Wettern
O Gott

Der liebe Gott macht viel mit, wenn der Tag lang ist, auch mit seiner Kirche. Was hat er gewettert und gemahnt und Geduld gezeigt – nix zu machen. Die Kirche hat ihn nicht gehört. Heut auf den Tag genau vor 920 Jahren, am 3. Juni 1005, zogen die Christen von Konstantinopel nach Jerusalem und zeigten den Moslems, wo der Bartel den Moscht holt.

Es waren gewinnbringende Kreuzzüge, in jeder Hinsicht, mit viel Mord und Totschlag und Brandschatzen, aber welcher Kreuzzug von heute verläuft denn glimpflich? Nur die, die keinen Gewinn bringen. Die Ecke nördlich von Jerusalem, heute Libanon und Syrien, wurde seinerzeit gleich noch mit erobert – und man hat das Gefühl: Seitdem kracht es dort unten immer wieder. Deshalb ist ja auch der Walter Steinmeier dieser Tage extra dorthin geflogen, wegen Palästina / Israel, und hat ihnen gesagt, dass es so nicht geht. Die sollen sich endlich vertragen.

Von den Kreuzzügen zum Völkermord, bis der Ausrottung der roten Stämme Nordamerika, war es nur ein kleiner Schritt für die Kirchen, aber ein großer Schritt für Menschheit, auch wenn die damals nicht so evangelisch war wie heute. Das langsame Sterben des roten Mannes beginnt mit der Ankunft des ersten weißen Mannes. Doch es wurde postwendend für Ersatz gesorgt mit dem Import von etwa 25-50 Millionen Schwarzen. Und alle getauft!

Alte Hüte, aber jetzt, heute, ab 3. Juni 2015, treffen sie wieder aufeinander, nach 920 Jahren! Die alten Themen, die jungen Leute, die neuen Fragen, die Roten, die Schwarzen, Muslime, Juden, Katholische, Fromme, Atheisten – und die eigene evangelische Familie. Wir sitzen alle in einem Boot, sagen sie. Aber dass die einen rudern und die anderen angeln, das sagen sie nicht. Aber Gott sieht alles, er sieht den Militärgottesdienst mit dem Militärbischof Sigurd Rind und dem Heeresmusikkorps vor Sankt Eberhard, er sieht die Pauken und Trompeten, er hört die Protestanten und die Protestierer, er hört das große Halleluja von Händel und die Fanfaren der Sponsoren, denen allzu unbequeme Themen nicht zuzumuten sind. Und vielleicht freut er sich mit uns über Franziskus, der den Kapitalismus als unerträglich bezeichnet. Keiner von uns ist vollkommen, und jeder von uns macht Fehler, auch schwere, würd‘ meine Omi Glimbzsch in Zittau da seufzend hinzufügen. Aber die hat da was falsch verstanden.

Peter Grohmann schreibt sein Wettern der Woche für die Wochenzeitung Kontext – für lau.

Über Peter Grohmann

Peter Grohmann, Jahrgang 1937, Breslauer Lerge, über Dresden auf d' Alb, dann runter nach Stuttgart: Schriftsetzer und Kabarettist, Autor und AnStifter gegen Obrigkeitsstaat und Dummdünkel. Mitgründer: Vom Club Voltaire übers undogmatische Sozialistische Zentrum, vom Theaterhaus zu den AnStiftern. Motto: Unruhe ist die erste Bürgerinnenpflicht. Was ärgert Grohmann? Alle, die den Arsch nicht hochkriegen, aber dauernd meckern. Und an was erfreut er sich? An Lebensfreude und Toleranz