Das beste Leben der Welt

Um 1950 in Westdeutschland geboren, das bedeutete für eine ganze Generation: nie Krieg, nie Armut, nie Sorgen. Aber was macht sie daraus?

via Süddeutsche Zeitung Magazin.

Über Peter Grohmann

Peter Grohmann, Jahrgang 1937, Breslauer Lerge, über Dresden auf d' Alb, dann runter nach Stuttgart: Schriftsetzer und Kabarettist, Autor und AnStifter gegen Obrigkeitsstaat und Dummdünkel. Mitgründer: Vom Club Voltaire übers undogmatische Sozialistische Zentrum, vom Theaterhaus zu den AnStiftern. Motto: Unruhe ist die erste Bürgerinnenpflicht. Was ärgert Grohmann? Alle, die den Arsch nicht hochkriegen, aber dauernd meckern. Und an was erfreut er sich? An Lebensfreude und Toleranz

1 thought on “Das beste Leben der Welt

  1. Antwort eines Mittvierzigers

    Und ich rufe Euch zu: bleibt auf Mallorca, spielt weiter Golf und führt weiter Eure senilen Rotweinabende mit Olivenölgeschwätz. Eure Generation, die 68iger, hat genug angerich-tet.

    Als Ihr mit Brandt und Schmidt die Macht erobert hattet und Deutschland nach Eurem Wunsche formtet, wurden die Wurzeln für unsere heutigen Probleme gelegt. Daran ist nicht die Globalisierung schuld, irgendwelche bösen Konzerne oder sonstige dunklen Mächte.

    Wir waren auf einem guten Weg. Unsere Bildung hatte 1970 Weltruf, das dreigliedrige Schulsystem war weltweit anerkannt, die duale Ausbildung Vorbild für viele Länder und der Durchschnittsdeutsche gebildeter als die meisten anderen Durchschnittsmenschen.

    Unsere Wirtschaft brummte, die Löhne und der Lebensstandard stiegen allmählich, zwar ohne große Sprünge, aber kontinuierlich.

    Die politischen Verhältnisse waren stabil, die Moralvorstellungen und Werte der meisten Leute intakt, Kindererziehung war noch unproblematisch und die Menschen waren nicht ängstlich.

    Als Ihr an die Macht kamt, wurde alles verändert. Der (angebliche) Mief von Jahrhunder-ten wurde abgeschüttelt, eine erneute Auseinandersetzung mit der NS-Zeit führte zu ro-tem RAF-Terror und einer Aufspaltung der Gesellschaft und der Generationen. Jeder über Dreißig wurde unter Generalverdacht gestellt und war für Euch ein potentieller Verbre-cher.

    In der Bildung und Kindererziehung wurde die antiautoritäre Erziehung propagiert. Das Fehlen jeglicher Regeln war die neue Regel. Den Kindern wurden keine Grenzen mehr gesetzt. Kindererziehung wurde zu einem großen Experimentierfeld, welches bis heute anhält. Kein Mensch wusste mehr, wie man Kinder erzieht. Die alten Regeln, wie die Er-ziehung zu Ordnung, Sauberkeit, Höflichkeit und Disziplin waren bei Euch faschistische Sekundärtugenden, „mit denen man ein KZ betrieb“. Die neuen Regeln, also die Regello-sigkeit, führten zu überspannten und überforderten Kindern, die nicht mehr bei sich wa-ren und nicht in sich ruhten. Aber die überall erkennbaren Symptome wolltet Ihr ja nicht sehen, denn Ideologie schlägt Realität. Aber immerhin habt ihr dafür gesorgt, daß heute viele Kinderpsychologen in Lohn und Brot stehen. Manch ein 68iger hat dieses Fach vor-ausschauend studiert. Wie hoch war die Jugendkriminalität 1970 und wie hoch ist sie jetzt ? Woher kommt die Gewaltbereitschaft vieler Jugendlicher ?

    Natürlich sollte auch der Arbeiter studieren. Dagegen habe ich nichts, komme selbst aus einem Arbeiterhaushalt. Aber muß man deswegen die Anforderungen herunter setzen ? Ist es wirklich nötig, daß heute über die Hälfte der Schüler das Gymnasium besucht ? Was ist der Vorteil, daß die Bäckereifachverkäuferin, die mir meine Schrippen verkauft, jetzt Abitur hat ? Das sie die Schule 13 Jahre besucht, statt wie früher neun oder zehn Jahre. Und heute auch nicht mehr weiß und kann. Auf dem Papier sind die Deutschen heute gebildeter als je zuvor, nur das deutsche Bildungswesen hat keinen Weltruf mehr !

    Ich bin ’69 in Berlin (West) zur Schule gekommen. Da hatten wir noch die Lehrer alter Prägung. Wir hatten Respekt, der Unterricht flutschte, auch die alten Lehrer waren nicht ausgebrannt (das Wort „ausgebrannt“ war nur ein Synonym für „ausgebombt“) und noch dynamisch. Der Ausländeranteil betrug bereits über 30%. Alle konnten aber deutsch. Dann kamen im Laufe der 70iger immer mehr 68iger Lehrer. Da gab es keine Regeln, wir konnten aufstehen, hinten sitzen und Skat spielen oder den Klassenraum verlassen. Wundert es jemanden, daß wir bei denen weniger lernten ? Heute, nach fast 40 Jahren Bildungsreform sind alle unzufrieden, Kinder, Eltern und Lehrer. Und viele Lehrer sind ausgebrannt. Sie haben geerntet, was sie gesät haben. Aber unsere Kinder sind doch unschuldig !

    Meine Tochter ging auf eine private katholische Grundschule. Als sie in der dritten Klasse war, staunte ich, wie kurz und leicht die Diktate waren. Dazu wurden die Wörter vorher geübt und ein „Jokerwort“ gab es auch. Ich ging mit meinem Diktatheft aus der dritten Klasse zur Lehrerin und zeigte es ihr. 1972 hatten wir die Wörter nicht vorher geübt und auch kein Jokerwort und ein Drittel in unserer Klasse waren Ausländer, überwiegend Tür-ken. Die Lehrerin sagte, solche langen und schweren Diktate kann sie mit den heutigen Kindern nicht mehr schreiben, dazu langt bspw. die Konzentration nicht mehr. Man möchte das wohl auch nicht, damit die Zensuren besser ausfallen. Bei uns gab es noch Sechsen und Fünfen. Heute haben viele eine Eins. Sie sollen ja auch alle aufs Gymnasi-um.

    Ich bin ein Bankster, mit Realschule, seit 1979. Damals war rd. die Hälfte Realschüler und auch einige Hauptschüler. Die Einstellungstests und –anforderungen bei meiner Bank sind seit den Siebzigern gleich. Bis vor kurzem haben nur noch Gymnasiasten diese er-füllt. Neuerdings müssen erstmals die Anforderungen gesenkt werden, weil man nicht mal mehr genügend Gymnasiasten findet, die diese Anforderungen erfüllen. Und wie ge-sagt, die Anforderungen sind unverändert seit den 70igern, mit haargenau den gleichen Tests. Euer ideologisches Ziel ist erfüllt, immer mehr Arbeiterkinder haben Abitur, aber zu welchem Preis ? Ich habe als Arbeiterkind auch mit Realschule meinen Weg gemacht. Den wird heute nicht mehr jeder Abiturient machen. Aber dafür studieren dieses Jahr 55% der Schulabgänger. Bald haben wir Euer Ziel erreicht und 100% studieren, dann hat jedes Arbeiterkind studiert, nur das das Studium dann nichts mehr wert sein wird. Und auch meine Bäckereifachverkäuferin hat dann studiert, vielleicht Mehlverarbeitungswis-senschaft oder Schrippologie. Mensch, werden wir gebildet sein !

    Die Wirtschaft lief gut. Wie war Euer Wahlspruch: „Wir werden die Wirtschaft auf ihre Leistungsfähigkeit überprüfen !“ Das habt Ihr getan und die Grenze schnell gefunden. Nur gab es dann keinen Weg zurück. Lohnsteigerungen von jährlich 8% – 12% machen jede Wirtschaft kaputt. Heute wisst Ihr das auch. Die riesige Aufblähung des Sozialsys-tems, große Rentensteigerungen und sonstige, teilweise neue, Sozialleistungen, die alle dramatisch stiegen. Das Einkommen der Menschen stieg also explosionsartig und alle konnten viel mehr konsumieren. Unter diesen Umständen wurde die sozialliberale Koaliti-on natürlich wiedergewählt. Aber diese Wohltaten hatten ihren Preis, den sehen die meis-ten Menschen erst seit den Neunzigern. Der Staat hatte nicht genügend Geld für diese Wohltaten, also finanzierte er sie über Kredit. Nun wird man hellhörig, haben wir heute nicht eine staatliche Schuldenkrise, die kaum noch zu beherrschen ist ? Ja, und die Ursa-che liegt in den 70igern Jahren. Dort begann der Tabubruch. Der Staat nahm Kredit nicht mehr nur für Investitionen auf, sondern für Konsum. Und Kredit hat die Eigenschaft, im-mer mehr zu werden. Der Wähler verlangte natürlich weitere Wohltaten, auch die späte-ren Regierungen konnten sich dem nicht entziehen. Wer nicht mitmachte bei dieser Spi-rale, hatte keine Chancen, gewählt zu werden. Heute sind die Zinsen der zweitgrößte Posten im deutschen Haushalt, nach dem Sozialetat. Und auch in Jahren, wo die Wirt-schaft brummt, nehmen wir immer weitere Kredite auf. Wir sind schon ganz stolz, wenn es mal weniger sind als im Vorjahr.

    Die deutschen Produkte wurden durch die wahnsinnigen Gehaltserhöhungen innerhalb kurzer Zeit deutlich teurer. Aber das reichte Euch noch nicht, die Arbeitszeit sollte auch noch auf 35 Stunden reduziert werden. Unsere Produkte wurden auf dem Weltmarkt also weniger konkurrenzfähig. Die Firmen reagierten, indem sie möglichst viel Personal ab-bauten, um die Personalkosten zu reduzieren. Damals begann der Einstieg in die struktu-relle Arbeitslosigkeit (die den Sozialetat weiter aufblähte) und die wir vielleicht jetzt auf-grund der demographischen Entwicklung überwinden. Die Gehaltserhöhungen der einen wurden mit der Arbeitslosigkeit anderer bezahlt, eigentlich ziemlich unsozial, wenn man drüber nachdenkt. Aber das hat Euch nicht angefochten, Ihr wart von Eurem Weg über-zeugt und habt ihn bis vor zehn Jahren weiterverfolgt.

    Eure Lösung war es lange, die vorhandene Arbeit immer weiter auf die Menschen zu ver-teilen mittelst Arbeitszeitverkürzung, Vorruhestand usw. Nur auf die Idee, uns konkur-renzfähiger zu machen und mehr Arbeit zu schaffen, kamt Ihr nicht. Und Rot/Grün mach-te dann als erste Amtshandlung die Kohlschen Reformen wieder rückgängig. Aber dann wurde die Not so groß, daß die Agenda 2010 eingeführt wurde. Und tatsächlich begann damit eine wirtschaftliche Erholung, deren Früchte wir heute ernten.

    Eure politische Bilanz sprengt diesen Rahmen. Deshalb nur ein paar Stichpunkte.

    Gestartet als Radikalpazifisten mit dem schlauen Motto „Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin“, die die Bundeswehr abschaffen wollten und überall den bösen Militaris-mus sahen, hat Rot/Grün den ersten deutschen völkerrechtswidrigen Krieg seit dem An-griff auf Polen 1939 geführt. Aber es folgten noch mehrere kriegerische Einsätze. Nur den Frieden mit der Bundeswehr habt ihr immer noch nicht gemacht, Ihr benutzt sie aber, wenn es Euch notwendig erscheint.

    Auch in der Familienpolitik habt Ihr Eure Spuren hinterlassen. Heute dominiert die Allein-erziehende bzw. die Patchworkfamilie. Das Leben ist kunterbunt und wunderschön. Nur das Leiden vieler Kinder an diesen Verhältnissen ignoriert ihr einfach. Ein kleines Beispiel dieser schönen neuen (Kinder)Welt ist der schwedische Attentäter Breivik (die familiären Verhältnisse sind sicher übertragbar, wenn auch so extreme Folgen sehr selten sind). Die Presse schrieb, er kommt aus einem vernünftigen und wohlhabenden Elternhaus, in wel-chem es ihm an nichts fehlte. Im Stern hieß es: „Die Eltern geschieden und wieder ver-heiratet: Anders Behring Breivik wuchs wie viele Kinder auf“. Seine Mutter hatte sich früh von dem leiblichen Vater getrennt. Erst gab es noch Kontakt zu seinem leiblichen Vater, der wurde aber abrupt getrennt, als der leibliche Vater sich erneut scheiden ließ. Zu dem neuen Vater hatte er ein gutes Verhältnis. Dieser Stiefvater war (wie viele männliche Vorbilder in seinem Umfeld) sexuell sehr promiskuitiv, hatte hunderte Sexualkontakte und steckte die Mutter und die Schwester mit einer Geschlechtskrankheit an (aber wohl kein Missbrauch). Die Mutter ist dadurch stark geistig behindert (Quelle: Tagesspiegel v. 25.7.11). So sieht die schöne neue Welt eben manchmal aus. Ist das die sexuelle Revolu-tion, die Ihr wolltet ? Was fehlte Breivik wohl ? Vielleicht die gute alte verstaubte spießige Familie ? Aber die habt ihr ja mit Erfolg abgeschafft, heute wachsen mehr Kinder in den neuen bunten und ach so schönen Verhältnissen auf, als in traditionellen Familien. Aber ganz sicher geht es dort nicht allen Kindern besser !

    Die Abtreibung habt Ihr auch legalisiert und gesellschaftsfähig gemacht. Heute werden rd. 15% aller gezeugten Kinder abgetrieben (2009 rd. 110.000 Abtreibungen), seit der Legalisierung gab es rd. 5.000.000 Abtreibungen. Und das in einem Land, wo es Verhü-tungsmittel gibt ! War es wirklich das, was Ihr wolltet ?

    Eure multikulturelle Idealwelt wolltet Ihr Euch ja auch lange nicht schlecht reden lassen. Nun hat Euch auch hier die Realität eingeholt. Multikulti habe ich seit einigen Jahren nicht mehr gehört. Ihr hattet ja den schlauen Gedanken, daß nicht der Ausländer sich anpas-sen soll, sondern lieber der Deutsche sich dem Ausländer und damit seinen immer noch tief verwurzelten faschistischen Ungeist überwinden sollte. Umso weniger Deutsches in uns steckt, umso besser ist das für alle. Deswegen habt Ihr das Hohelied auf Multikulti gesungen und auch hier alle Probleme verleugnet. Was ihr aber damit u.a. auch den vie-len Ausländern angetan habt, die ohne Deutschkenntnisse in die Schule kamen und damit immer hinterherhinkten und nie die Chance auf einen guten Abschluß und damit auch guten Beruf haben, seht Ihr wahrscheinlich immer noch nicht. Was ist nun Eure Lösung ? Es werden einfach wieder einmal die Anforderungen gesenkt. Jemand mit Migrationshin-tergrund muß nicht die gleichen Anforderungen erfüllen, wenn er bspw. in Berlin Polizist werden möchte, wie ein Deutscher. Ist das nicht Rassismus ?

    Ideologie schlägt Realität, aber nicht auf Dauer !

    Ihre Frage: „Haben wir versagt? Sind wir vom Wohlstand verwöhnte Egoisten, die nach dem Motto leben: Hauptsache, uns geht’s gut, und was nach uns kommt, kümmert uns nicht?“ muß man wohl mit Ja beantworten. Während Ihre Vorgeneration Deutschland aufgebaut hat und dabei bescheiden geblieben war, also nicht mehr verbrauchte als sie selbst erwirtschaftete, fing es mit Ihrer Generation an, auf Kosten der Kinder und Enkel zu leben. Das Ende dieses Zustandes wird wohl aktuell eingeläutet, indem uns die Staatsschuldenkrise nun einholt und wahrscheinlich wieder zu einem vernünftigeren Wirt-schaften zwingen wird. Aber erst einmal müssen die Schulden zurückgezahlt werden, die über 40 Jahre für hohen Konsum angehäuft wurden. Und dies wird wohl nicht einfach werden und an einigen Stellen Opfer kosten.

    Trinkt Euren Rotwein, fliegt in den Urlaub und genießt Eure hohen Renten, deren Erhö-hung ihr damals durchgesetzt habt. Eure Nachfolger kommen nicht mehr in diesen Ge-nuß. Spielt den Wutbürger, wenn ein Bahnhof abgerissen oder eine Stromtrasse an Eu-rem Grundstück vorbei geführt oder ein Flughafen in der Nähe Eures Hauses gebaut wer-den soll. Haltet Euch aber endlich aus der richtigen Politik raus und hört auf, den kom-munistischen Diktator Che Guevara zu zitieren. Er und seine kommunistische Partei waren und sind keine lieben Mitmenschen, fragt die Kubaner !

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