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In den Maschinenraum der Parteien geschaut
Es ist Zeit für mehr Gerechtigkeit

Den Stadtflaneur beschleicht ein gewisses Déjà-vu-Erlebnis, schaut er auf die Plakate der SPD. Er sieht eine junge Frau, die im Blaumann an einer Maschine lehnt, eine ältere Dame, Seite an Seite mit ihrer Tochter, dazu jede Menge Kinder und Slogans wie „Damit die Rente nicht klein ist, wenn die Kinder groß sind“. Warum, so fragt er sich, hat man nicht einfach die Kampagne von vor vier Jahren recycelt? Damals hieß es: „Für ein Alter ohne Armut“, „Für mehr Kitaplätze“

Seit Jahren ist die Rede davon, dass Parteien sich professioneller vermarkten müssten. Dass sie sich ein Beispiel an den Konsumgüterherstellern nehmen sollten, die akribisch ihre Markenkerne und Zielgruppen analysieren und daraufhin ihre Kampagnen abstellen. Doch der Politikbetrieb scheint davon wenig anzunehmen. Ob Flüchtlinge, innere Sicherheit oder die Zukunft des Diesels: Die Bedürfnisse und Sorgen der Wähler bleiben in der Kommunikation weitgehend außen vor.

Die SPD fordert auf ihrem Plakat mit dem Kanzlerkandidaten Martin Schulz: „Die Zukunft braucht neue Ideen und einer der sie durchsetzt“. Allerdings wagt sie in ihrer Kampagne selbst kein Risiko. Sie hat die Hamburger Werbeagentur KNSK beauftrag, ihre Werbekampagne zu gestalten. Einige Plakate scheinen auf einen anderen Auftraggeber hinzudeuten: Die Vereinigung der Zahnärzte.

SPD Wahlkampfplakat Familienpolitik

Wird fortgesetzt

Mach dir nur einen Plan …

Wer Martin Schulz am Sonntag im ZDF-Sommerinterview gesehen hat, bleibt angesichts dieses Wahlkämpfers ratlos zurück. Er versuchte zu erklären, warum die SPD nach der Wahl den Kanzler stellen sollte. Doch als Zuschauer hatte man den Eindruck, der Mann scheint es selbst nicht zu wissen.

Zunächst tat Schulz, was Kandidaten nun mal tun, wenn jüngste Wahlumfragen die eigene Partei bei nur bei 24 Prozent sehen, die Konkurrenz hingegen bei 38 Prozent. Erstens preist man das eigene Durchhaltevermögen („Ich bin ein erfahrener Wahlkämpfer“). Zweitens erklärt man, sechs Wochen vor der Wahl sei noch alles drin („In der Flüchtigkeit von Wählerbindungen ist alles möglich“). Drittens muss man sagen, was man selbst besser machen würde als die anderen. Und das ist Schulz‘ Problem.

Quelle: Die Zeit vom 14. Augst 2017

Kommentar zum Parteitag
Die alte Tante SPD

Anträge zum SPD-ParteitagHeute, in der Westfalenhalle, in meiner alten Heimat Dortmund: Stau vor der Halle, denn 6.000 Delegierte und Gäste wollen rein, dort rein, wo er schon ist: Martin Schulz.

Hier, in der Westfalenhalle, hatte die SPD schon das Programm des Urnengangs 1972 verabschiedet, jener „Willy-Wahl“, die heute noch bei älteren Genossen Tränen der Rührung hervorrufen und die Vorherrschaft der CDU beendete.

Drinnen sieht man, wie der Kanzlerkandidat Martin Schulz sich abrackert. Er beschwört die Einheit der Genossinnen und Genossen. Es redet sich in Wallung: „Mann, is‘ dat heiß hier“, spricht der Kandidat und zieht dabei sein Jackett aus. Martin Schulz spricht weiter von Gerechtigkeit und schwitzt und schwitzt und schwitzt. Bei der ältesten Partei Deutschlands herrscht eine Jetzt-erst-recht-Mentalität vor. Sie war schon oft am Boden und ist dann wieder aufgestanden, die „alte Tante SPD“, warum nicht auch diesmal.

Und dann springt ihm auch noch Altkanzler Schröder zur Seite. Ja, genau der. Der mit der Agenda 2010. Der unbedarfte Zuschauer fragt sich, ist das jetzt eine paradoxe Intervention? Unbeirrt geht die Wahlkampfshow weiter. Am Ende stehen wieder 100% für das Wahlprogramm, wie schon 100% für den Kandidaten gestimmt hatten. War da was? Wir erinnern uns: Die SED Spitze wurde manches Jahr mit 99,1% der Stimmen gewählt. Hat ihr aber letzten Endes nichts genutzt.

Schulz badet in 10 Minuten Applaus. Das genießt er aber Kühlung verschafft es ihm nicht. Es kommt einem so vor wie das Pfeifen im Walde…

Und der politische Gegner? Der, der pikanter Weise heute noch im gleichen Boot sitzt? Der wartet gaaanz ruhig ab. Wohl wissend, dass es im Wahlkampf nicht auf das Wahlprogramm ankommt. Sondern auf die Kampagne und wie sie gestrickt ist. Eindrücklich hat das der Spin-Doktor von Jörg Haider, Stefan Petzner, in der Sendung SWR2-Forum dargelegt (Nachhören kann manchmal nützlich sein).

Es werden wohl alle nach der Wahl auf Koalitionspartnersuche gehen müssen. Eine Veränderung der politischen Landschaft, wie wir sie beim französischen Nachbarn erlebt haben, ist in Old Germany undenkbar. Die Suche wird einfach, wenn alle sich zusammen finden, die die Ehe für alle für die Eintrittskarte in eine Koalition halten: SPD – FDP – Grüne. Die Linke hat das nicht als notwendige und hinreichende Bedingung für eine mögliche Koalition genannt und ist somit raus aus dem Kreis.

Das wäre der Hammer: alle finden sich mit einer Minimalforderung, die als Maximalforderung daherkommt im gleichen Boot. Na, dann rudert mal schön!