Lohengrin und Maueröffnung?

BERLIN. (hpd) Gottfried Wagner, Musikhistoriker und Wagner-Urenkel, protestiert dagegen, dass auf dem „Berliner Fest der Freiheit“ am 9. November unter Leitung von Daniel Barenboim neben Schönbergs „Ein Überlebender von Warschau“ auch das Vorspiel zum 3. Akt von Wagners „Lohengrin“ erklingen soll.

Mit der Entscheidung, diese chauvinistische Kriegsaufputschmusik des militanten Antisemiten Wagner ins Programm zu nehmen, werde die historische Bedeutung des Tages verkannt und verhöhnt.

9. November

Der 9. November ist nicht nur das Datum der Maueröffnung, sondern auch in anderer Hinsicht ein geschichtsträchtiger Tag. Am 9. November 1848 wird der Demokrat Robert Blum [2] in Wien hingerichtet, 1918 ist es der „Erste Tag der Republik [3]“, an dem sie gleich zweimal ausgerufen wurde, 1923 der Tag des Hitler/Ludendorff-Marsches [4] zur Feldherrenhalle in München, 1936 der Tag der Zerstörung des Mendelssohn-Denkmals [5] in Leipzig durch die Nazis und 1938 der Tag der Reichspogromnacht [6] und der Beginn der offenen Verfolgung der Juden in Deutschland.

In der Ankündigung zum „Fest der Freiheit“ [7] am 9. November 2009 am Brandenburger Tor heißt es: „Der Fall der Berliner Mauer vor zwei Jahrzehnten war ein Ereignis von welthistorischer Dimension. Viele Musiker der Staatskapelle Berlin und des Staatsopernchores haben diesen Augenblick unmittelbar miterlebt. (…) Zwanzig Jahre danach widmen sich Dirigent, Staatskapelle und Staatsopernchor musikalischen Werken, die exemplarisch entscheidende Zäsuren der deutschen Geschichte beleuchten.”

Erklärung von Gottfried Wagner

Dass in diesem Programm Richard Wagners „Lohengrin“-Vorspiel zum 3. Akt (1848) mit Arnold Schönbergs „A Survivor from Warsaw“ (Ein Überlebender aus Warschau) op. 46 (1947) kombiniert wird, erfüllt mich mit größtem Unbehagen. Bereits der Ankündigungstext unterschlägt die inhaltliche Problematik des Vorspiels zum 3. Akt des „Lohengrin“. Dieses Vorspiel ist ganz eindeutig die musikalische Einstimmung auf die höchst chauvinistische 3. Szene, in der es um die kriegerische Vision eines deutschen Nationalstaats geht: „Für deutsches Land das deutsche Schwert! So sei des Reiches Kraft bewährt!”

Das Wunder des 9. November 1989 besteht eben genau darin, dass dieser Tag friedlich, ohne das „deutsche Schwert“, über die Bühne gegangen ist! Aus diesem Grund ist die Lohengrin-Musik absolut unpassend. Auch das dortige „Grals-Gedusel“ ruft Blut- und Boden-Reminiszenzen hervor, an die man direkt vor der Aufführung von Schönbergs „Ein Überlebender aus Warschau“ lieber nicht rühren sollte.

Das Lohengrin-Vorspiel sollte ersetzt werden durch zwei Sätze aus Mendelssohns Symphonie-Kantate „Lobgesang“ op. 52. Dieses Jahr haben wir den 200. Geburtstag eines Komponisten gefeiert, den Wagner in seinem antisemitischen Pamphlet „Das Judentum in der Musik” auf die niederträchtigste Weise als Nicht-Deutschen und „Juden“ gebrandmarkt hatte, der zu wahrer schöpferischer Leistung unfähig sei. Doch was den 9. November 1989 angeht, so ist Mendelssohn vielleicht der bessere „Deutsche“ gewesen – dazu noch mit prophetischen Gaben: Denn Musik und Text der Nummer 9 aus dem „Lobgesang“ beschreiben viel genauer, was 1989 passiert ist: „Die Nacht ist vergangen.“

Gottfried Wagner
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Über Peter Grohmann

Peter Grohmann, Jahrgang 1937, Breslauer Lerge, über Dresden auf d' Alb, dann runter nach Stuttgart: Schriftsetzer und Kabarettist, Autor und AnStifter gegen Obrigkeitsstaat und Dummdünkel. Mitgründer: Vom Club Voltaire übers undogmatische Sozialistische Zentrum, vom Theaterhaus zu den AnStiftern. Motto: Unruhe ist die erste Bürgerinnenpflicht. Was ärgert Grohmann? Alle, die den Arsch nicht hochkriegen, aber dauernd meckern. Und an was erfreut er sich? An Lebensfreude und Toleranz