Debatte
Für eine offene Streitkultur

Schlechte Ideen

„Schlechte Ideen können durch Entlarvung, Debatte und Überzeugung besiegt werden, nicht indem man versucht, sie zum Schweigen zu bringen oder sie sich weg wünscht“.

Wird man bestraft, wenn man unbequeme Standpunkte verteidigt? In einer Petition warnen 153 Intellektuelle – darunter Daniel Kehlmann und J.K. Rowling – vor einer Verelendung der Debattenkultur.  Hier der offene Brief im Wortlaut:

„Unsere Kulturinstitutionen stehen vor einer Prüfung. Heftige Proteste gegen Rassismus und für soziale Gerechtigkeit haben zu Forderungen nach einer Polizeireform und nach mehr gesellschaftlicher Gleichberechtigung geführt – an Hochschulen, im Journalismus, in den Künsten. Diese notwendige und überfällige Abrechnung stärkt aber auch moralische Einstellungen und politische Bekenntnisse, die jede offene Debatte und das Aushalten von Differenzen zugunsten einer ideologischen Konformität schwächen. Sosehr wir die erste Entwicklung begrüßen, so entschieden erheben wir unsere Stimme gegen die zweite. Die Kräfte des Illiberalismus nehmen weltweit Fahrt auf und haben in Donald Trump einen mächtigen Verbündeten, der die Demokratie ernsthaft bedroht. Aber Widerstand darf nicht – wie unter rechten Demagogen – zum Dogma werden. Die demokratische Inklusion, die wir wollen, kann nur erreicht werden, wenn wir uns gegen das intolerante Klima wenden, das überall entstanden ist.

Der freie Austausch von Informationen und Ideen, der Lebensnerv einer liberalen Gesellschaft, wird von Tag zu Tag mehr eingeengt. Während wir dies von der radikalen Rechten nicht anders erwarten, breitet sich auch in unserer Kultur zunehmend eine Atmosphäre von Zensur aus: Intoleranz gegenüber Andersdenkenden, öffentliche Anprangerung und Ausgrenzung sowie die Tendenz, komplexe politische Fragen in moralische Gewissheiten zu überführen. Uns gilt eine kernige, mitunter bissige Gegenrede viel. Aber allzu oft werden heute als Reaktion auf vermeintliche sprachliche oder gedankliche Entgleisungen schwere Vergeltungsmaßnahmen gefordert. Noch beunruhigender ist, dass viele Institutionen im Geiste einer panischen Schadensbegrenzung übereilte und unverhältnismäßige Strafen verhängen, statt überlegte Reformen durchzuführen. Redakteur_innen werden entlassen, weil sie umstrittene Beiträge gebracht haben; Bücher werden wegen angeblicher mangelnder Authentizität zurückgezogen; Journalist_innen dürfen über bestimmte Themen nicht schreiben; gegen Professor_innen wird ermittelt, weil sie im Unterricht gewisse literarische Werke zitiert haben; einem Forscher wird gekündigt, weil er eine einschlägig begutachtete akademische Studie in Umlauf gebracht hat; und Vorstände von Organisationen werden ausgetauscht, weil sie ungeschickte Fehler gemacht haben. Unabhängig von den Details der einzelnen Fälle wurden die Grenzen dessen, was ohne Androhung von Repressalien gesagt werden darf, immer enger gezogen. Wir zahlen dafür einen hohen Preis, indem Schriftsteller_innen, Künstler_innen und Journalist_innen nichts mehr riskieren, weil sie um ihren Lebensunterhalt fürchten müssen, sobald sie vom Konsens abweichen und nicht mit den Wölfen heulen.

Diese stickige Atmosphäre wird den existenziellen Anliegen unserer Zeit schaden. Die Einschränkung der öffentlichen Debatte – ob durch eine repressive Regierung oder eine intolerante Gesellschaft – beeinträchtigt diejenigen am meisten, die am wenigsten Macht haben, und schwächt die Fähigkeit aller zur demokratischen Teilhabe. Schlechte Ideen besiegt man, indem man sie entlarvt, durch Argumente und Überzeugungsarbeit, nicht durch den Versuch, sie zu verschweigen oder von sich zu weisen. Wir lehnen jedes Ausspielen von Gerechtigkeit gegen Freiheit ab, das eine ist nicht ohne das andere zu haben. Als Autor_innen sind wir auf eine Kultur angewiesen, die uns Raum für Experimente, für Wagemut und auch für Fehler lässt. Wir müssen uns die Möglichkeit bewahren, Meinungsverschiedenheiten in gutem Glauben und ohne schlimme berufliche Konsequenzen auszutragen. Wenn wir nicht für das einstehen, wovon unsere Arbeit abhängt, dürfen wir nicht erwarten, dass die Öffentlichkeit oder der Staat diese Werte für uns verteidigt.“

Martin Amis, Anne Applebaum, Margaret Atwood, John Banville, Louis Begley, Paul Berman, David Brooks, Ian Buruma, Noam Chomsky, Nicholas A. Christakis, Roger Cohen, Kamel Daoud, Gerald Early, Jeffrey Eugenides, Caitlin Flanagan, David Frum, Francis Fukuyama, Malcolm Gladwell, Jonathan Haidt, Michael Ignatieff, Daniel Kehlmann, Mark Lilla, Greil Marcus, George Packer, Steven Pinker, J. K. Rowling, Salman Rushdie, Michael Walzer sowie 124 weitere Unterzeichner

PS:
Was Jens Berger von den Nachdenkseiten allerdings daraus schnitzt, ist ein eigenes Kapitel.

Über Seehoff Michael Maria

M. Seehoff schreibt über ungewöhnliche akustische Musik und zu bewegenden Ereignissen. Eventuell bringt die Musik auch die Seelen anderer AnStifter in Resonanz und lässt sie staunen (eine Hoffnung!). Auf dem Blog "Elsternest" erscheinen M's. Texte vor allem über kleine literarische Ereignisse in Stuttgart.