Filmkritik
Sorry, we missed you

Sorry we missed you
Noch ist die Familie unbeschädigt …

Ein Film wie ein Faustschlag. Kaum auszuhalten und ich frage im Anschluss an der Kasse, welche Altersbegrenzung der Film hätte. Ab 12 Jahren. Ich hatte es befürchtet.
Ken Loach ist seit Jahren ein ausgewiesener Sozialdramenfilmer. Aber selten hat er die Ausweglosigkeit seiner Protagonisten mit derartiger Wucht auf die Leinwand gebracht. Dieser Film hat nichts mehr von der Leichtigkeit, die das Sozialdrama „Angles Share“ auszeichnete. Seine Hauptfigur in „Sorry, we missed you“, der Familienvater Ricky, trägt Züge von Hiob, dem ein Hindernis nach dem anderen in den Weg gelegt wird und der trotzdem nicht verzweifelt. Doch Ricky glaubt nicht wie Hiob an Gott sondern daran, dass er es schaffen kann in dieser brutalen Wirtschaft, wenn er nur hart genug arbeitet und sich selber ausbeutet. Das geht zu Lasten der Familie.

SORRY WE MISSED YOU | Offizieller Trailer | Deutsch HD German

Mit filmischem Aktivismus reagiert der mittlerweile 83jährige britische Regisseur Ken Loach auf soziale Ungerechtigkeiten und gesellschaftliche Missstände. An seiner Seite der Drehbuchautor Paul Laverty, mit dem er seit „Carla’s Song“ (1996) kontinuierlich zusammenarbeitet. In „Sorry, we missed you“ beschreibt er mit größter Genauigkeit die Strukturen der modernen Gig Economy, bei der Arbeitnehmern die Vorzüge der Selbstständigkeit vorgegaukelt werden, die jedoch in Wirklichkeit zu einer Reduzierung von Sozialstandards und Arbeiterrechten führt. Ricky muss einen Transporter ins Geschäft der Auslieferung von Paketen einbringen, den er nur kaufen kann, indem seine Frau, die als Altenpflegerin arbeitet, ihren Wagen verkaufen muss und fortan zu ihren „Kunden und Kundinnen“ mit dem Bus fahren muss.

Immer mehr bürdet Ken Loach dieser Arbeiterfamilie im Laufe des Films auf: Immer weiter lässt Ken Loach diese kleine Arbeiterfamilie in die Krise schlittern. Rickys Jähzorn wird stärker, die Arbeitszeiten der Eltern werden immer länger. Das führt mehr und mehr zur Vernachlässigung der beiden Kinder. Der pubertierende Sohn Seb opponiert zusehends gegen den Vater und die kluge, etwa 11jährige Tochter Liza Jane hält den Druck im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr aus und wird wieder zur Bettnässerin. Selbst die liebevolle Mutter, die die Familie nach Kräften zusammenhält, kommt mehr und mehr an ihre Grenzen. Der Film endet mit einem brutalen Überfall auf Ricky und seinen Transporter. Er wird zusammen geschlagen. Aber er steht wie ein geschlagener Boxer auf und fährt trotz schwerwiegender Verletzungen weiter seinen Transporter. Selbst gemeinsam können seine Frau und die beiden Kinder ihn nicht aufhalten.

Man kann die letzte Kameraeinstellung als einen winzigen Hoffnungsschimmer in diesem selbstzerstöreririschen Leben des Vaters ansehen. Mehr bietet Ken Loach dem Zuschauer nicht an und entlässt ihn mit dem Gefühl, selber gerade die Schläge erhalten zu haben, die auf Ricky niedergegangen sind.

Der Film läuft aktuell im Delphi sowohl in deutscher Fassung als auch im Original mit deutschen Untertiteln.

Über Seehoff Michael Maria

M. Seehoff schreibt über ungewöhnliche akustische Musik und zu bewegenden Ereignissen. Eventuell bringt die Musik auch die Seelen anderer AnStifter in Resonanz und lässt sie staunen (eine Hoffnung!). Auf dem Blog "Elsternest" erscheinen M's. Texte vor allem über kleine literarische Ereignisse in Stuttgart.