Alle Beiträge von Mich

Wir fordern das Wort »Apartheid« zurück!

Im August 2001 kam es im südafrikanischen Durban bei der UN-Weltkonferenz gegen Rassismus zu hässlichen Szenen: Israelische und jüdische Delegierte waren heftigen Beschimpfungen durch andere KonferenzteilnehmerInnen ausgesetzt.

Quelle: iz3w – Informationszentrum Dritte Welt

Assault Trombone

Gastbeitrag
Das Beste kommt noch

Derzeit  schielt man landauf, landab auf Trump, wie der Hase auf die Schlange. Protektionismus, also Bevorzugung der eigenen Nation statt Austausch und Vernetzung in einem globalisierten und ausgeglichenen Handel und Wandel, das ruft Entsetzen hervor. Wo soll das enden, fragt man sich. – Nur liegt das Problem nicht im Verhalten des Herrn Trump- und ist auch nicht neu. An seiner Umgebung wird nur deutlich, dass es da ein Problem gibt. Die nationalistische Drift in Europa hat ihre Gründe nicht bei Trump und es gibt doch Parallelen. Offenbar geht es verschiedenen Kräften um Erhalt oder Erlangung von Kontrolle oder Herstellung von verlorener Ordnung. Was liegt dieser Auffassung zugrunde? Und welcher Geist ist aus der Flasche – und offenbar schwer wieder einzufangen? mehr…

Kuntz
Objekt#3

Höckes Verständnis

Die Doppeldeutigkeit bei Höcke ist analog, jedenfalls solange man den Kontext außer Acht lässt. „Das Denkmal ist eine Schande für uns“ wäre die eine und „die Schande hat ein Denkmal bekommen“ die andere Lesart. Die Dudengrammatik kennt zwar noch einige weitere Deutungsvarianten für den Genitiv. 

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Freizeichen
Fast noch ein Kind

F. ist Schüler. Kaum 17 Jahre alt. Fast noch ein Kind. Er ist sozial engagiert. Ihn berührt das Leid anderer. Er macht ein Praktikum und arbeitet in der Großstadt mit obdachlosen Jugendlichen, verbringt mit ihnen die kalten Winternächte, trägt mehrere Pullover über einander und drei Paar Strümpfe. Er will ihnen zuhören und ihnen Aufmerksamkeit schenken. Einmal machen sie alle zusammen einen Ausflug zu einem Toten, der seit zwei Wochen unentdeckt in der Großstadt liegt, irgendwo. F. findet keine Worte, um auszudrücken, was in ihm vorgeht.
Als er irgendwann nachts alleine am Stadtpark vorbeiläuft, hört er Schreie. Eine Frau ruft um Hilfe. F. ist 17 Jahre, fast noch ein Kind. Er will helfen. Es gibt Menschen, denkt er, denen hilft niemand. Er will nicht so einer sein. Niemals. Er horcht in die Nacht, um herauszufinden woher die Hilferufe kommen. Er geht los. In den schlecht beleuchteten Stadtpark hinein. Die Schreie kommen näher. F. sieht drei Männer, die eine Frau umstehen, die wie um ihr Leben schreit. Er läuft noch einige Schritte auf die Gruppe zu. Niemand bemerkt ihn. Als er nahe genug ist, schreit er so laut er kann. Die drei Männer erschrecken sich. Sie lassen für einen Moment von der Frau ab und schauen zu F. herüber. Die Frau nutzt die Gelegenheit und rennt weg, so schnell sie kann.

Jetzt sieht F., dass die drei Männer Messer haben. F. hat ihnen den Spaß verdorben. Sie sind sauer. F. kann nicht wegrennen. Er hat etwas Erfahrung mit Selbstverteidigung. F. wirkt auf die drei unerschrocken. Sie sind etwas betrunken. Wohl auch deshalb hat F. Glück und kann sie in die Flucht schlagen.
Er ist stolz und empfindet Erleichterung für sich als die handgreifliche Auseinandersetzung mit den Dreien beendet ist. Die eine Schnittwunde ist nicht tief, die andere nur ein Kratzer. Die Wunde kann er mit einem Taschentuch verbinden. Er will keinen Arzt und keine Polizei. Das hätte Kevin, einer der obdachlosen Jugendlichen, auch so gemacht. Grade 17 Jahre, fast noch ein Kind. Und drei schwarze Männer mit Messern nachts um 3.00 Uhr in die Flucht geschlagen.
Am anderen Morgen ruft er seine Eltern nicht an und erzählt ihnen nicht die ganze Geschichte. Er will später anrufen, irgendwann, denkt wie stolz sie auf ihn sind, obwohl sie eigentlich immer nur wissen wollen, ob es ihm gut geht. Hast Du Dich verletzt, fragt der Vater besorgt? Warst Du beim Arzt? Hast Du gegessen, will die Mutter wissen. Was hat die Polizei gesagt? Brauchst Du etwas? Nein, danke, sagt F., ich brauche nichts. Ich muss jetzt Schluss machen. Er hört noch wie die Mutter sagt, dass er auf sich aufpassen soll. Dann legt er auf und lächelt etwas. Als das Freizeichen zu hören ist, fragt der Vater noch schnell, wann kommst Du? Er hält den Hörer in der Hand und zögert einen Moment. Er schaut nach seiner Frau. Eine Träne rollt ihm über die Wange. Sie sind nicht stolz auf ihren Sohn, sie haben Angst um ihn. Und wie lange hat er jetzt schon nicht mehr angerufen?

Weihnachten
Entschuldigung

Es ist noch Zeit. Ich suche einen freien Platz. Etwas weiter vorn warten die Leute nicht so gedrängt. Ich setze mich in die Nähe eines jungen Mannes. Er ist schlank, trägt einen gepflegten Vollbart, hat seinen Mantel auf den Sitz zwischen uns gelegt und liest.
Mein „Reisefieber“ legt sich, ich werde ruhiger, lege mein iPad auf meinen vor mir aufrecht stehenden, kabinengeeigneten Rollkoffer und nehme mir noch einmal den Text vor, den ich heute morgen aus der Zeitung kopiert habe.
In „Das Fest als Chance“ kommentiert eine Frau aus Anlass des bevorstehenden Weihnachtsfestes die geopolitische Lage des noch nicht ganz vergangenen Jahres mit folgenden Worten:
„Was für ein grauenvolles und furchterregendes Jahr 2016 liegt hinter uns. Beinah kein Tag ist vergangen, an dem wir uns nicht gefragt haben, ob es jetzt noch schlimmer kommen kann. Und es ist immer noch schlimmer gekommen. Die politischen Erschütterungen durch den Brexit, die Wahl Donald Trumps und das Erstarken populistischer Bewegungen in ganz Europa gehen einher mit Kriegen und dem Beiseiteräumen demokratischer Standards und Gewissheiten.“
Anschließend beschreibt sie die psychischen Auswirkungen, die diese ‚geopolitischen Tragodien‘ weniger bei den unmittelbar Betroffenen und mehr bei „uns“ – wer auch immer damit gemeint ist – haben.
“ Wir können uns die Welt ganz offensichtlich nicht mehr auf Distanz halten. Das Grauen ist ein globales. Und wir sind mittendrin.(…) Alle miteinander ahnen wir, dass wir mit unseren Kräften sorgfältig haushalten müssen, um über die Runden zu kommen.“
Die Autorin ist Journalistin der Stuttgarter Zeitung ohne syrische Wurzeln und ohne korresponsale Verpflichtungen im Nahen Osten. Sie schreibt ihre Kolumne zuhause auf ihrem Laptop, hat fast alle Weihnachtsgeschenke beisammen und wird, so nehme ich an, ein „normales“ Weihnachtsfest begehen. Ihre private und berufliche Situation ist mehr oder weniger gesichert, weshalb sie in der Welt das glückliche Los der Zuschauerin gezogen hat, aus dem sich ein wertvolles Privileg ableiten läßt: die besagte „geopolitische Lage“ KANN ihr egal sein; sie ist gut situiert genug, um das entscheiden zu können.
Was geht aber in der Dame vor, wenn sie sich ganz anders darstellt und schreibt, „dass wir mit unseren Kräften sorgfältig haushalten müssen, um über die Runden zu kommen“? 
Als bemühe sie sich, ihre eigene, gesicherte Existenz, in der sie zwischen verschiedenen Stufen der Betroffenheit WÄHLEN KANN, gleichzusetzen mit der Situation der Betroffenen. Sie schreibt deshalb:
„Es geht an die physische und psychische Substanz. Es zehrt die Kräfte (…) auf, wenn selbstverständlich geglaubte zivilisatorische Errungenschaften (…) plötzlich auf dem Prüfstand stehen. Wenn sich vor unseren Augen das syrische Aleppo in eine Ruinenstadt mit unzählbar vielen toten Zivilisten verwandelt.“
Nicht Opfer und Täter werden hier miteinander verwechselt, sondern kaum beschreibbares Leid mit weihnachtlicher Gefühls-Journalistik, subjektive, emotionale Betroffenheit mit objektivem Betroffensein. Aus den zu unterscheidenden Redewendungen ‚es macht mich betroffen‘ und ‚ich bin betroffen‘ macht die Autorin ein ‚ich mach mich betroffen‘ und verleiht dem Ganzen das gehörige Gewicht durch den majestätischen Plural des ‚wir machen uns betroffen‘ im Sinne von ‚wir sind betroffen‘. Wie anders sollten aus Krisenflüchtlingen Flüchtlingskrisen werden. Es ist die Krise, die „uns“ vereint und aus unserem „halben Leid“  doppeltes macht. 
Das ist populistisch und muss nicht postfaktisch sein, um wenig mit der Realität zu tun zu haben. In gelehriger Manier oder besser ‚manirierter Gelehrsamkeit‘ kritisiert die Autorin in ihrem Text das „Erstarken populistischer Bewegungen in ganz Europa“ bemerkt das populistische Moment in ihrer eigenen Argumentation aber nicht. Nur haarscharf kommt sie an einer Feststellung vorbei, die da lauten könnte
‚Ja, Sie haben bei dem Bombenangriff Haus und Eltern verloren? Nun, unser Weihnachtsbraten dieses Jahr war auch nicht wie sonst.‘
So wenig wie die Autorin in der Beschreibung ihres psychischen Leidens ihre Priviligiertheit berücksichtigt oder gar gegenüber Lebenssituation, die nur noch als barbarisch charakterisiert werden können, wertschätzt, so wenig bemüht sie sich in ihre Einschätzung der Weltlage das kolumbianische Friedensabkommen – der diesjährige Friedensnobelpreis -, die Wahl eines liberalen, europafreundlichen Präsidenten in Österreich oder den Umstand einzubeziehen, dass ihr Brexit äußerst knapp und ihr Trump von einem veralteten Wahlsystem und nicht von einer Mehrheit gewählt wurde. Und welche anderen Konfliktherde gibt es, in denen es hergeht wie in Aleppo? Nicht so viele. Ganz anders als, sagen wir, vor 100, vor 70, vor 50 und vor 30 Jahren. 
Die Kolumne mit dem Titel „Das Fest als Chance“ gefällt mir nicht. Auch deshalb weil die Autorin Hilke Lorenz das Leid als Leid nicht einfach Leid ist, sondern es als etwas heranzieht, das nicht nur für sich, sondern auch für etwas anderes steht. Das Leid wird erhöht. Es ist nicht mehr „nur“ Leid, es bekommt eine bemüht bereichernde Bedeutung, es hat einen Sinn, denn es macht uns sensibler. Wohl nur deshalb schließt Hilke Lorenz ihren Artikel – wieder mit dem majestätischen Plural – und der Behauptung, dass „wir (…) gerade in Krisenzeiten (…) empfänglich für noch so kleine Gesten der Stärkung und des Miteinanders“ werden.
Dann ist die Durchsage am Flughafen zu hören, dass alles bereit zum Einsteigen ist. Mein Nachbar, der gepflegte junge Vollbartträger, und ich stehen gleichzeitig auf und räumen unsere Sachen zusammen. Als er seinen Mantel mit einer weit ausholenden Bewegung anzieht, streift das leere Ärmelende leicht meinen Kopf. Er entschuldigt sich. Und ich auch.

(P.S. : Nicht die Krisengebiete auf der Erde sind heutzutage das Problem – so viele gibt es nicht – sondern der mediale Umgang mit ihnen, der Eindruck, den gelangweilte Verleger und verlegene Regierungen in der Bemühung um mehr Leser- und Wählerinnen meinen vermitteln zu müssen. Andererseits ist es unter solchen Umständen nicht einfach zuzugeben, dass „wir“ auch unterhalten werden wollen.)
 

Rio Reiser
Wann?

Off the record
Die Mauer des Schweigens


Heute konnte man im Deutschlandradio den beeindruckenden zweiten Teil einer Trilogie von Christiane Mudra zum Nationalsozialistischen Untergrund hören. In der Pressemitteilung zur Premiere dieses zweiten Teils heißt es unter anderem:

Die Regisseurin Christiane Mudra beschäftigt sich zum fünften Jahrestag des Auffliegens der Terrorzelle NSU (in ihrem Politthrille) mit dem Widerspruch zwischen dem Aufklärungsversprechen der Bundeskanzlerin und der Geheimhaltung von Verfassungsschutzakten zu mehreren Dutzend VPersonenim Umfeld des Trios.

In „Off the record“ stehen nicht mehr die Taten des NSU oder die Mordopfer im Blickpunkt. Der Abend will vielmehr an konkreten Beispielen den „kompletten Systemausfall“ der Sicherheitsbehörden analysieren und systemimmanente Sicherheitslücken herausarbeiten. Außerdem untersucht das Stück Medienstrategien und die öffentliche Darstellung von Skandalen.
„Off the record = die Mauer des Schweigens“ ist der zweite Teil einer Trilogie von Christiane Mudra über rechtsterroristische Kontinuitäten in der Bundesrepublik. Das Stück knüpft direkt an ihren Western „Wir waren nie weg = die Blaupause“ (2015) an und seziert Sprache und Bild in Form eines thrillerartigen Live-Hörspiels mit Stummfilmelementen.

Nachhören kann man dieses Sprachereignis, das ich für das Beste halte, was ich bisher über den Nationalsozialistischen Untergrund gelesen oder gehört habe unter breitband.deutschlandradiokultur .de. Christiane Mudra zeigt in überzeugender Weise wie die künstlerische Bearbeitung von Wirklichkeit die (plumpe) Dokumentation und ihren Anspruch auf Authentizität weit hinter sich läßt. Also: unbedingt anhören!

Fotoimpressionen
Stuttgarter FriedensGala 2016

Fotograf: Joachim E. Röttgers GRAFFITI