schiff, sie essen auf dem Schiff, sie schlafen auf dem Schiff – und sie atmen den Feinstaub des Schiffes auf dem Schiff. In Stuttgart übernachten Jahr um Jahr rund 3,5 Millionen Menschen. Es werden jedes Jahr mehr. Deshalb will man nun direkt am Neckartor ein neues Hotel bauen – und ein neues Krankenhaus für Herz, Kreislauf und schwarze Lunge. Die Pläne sind noch geheim – aber der Denkmalschutz hat schon mal signalisiert, dass es keine Einwände geben darf. Wie geht die Planung weiter? Wegen Terrorgefahr werden Freiwillige direkt hinter den verschlossenen Türen hinters Licht geführt: Die Stuttgarter Mondscheinserenade. Es dirigiert die Verwaltung, der Gemeinderat darf aber zuhören.

Das ist wie in Venedig: Da wird auch alles über Bord geworfen oder abgerissen, was nicht niet- und nagelfest ist. Wer in Stuttgart mit einem Koffer voller Geld anreist, bringt auch gleich den Architekten mit und diktiert dem Stadtplaner, wie die Stadt von morgen aussehen muss. Und in diesem Punkt ist’s dann wie in Venedig. Dort werden durch Gentrifizierung die Alteingesessenen verdrängt – das Wasser steht den Menschen bis zum Hals – wer das Maul aufmacht, muss spucken.

Hans Magnus Enzensberger:
APUS APUS – DER MAUERSEGLER

Er wiegt nur vierzig Gramm.
Monatelang lebt er in der Luft,
ununterbrochen,
jagt, liebt und schläft hoch oben.
Er ist unbezähmbar.

Er ist wetterfühlig.
Lang segelt er bewegungslos mit der Thermik,
aber sein Sturzflug ist rasant.
Unsre Bewunderung läßt ihn kalt.

Der Mauersegler liebt vor allem die alten Gemäuer. Die Städte mit dem Fachwerk, den Erkern, den Ecken und Kanten. Merkt auf: In einer Situation, wo das soziale Instrument Stadt nach allen Himmelsrichtungen auseinanderfliegt, kann es nicht bloß darum gehen, wie die rücksichtslosen Einzelteile architektonisch dekoriert werden, mit Glas oder Stein und Geld und Wein. Wir brauchen für diese Stadt – unsere Stadt! – ordnende Prinzipien, eine politische geführte Verwaltung, die sich nicht am Gängelband der Investoren durch die Immobilien-Arena führen lässt. Wir brauchen die Realisierung dessen, was vor den Wahlen versprochen wird: Für die Bürger*innen zu bauen, für unsere Stadt. Also: Das Gemeinwohl vornan zu stellen, eine Bauleitplanung, die dies als oberste Maxime sieht. Wir brauchen einen Gemeinderat, der nicht nur nickt und einnickt, der nicht nur gehört wird, sondern der von sich hören lässt, laut und deutlich! Einen Gemeinderat, der nicht nur zur Kenntnis nimmt, was längst ausgekungelt wurde, sondern der laut genug der Verwaltung den Marsch bläst. Keine Mondschein-Serenaden. Und endlich raus aus den Hinterzimmern! Diskutiert öffentlich auf dem Marktplatz mit den Menschen, mit uns, wie der Marktplatz aussehen soll, welche Stadt ihr wirklich wollt. Wir sagen euch, wie wir wohnen, arbeiten, leben wollen. Werdet nicht zu Wiederkäuern der stadtzerstörenden Investoren, zu Handlagern des großen Geldes. Denn Architektur ist kein Feuilleton. Mit ihr kann man, anders als mit dem Schreiben von Glossen, viel Geld verdienen. Schaut den Geldgebern und den Geldnehmern auf die Finger, blickt hinter die Kulissen.

Das weiss doch jeder: Ein starkes städtebauliches Regelwerk ist unumgänglich – nicht als Architekturprogramm, sondern als städtebauliche Vorgabe: Die Mischung und Differenziertheit der Nutzungen, klare Obergrenzen, große Dichte, die Beachtung der Frischluftschneisen, der Erhalt der sozialen Stadt – all das hat z.B. Eugen Eberle vom Parteifreien Bündnis schon vor 50 Jahren gefordert. Vieles, was in den letzten Jahren bei uns gebaut wurde – und nicht nur hier – ist ästhetisch von einmaliger – ja, Armut. Das Problem aber ist auch hier nicht die Architektur, auch wenn sie mir nicht immer gefällt, ganz im Gegenteil – sondern die Fähigkeit einer Stadt, städtebauliche Ordnungsvorstellungen zu entwickeln.

Wir sind hier, wir sind viele, wir wollen nicht nur bodenlose und dumme Großprojekte stoppen, sondern die Stadt als soziale Form retten, als Willen zum Zusammenleben. Wir sind hier, weil wir morgen nicht noch mehr Büroetagen, Telefonläden, Shoppingmalls, Diskos, Pornoläden wollen.

„Eine Stadt ist wie ein aufgeschlagenes Lesebuch“, sagt der AnStifter und Denker Roland Ostertag. Das ist keine Poesie, sondern handfeste, konkrete Kritik. Unser Lesebuch ist in einem bedauernswerten Zustand – zerfetzt, zerfleddert. Viele Seiten wurden im Laufe der Jahre mit Gewalt herausgerissen. Stuttgart, weiß Roland Ostertag, hat nach den massiven Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg in der Nachkriegszeit noch in erheblichem Maße an historischer Substanz verloren. Die Ursachen: Das ökonomische Verwertungsdenken und eine Mentalität der Geschichtsvergessenheit. Manches ist nicht mehr zu korrigieren. Aber die Debatten darüber sind nicht müßig, wir sind es, die sie anheizen müssen! Denn unser Protest ist lebenswichtig für die Hygiene der Stadt, für die Demokratie – und für unser Selbstbewusstsein. Wir wissen natürlich auch: Mit dem Nachdenken allein ist es nicht getan, auch nicht mit den Protestreden auf den Marktplätzen. Wir müssen uns mehr als bisher in allen Ebenen der Gesellschaft einmischen, Positionen beziehen, lauter sein.

Gestern hat vor einigen hunderttausend Menschen Pep Guardiola zu zivilem Ungehorsam aufgerufen – der Millionär und Fußballspieler meinte sinngemäß, Gesetze sind dazu da, um sie zu brechen. Das gilt bei uns nur für Banken und Sparkassen, für Porsche, die Autoindustrie, die Schwarzfahrer und die Investoren. Vielleicht braucht es bei uns mehr zivilen Ungehorsam. Doch egal, was wir brechen – wir bleiben oben. Und wir werden den Verantwortlichen Feuer unterm Arsch machen, jetzt und immer wieder. Dafür sind wir hier. Oben bleiben, wie meine Omi Glimbzsch in Zittau gern sagte.

Es geht um unsere Stadt, um unsere Zukunft.

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