Peter Grohmann
Einer, der es wissen muss

Peter Grohmann Foto: © M. Seehoff
Foto: © M. Seehoff

Peter Grohmann, Gründungsvater der Anstifter, schickt uns folgenden Weckruf:

Liebe Bürgerinnen und Bürger,

warum ich immer wieder demonstriere? Vor 75 Jahren, am 21. September 1945, kamen wir aus dem zerstörten Dresden ins zerstörte Breslau zurück – meine Heimatstadt. Wir Kinder, Flüchtlinge und im Krieg groß geworden unter 1000 Toten, hatten das große Elend gesehen von allen Seiten, hatten gebettelt und geweint und gehungert. Das erste Brot nach den Bombennächten gaben uns die Soldaten der Roten Armee, die Russen, die, gegen die unsere Väter „bis zum letzten Atemzug“ gekämpft hatten – verbittert, verbiestert, verblendet.

Wir hatten wieder, was erkoren gegangen war zwischen 1933-1945: Freiheit und Brot, von beiden nicht zu viel. Ich war immer dabei, wenn’s möglich war, wenn Protest und Widerstand angesagt waren – im Gedenken ans Erlebte, an die Lebenden und die Toten, an Auschwitz, Hiroshima, an Breslau und Dresden, Guernica, Rotterdam, Coventry, an Sant Anna. In den vielen Jahren in Stuttgart habe ich tausend neue Freunde gefunden, Leute, die mit mir, mit uns unterwegs waren für die andere, bessere Welt, eine Welt ohne Gewalt, eine mit mehr Gerechtigkeit, eine, in der die Kinder nicht hungern müssen, in der sie ein Dach überm Kopf haben, wo immer sie leben…

Heute, 75 Jahre später, sind unsere Waffenhändler unterwegs, unsere Einkäufer,mit nutzlosen Perlen für die Eingeborenen.Wir mischen mit, wenn es um Ausbeutungsgrund Profite geht, wenn geknebelt und geknechtet wird – diesmal im Namen der Demokratie. Unser Wohlstand hier ist die Armut dort. Wir roden die Urwälder und fischen die Meere leer, wir bauen Kulturpaläste und Bahnhöfe und immer miesere Autos, mit Bürgerbeteiligung.

Wir wählen und lassen wählen – und es kommt fast immer aufs Gleiche heraus: Die Verlierer sind die anderen. Aber Wunder gibt es immer wieder: Das Wunder, sich nicht unterkriegen zu lassen. Das Wunder der Ausdauer, der Geduld. Natürlich auch das Hoffen auf ein Wunder, denn die Demokratie ist keine Schutthalde.

Noch hast Du, Zeitgenosse oder Bürgerin, die Chance,das Maul aufzumachen, dich mit anderen zusammenzutun für eine bessere Welt. Ja, das dauert, vor allem, wenn da von der anderen Welt nicht viel zu sehen ist. Die sterbenden Bäume im Schönbuch sind ein Nasenwasser gegen den brennenden Urwälder in Amazonien. So gesehen, sind wir gut dran im Vergleich zu Belarus oder den Städten in den USA, wo der Polizeiknüppel regiert.

Richtig, es gibt einen sehr großen Nachholbedarf bei uns an demokratischen Rechten, an Zivilcourage. Und es gibt 1000 Möglichkeiten, Widerstand zu leisten, für Demokratie und Bürgerrechte auf die Straße zu gehen, sich für eigene und andere Interessen stark zu machen,für Menschen, die nicht reden dürfen oder reden können. Wenn am 25. September für die Zukunft demonstriert wird, müssen wir dabei sein, denn wir wissen: Nicht nur das Klima, nein, die ganze Erde ist in Gefahr. Darum demonstriere ich, immer wieder.

Ihr Peter Grohmann

Über Seehoff Michael Maria

M. Seehoff schreibt über ungewöhnliche akustische Musik und zu bewegenden Ereignissen. Eventuell bringt die Musik auch die Seelen anderer AnStifter in Resonanz und lässt sie staunen (eine Hoffnung!). Auf dem Blog "Elsternest" erscheinen M's. Texte vor allem über kleine literarische Ereignisse in Stuttgart.