Wettern
Den 8. Mai feiern!

Nicht Achsen und Allianzen schmieden, sondern raus auf die Straßen und tanzen: Frieden lernen, dass die Fetzen fliegen! Den Tag des Sieges der anderen haben viele im Land so wenig verdaut wie die

Niederlage, die bedingungslose Kapitulation – nein, eben nicht die der Nazis, nicht der Hitlers, nicht der Wehrmacht, sondern der Deutschen.

Viele hätten lebend gern weitergekämpft, eben bis zum Endsieg, wenn er unseren Vätern und Großvätern (und den dazugehörigen Frauen) denn vergönnt gewesen wäre. Disziplin und Gehorsam, Sittenstrenge, Arroganz: Sie sind den Nazis nicht auf den Leim gegangen, sie waren Nazis, unsere Altvorderen. Nun regen Sie sich mal wieder ab – natürlich noch alle. Viele schauten nur zu, und alle schützten sich später mit der Notlüge, die die Machtübergabe 1933 zur Machtübernahme machte. Das funktioniert bis heute, so tief sitzt es. Unsere Verwandtschaft war es, die ihre jüdischen Nachbarn ausplünderte: Meißner Porzellan zum Ersten, zum Zweiten … und zum 8. Mai, und sie dann ins Gas schickte.

Der industrielle Massenmord war klug geplant und Teil des Krieges.

Man mag ihn nicht als Teil der Geschichte, Auschwitz bleibt ein Unwort, man redet bis heute viel lieber vom Wüstenfuchs Rommel und General Paulus und den Heldentaten bei der Schlacht um Stalingrad. Es stößt unangenehm auf, dass uns die Griechen („Schulden zahlen!“) ausgerechnet jetzt an die deutsche Besatzung ihres Landes erinnern. Es berührt uns so peinlich, dass wir’s verschweigen. Die jüdische Gemeinde von Thessaloniki verlangt rechtzeitig zu den Feierlichkeiten des 8. Mai von der Deutschen Bahn bzw. ihrer Eigentümerin die Erstattung der Fahrtkosten für jene 58000 Juden, die mit der Bahn zur Vernichtung nach Auschwitz und Treblinka transportiert wurden. Die mussten ihre Zugfahrkarte selbst bezahlen. „Ohne Fahrkarte geht ebente bei den Deutschen goarnischte“, tät meine Omi Glimbzsch in Zittau jetzt resigniert sagen.

In diesen Tagen könnten wir nach München fahren, in die alte Hauptstadt der Bewegung. Dort hat eben im früheren „Braunen Haus“ das NS-Dokumentationszentrum eröffnet – Dienstag bis Sonntag von 10-19 Uhr. Das hat ein Schweinegeld gekostet, sagen die Leute. 28 Millionen. Da tut sich die Stuttgart, die Stadt der Auslandsdeutschen, schon schwerer. Im Folterkeller der alten Gestapozentrale „Hotel Silber“ musste die Heizung fürs Haus untergebracht werden. Platzmangel.

Peter Grohmann schreibt sein Wettern der Woche für die Wochenzeitung Kontext – für lau.

Über Peter Grohmann

Peter Grohmann, Jahrgang 1937, Breslauer Lerge, über Dresden auf d' Alb, dann runter nach Stuttgart: Schriftsetzer und Kabarettist, Autor und AnStifter gegen Obrigkeitsstaat und Dummdünkel. Mitgründer: Vom Club Voltaire übers undogmatische Sozialistische Zentrum, vom Theaterhaus zu den AnStiftern. Motto: Unruhe ist die erste Bürgerinnenpflicht. Was ärgert Grohmann? Alle, die den Arsch nicht hochkriegen, aber dauernd meckern. Und an was erfreut er sich? An Lebensfreude und Toleranz

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