Der Wienerwald brennt

Land der Berge, Land am Strome,
Land der Äcker, Land der Dome,
Land der Hämmer, zukunftsreich!
Heimat großer Töchter, Söhne,
Volk, begnadet für das Schöne:
Vielgerühmtes Österreich!

Nach jedem Guss schwellen die Bäche und färben sich ein wenig braun. Das klart sich nach einiger Zeit aber wieder auf. Meistens. Doch manchmal sieht’s so aus, als könnte ein braune Flut hinterher kommen. Der Wienerwald brennt, die Zeit für SPÖ und ÖVP scheint abgelaufen.

Im stolzen roten Wien, der uneinnehmbaren Festung, schafften es die Sozis auf 12,3 % (Stuttgart: 11,9). Nach unten geht also immer. Der alte Graf Alexander van der Bellen, freischwebender Grüner und TTIP-Gegner, erhält dreimal mehr Stimmen in Wien, im ganzen Öster-Reich mit 20 % fast das Doppelte als die Roten.

Zugegeben, Stuttgart ist nicht Wien, Vorarlberg noch nicht Baden-Württemberg.

Volks-front, Volks-front! würd‘ meine Omi Glimbzsch aus Zittau jetzt skandieren. Recht hätte sie: Der Graf, die Frau Griss und die Stimmen der letzten regierenden Mohikaner könnten Österreich vor dem Untergang retten. Man könnte aber auch sagen: Nicht mit denen und mit denen auch nicht und mit dem schon gar nicht. Dann steigt das braune Wasser in der Wiener Hochburg weiter und weiter und weiter und steht dem Establishment bald bis zum Hals. Fürs Abtauchen wie in Stuttgart reicht es natürlich immer.

Und die Zukunft? Hier und dort haben immer mehr Wahlberechtigte die Schnauze voll – von Mauscheleien, Verflechtungen, Ämterpatronage, etc pp. Großen Koalitionen hängt mit Recht sowas wie ein Einparteien-System an. SPÖ und ÖVP haben sich einmal mehr verkalkuliert. Sie sind den Slogans der braunen Blauen hinterher gerannt – der Ausländerfeind ist aber beim Original FPÖ besser aufgehoben.

Die Watschn fürs Establishment sind hoch verdient – und im schlimmsten Fall muss auch ein österreichischer Bundespräsident nicht fürchten, in Europa isoliert zu werden, wie man sieht. Man kann bestens miteinander, Gabriele liebt Sisi, Kohl liebt Orban, Rezip liebt Angela.

Ich liebe den Kaiser: Das wär‘ doch die Lösung für die angeschlagene Demokratie – und Abgaswerte bitte neu einstellen.

*) Peter Grohmann

ist Kabarettist und Initiator des Bürgerprojekts Die AnStifter

Über Peter Grohmann

Peter Grohmann, Jahrgang 1937, Breslauer Lerge, über Dresden auf d' Alb, dann runter nach Stuttgart: Schriftsetzer und Kabarettist, Autor und AnStifter gegen Obrigkeitsstaat und Dummdünkel. Mitgründer: Vom Club Voltaire übers undogmatische Sozialistische Zentrum, vom Theaterhaus zu den AnStiftern. Motto: Unruhe ist die erste Bürgerinnenpflicht. Was ärgert Grohmann? Alle, die den Arsch nicht hochkriegen, aber dauernd meckern. Und an was erfreut er sich? An Lebensfreude und Toleranz