8. Mai
Tag der Befreiung

Befreiung vom Faschismus

Der 8. Mai wird heute von vielen Deutschen „Tag der Befreiung“ genannt. Früher war es das Datum, das das Kriegsende markierte. Hat sich die Vorstellung der Befreiung von Faschismus und Diktatur wirklich in den Köpfen der Deutschen verankert, seit die Rote Fahne am 8. Mai 1945 in Berlin gehisst wurde? Heute wissen wir, das Bild wurde geschickt inszeniert. Es wurde nicht spontan aufgenommen. Ganz im Gegensatz zu dem Bild des Matrosen, der während der Siegesfeier zur Kapitulation Japans auf dem Times Square in New York eine Krankenschwester überschwänglich küsste. Dieser Kuss – drei Monate später – war Ausdruck der puren Lebensfreude.

Welche Form der Erinnerungskultur?

Wir von den AnStiftern betreiben Erinnerungskultur. Wir wollen, dass das Grauen des Nationalsozialismus nicht in Vergessenheit gerät. Viele Aktionen haben wir dazu gemacht. Die letzte ist die Unterschriftenaktion zum Erhalt der Gedenkstätte Auschwitz. Aber kommt bei diesen Aktivitäten auch ein Gefühl der Freude über die Überwindung der Diktatur zum Ausdruck? Sind wir emphatisch mit denen, denen wir von den Schrecken der Vergangenheit erzählen, so dass wir nicht nur ihren Intellekt sondern auch ihre Herzen erreichen? Was bedeutet Einsicht in historische Fakten ohne das Mitgefühl für das menschliche Leiden?

Und wie gehen wir mit der Tatsache um, dass die Befreiung war 1945 von außen gekommen ist? Eine Befreiung, die von außen kommen musste, weil das Land so tief in sein eigenes Unheil und in seine Schuld verstrickt war. Wo nur ganz wenige noch den Durchblick durch das Übel hatten, das ein verbrecherisches System tagtäglich praktizierte. Der wirtschaftlicher Wiederaufbau und der demokratische Neubeginn in Westdeutschland wurden auch möglich durch die Versöhnungsbereitschaft unserer ehemaligen Kriegsgegner. Empfinden wir Dankbarkeit angesichts dieser Versöhnung?

Wie auf aktuelle Herausforderungen reagieren?

Es ist es hilfreich, in einer Zeit, in der angesichts einer Pandemie Grenzen wieder hoch gezogen werden, Menschen ausgegrenzt werden, die Menschen der Exekutive an den Pranger gestellt werden, in den Blick zu nehmen, wie tatkräftige Solidarität nach dem 8. Mai 1945 die Menschen aus schwierigen Zeiten geführt hat.

Über Seehoff Michael Maria

M. Seehoff schreibt über ungewöhnliche akustische Musik und zu bewegenden Ereignissen. Eventuell bringt die Musik auch die Seelen anderer AnStifter in Resonanz und lässt sie staunen (eine Hoffnung!). Auf dem Blog "Elsternest" erscheinen M's. Texte vor allem über kleine literarische Ereignisse in Stuttgart.