Wettern der Woche
Outen beim Mauten

Manchmal fällt das Mauerbrechen mit dem Fastenbrechen zusammen – es ist der rasche Abschied der politischen und religiösen Eiferer aus der Realität. Was nun den Mauerbruch angeht: Die meisten im Lande der Rothäute hatten weder mit Gauck noch mit der Stasi persönlich Bekanntschaft geschlossen: Gauck hat sich so gut wie nie aus dem Fenster gelehnt, im Gegensatz etwa zehntausend Regimegegnern. Und die Stasi konnte neben einem im Bette liegen, ohne dass man’s merkte. Heut ist alles besser: Nicht nur die Regimegegner von gestern und heute werden abgehört und drangsaliert, sondern getreu der Forderung aus dem Herbst 89 alle: Wir sind ein Volk. Der Verfassungsschutz ist so betrachtet vielleicht doch keine Stasi: Er arbeitet effizienter, weil jenseits parlamentarischer und demokratischer Kontrolle. Meiner Omi Glimbzsch in Zittau ihr Enkel sein Nachbar war früher bei der Rasterfahndung tätig, heute entwickelt er Computerprogramme zur lückenlosen Erfassung aller menschlichen Denk- und Handelsweisen. Outen beim Mauten – das war sein Einfall! Da das Netz nie was vergisst (außer die Opfer des Terrors und die nicht Ankommenden aus dem Toten Meer), ist auch das regierungsamtlich versprochene Löschen der Daten kein‘ Pfifferling wert.

In Zittaus besten Zeiten hat sich der Zonenmensch seinen Freiraum nur schaffen können, wenn er sich absolut unauffällig verhalten hat. Heute können wir den Sicherheitsdiensten als Proletarier aller Ländern nur dann ein Schnippchen schlagen, wenn wir ab sofort gegen unser eigenes Profil arbeiten: Hin und wieder Kopftuch tragen, Schweinebraten essen, Frau im Bild abonnieren, Urlaub auf Mallorca statt auf den Biobauernhof, Mappus verstehen statt Putin, Krankenkasse, Auto, Stromanbieter und sexuelle Gewohnheiten wechseln, Cola trinken, richtig shoppen. Die Identität geht flöten – und das haut den stärksten Geheimdienst um.

Natürlich kann man das alles auch Ernst nehmen und sich krumm ärgern: Über den Besserwessi Gauck und seine neue Unrechts-Stasi, über übergewichtige, weil falsch ernährte Kinder, deren Eltern von der Lebensmittelindustrie für dumm verkauft werden, über … ach, Sie wissen es ja eh alles schon! Also – vielleicht sieht man sich auf der Straße oder beim Kongress NSU im Staat. Der Verfassungsschutz ist auch da, obwohl Nazis keinen Zutritt haben. Es gibt viele gute Gelegenheiten, und meine Omi Glimbzsch in Zittau freut sich weiter auf die Wende: Seid realistisch – verlangt das Unmögliche, ruft uns die Alte zu.

Peter Grohmann schreibt und spricht das Wettern der Woche für die Wochenzeitung Kontext – für lau.

Über Peter Grohmann

Peter Grohmann, Jahrgang 1937, Breslauer Lerge, über Dresden auf d' Alb, dann runter nach Stuttgart: Schriftsetzer und Kabarettist, Autor und AnStifter gegen Obrigkeitsstaat und Dummdünkel. Mitgründer: Vom Club Voltaire übers undogmatische Sozialistische Zentrum, vom Theaterhaus zu den AnStiftern. Motto: Unruhe ist die erste Bürgerinnenpflicht. Was ärgert Grohmann? Alle, die den Arsch nicht hochkriegen, aber dauernd meckern. Und an was erfreut er sich? An Lebensfreude und Toleranz