Wettern der Woche
Strajk-Aufruf!

Strajks sind etwas Wunderbares – je weiter weg, umso wunderbarer. Hongkong, Bangladesh, Soma oder China: Spitzenmäßig! Bloss nicht bei uns! Ein Streik ist schlimmer als ein Abendessen beim Griechen in diesen Tagen oder der erfundene Stinkefinger von Tsipras.

Die großen Sklavenmärkte unserer Tage finden in Kambodscha, Thailand und auf den Philippinen statt. Wenn die weißen Leute mit dem großen Flieger landen, ist high live bei den Mädels dort. Diesmal werden 200 gekauft. Mit von der Partie bei den neuen Einkaufstouren in Fernost sind Stadtverwaltungen und Sozialverbände – Diakonie, Caritas, Arbeiterwohlfahrt. Die haben in jahrelangen Mühen dafür gesorgt, dass die jungen Menschen wieder eine Zukunft haben – natürlich bei uns. Das Wort Zukunft kennen die dort ja nicht einmal. Der Paritätische nimmt dises Jahr vielleicht 15 von der ersten Wahl, AwO, Diakonie und Caritas jeweils 50, den Rest kriegt die Kommune. Wenn der Altenpfleger-Flieger später in Echterdingen landet, ist für alles gesorgt: Arbeitsklamotten, eine 500-seitige Dienst-Ordnung, ein Zimmer oder gar eine kleine Wohnung – und die Alten in den Altenpflegeeinrichtungen reiben sich vergnügt die knorrigen Hände – high life auch im Altenpflegeheim! Natürlich müssen die neuen Dienerinnen lesen und schreiben können, Medikamente kennen, Erste Hilfe ist da zu wenig, da steht fast eine richtige Ausbildung dahinter. Welches Handtuch fürs Gesicht und welches für untenrum reicht da nicht.

In den Schulen sieht’s nicht besser aus. Dass angestellte Lehrerinnen bis zu 500 Euro monatlich weniger verdienen als beamtete, hätten sie sich ausrechnen können. Wer wird denn da noch Lehrer, wer Altenhelfer, Kindergärtnerin, Krankentussy? Ich bin doch nicht blöd.

Eine Pflegekraft (ambulant) verdient in Deutschland durchschnittlich 1.721 € brutto. Viel Kohle, klar! Und woher kommt die? Von Ihnen und von mir und von Omi Glimbzsch aus Zittau! Denn nach Abzug der Abzüge bleiben den Pflegern noch gut und gerne 1200 Euro, mehr als in der Danziger Lenin-Werft. Dort schlug die Staatsmacht vor 40 Jahren, 1985, einen Strajk zusammen – 85 Tote. Vergessen wir’s.

Das soll keine Warnung sein. Denn unserer „Staatsmacht“ ist mit demokratischen Mitteln beizukommen: Mit Streik. Und der Erkenntnis der Wohlstandsgesellschaft, dass Leben etwas kostet. Angeblich regeln nach dem Gesetz der Marktwirtschaft Angebot und Nachfrage die Kosten – daraus ergibt sich der Preis eines Menschen, der für unsere Kinder da ist, für Dich und für mich, wenn wir je krank werden oder altern sollten. Das möge der liebe Gott verhindern, wegen der Marktwirtschaft.

Peter Grohmann schreibt sein Wettern der Woche für die Wochenzeitung Kontext – für lau.

Über Peter Grohmann

Peter Grohmann, Jahrgang 1937, Breslauer Lerge, über Dresden auf d' Alb, dann runter nach Stuttgart: Schriftsetzer und Kabarettist, Autor und AnStifter gegen Obrigkeitsstaat und Dummdünkel. Mitgründer: Vom Club Voltaire übers undogmatische Sozialistische Zentrum, vom Theaterhaus zu den AnStiftern. Motto: Unruhe ist die erste Bürgerinnenpflicht. Was ärgert Grohmann? Alle, die den Arsch nicht hochkriegen, aber dauernd meckern. Und an was erfreut er sich? An Lebensfreude und Toleranz