Der Blick nach rechts

von Michael Seehoff

In vielen europäischen Ländern gewinnen Rechtspopulisten, Fremdenfeinde und auch Rassisten an Boden: in Ungarn, Polen, Dänemark und Frankreich. In Deutschland erstarkt gerade die AfD, die sich der populistischen Propaganda gegen Flüchtlinge bedient, um Wähler zu gewinnen. Dies ist kein Phänomen der neuen Bundesländer, wie der Esslinger Sozialwissenschaftlers Kurt Möller in seinem Gutachten für den NSU-Untersuchungsausschuss geschrieben hat. Darin kommt er zu dem Schluss, dass im Südwesten die Bereitschaft, einer Rechtsaußen-Partei die Stimme zu geben, doppelt so hoch ist wie in den anderen Bundesländern (siehe Kontext Wochenzeitung: Rechts, rechter, Baden-Württemberg)
Es ist immer das Gleiche. Erst wird die Angst vor dem Fremden geschürt. Dann greifen Politiker diese Ängste auf, was wiederum die Rassisten ermutigt, offen gegen Fremde zu hetzen, bis irgendwo Asylunterkünfte brennen. Auf allen Ebenen gibt es für diejenigen Türöffner, die dazu beitragen, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus gesellschaftsfähig zu machen. Angefangen von Politikern bis hin zu Bloggern. Um diesen Kreislauf zu unterbrechen, haben wir exemplarisch die publizistischen Äußerungen eines Bloggers – des Biogroßhändlers Schrade von Ecofit – öffentlich gemacht. In Folge dessen hat er alle Inhalte seines Blogs gelöscht, nur einen Eintrag zur Meinungsfreiheit veröffentlichte er auf seinem Blog. Wir haben daraufhin ebenfalls unseren Blogbeitrag aus dem Netz genommen, der beschrieben hat, wie weit Herr Schrade ins rechte Milieu verlinkt und diesen Meinungen eine Plattform bietet. Die AnStifter haben zum Denken angeregt und die lebhafte Diskussion hat gezeigt, man kann etwas gegen rechtes Gedankengut machen.

„Das wird man doch wohl sagen dürfen“

Mit dem „Volksempfinden“ ist es so eine Sache, besonders, wenn es in den Farben SCHWARZ – ROT – GOLD daherkommt. Es ist nur ein kleiner Schritt von abfälligem Reden zur Hetze. Das erleben wir in diesen Tagen in verstärktem Maße, vor allem in den neuen Medien: auf Facebook, Twitter und in Blogs. Einer, der es zu weit getrieben hat, ist der Autor Akif Pirinçci. Nachdem er das Genre des Katzenkrimis verlassen hat, verlegte er sich auf das Schreiben von Schmähschriften. Seine Rede in Dresden war der Höhepunkt der Hasstiraden, die er seit Monaten im Internet verbreitet hatte und die er zwischen zwei Buchdeckel unter das Volk bringt wollte. Er ist von der Buchbranche ausgebremst worden.
Aber im Internet schreibt er weiter und es gibt viele, die seinen Hass auf Flüchtlinge, Asylsuchende und „Gutmenschen“ mit einem „Like“ veredeln. Man kann und soll gegen Metaphern anschreiben, die menschliches Leid mit Naturereignissen umschreiben, wie es gerade wieder Finanzminister Schäuble getan hat, der das Bild einer Lawine in die Flüchtlingsdebatte einführte. Schlimm? Das wird man doch wohl sagen dürfen!

An ihrer Sprache sollt ihr sie erkennen

Mittlerweile werden Begriffe wie Welle, Zustrom, Krise in den Diskussionen wie selbstverständlich verwendet. Naturmetaphern haben Begriffe wie Scheinasylanten, Asyl- und Sozialmissbrauch verdrängt. Die sprachliche Bandbreite ist groß. Sie reicht von der Fäkalsprache eines Akif Pirinçci über Hasskommentare bis hin zu verschwurbelten Zahlenspielereien von Sozialwissenschaftlern und besorgten Lokalpolitikern. Was sie eint? Die gesellschaftliche Mitte wird nach rechts verschoben. Unterstützt werden sie von einer Vielzahl rechter Publikationen. Ein Verlag, der rechtspopulistisches Gedankengut verbreitet, ist der in Rottenburg am Neckar angesiedelte Kopp-Verlag. Portofrei versendet er europaweit seine Bücher. Und er kann über die Stuttgarter Zeitung und die Stuttgarter Nachrichten sein Werbematerial verschicken. Die Stuttgarter Presse als Briefträger eines rechtsaußen angesiedelten Verlages? Was dagegen zu tun ist? Der Talmud kann bei der Beantwortung der Frage hilfreich sein:

Achte auf Deine Gedanken / Denn sie werden Worte.
Achte auf Deine Worte / Denn sie werden Taten.
Achte auf Deine Taten / Denn sie werden Gewohnheiten.
Achte auf Deine Gewohnheiten / Denn sie werden Dein Charakter.
Achte auf Deinen Charakter / Denn er wird Dein Schicksal.

Beginnen wir nachzudenken und wählen wir eine Sprache, die dem Hass keinen Raum lässt. Stehen wir hin, wenn das „gesunde Volksempfinden“ sich auf die Straße begibt und eine Weltreligion unter Generalverdacht stellt. Stiften wir an zur Mitmenschlichkeit.

1 thought on “Der Blick nach rechts

  1. Hallo Peter Grohmann,
    ich habe neulich Ihren Newsletter sowie den Flyer über das neue Hannah-Arendt-Institut erhalten.
    Vielen Dank an dieser Stelle für all Ihren vielfältigen Einsatz und Ihre zahlreichen Initiativen.
    Erlauben Sie mir bitte dennoch folgende Anmerkungen dazu: In bin besorgt und bestürzt, wie
    in unserem Land wieder rechte Umtriebe salonfähig werden! Ja, wie in unserem Land mehr und mehr wieder die fürchterliche „Fratze des Faschismus“ zum Vorschein kommt!
    Es ist schön zu beobachten, dass sich nicht die ganze 68-Generation in ihr „Bürgertum-Schneckenhaus“ verkrochen hat. Viele Leute unserer Generation engagieren sich in vielfältiger Weise in Politik, in Bürgerinitiativen, in Kulturangeboten usw. Was mir allerdings mehr und mehr Sorgen bereitet, ja mich wütend macht ist, dass viele von uns untätig und scheinbar fast schon gleichgültig diesen aufkommenden „rechten Umtrieben“ zuschauen.

    Ich wünsche mir, dass unsere Generation wieder aus ihren Schneckenhäusern kommt und diesen Umtrieben entgegentritt und deutlichen Widerstand entgegenbringt. Vielleicht müssen wir auch wieder auf die Straßen. Gelernt haben wir es doch!!nIch wollte mit meinen Gedanken nicht Ihr vielfältiges Engagement kritisieren, sondern nur meine Besorgnis über die derzeit stattfindenden gesellschaftliche Veränderungen und der großen Gleichgültigkeit zum Ausdruck bringen.

    HarSt (weitergeleitet von PG)

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