Jerusalem-Preis
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Zitat Haruki Murakami

Bei seiner Rede für den Jerusalem-Preis hat Haruki Murakami über das Ei und die Mauer geredet. Hintergrund:
Der Jerusalem-Preis für die Freiheit des Individuums in der Gesellschaft ist ein Literatur- und Menschenrechtspreis, der von der Stadt Jerusalem alle zwei Jahre während der internationalen israelischen Buchmesse in Jerusalem verliehen wird. Mit ihm werden im Sinne des Preisnamens engagierte Schriftsteller ausgezeichnet. Der Preis ist mit 10.000 US-Dollar dotiert. (Bisherige Preisträger hier)

In seiner Rede führte er aus:

„Egal, wie sehr die Mauer im Recht sein könnte und wie sehr das Ei im Unrecht, ich werde mit dem Ei stehen. Jemand anderes muss entscheiden, das richtig und falsch ist; vielleicht wird das die Zeit oder die Geschichte entscheiden. Gäbe es eine Schriftstellerin oder einen Schriftsteller, die Werke für die Seite der Mauer schreiben würden, welchen Wert hätten diese Werke?

Was bedeutet diese Metapher? Manchmal ist es fast zu einfach: Kampfflugzeuge und Panzer und Raketen und Phosphorbomben sind diese hohe, massive Mauer. Die Eier sind die unbewaffneten Zivilisten, die von ihnen zerschlagen, verbrannt und beschossen werden. Das ist die eine Bedeutung der Metapher.

Aber das ist noch nicht alles. Es gibt eine tiefere Bedeutung. Sieh‘ es mal so. Jede und jeder von ist ist, mehr oder weniger, ein Ei. Jede Person ist eine einzigartige, unersetzbare Seele in einer zerbrechlichen Hülle. Das gilt für mich und für jede und jeden von euch. Und wir alle stehen in verschiedenem Grade einer hohen, massiven Mauer gegenüber. Sie hat einen Namen: Sie ist Das System. Das System sollte uns beschützen, aber manchmal entwickelt es ein Eigenleben und dann beginnt es, uns zu töten und bringt und dazu, andere zu töten – kalt, effizient, systematisch.“

Die Übersetzung der Rede aus dem Englischen verfasste mein Schriftstellerkollege Fabian Neidhardt

Über Seehoff Michael Maria

M. Seehoff schreibt über ungewöhnliche akustische Musik und zu bewegenden Ereignissen. Eventuell bringt die Musik auch die Seelen anderer AnStifter in Resonanz und lässt sie staunen (eine Hoffnung!). Auf dem Blog "Elsternest" erscheinen M's. Texte vor allem über kleine literarische Ereignisse in Stuttgart.