Buchvorstellung
Müllers Meinungsmache

In den Paul-Lechler-Saal im 1. OG des Stuttgarter Hospitalhofs passen schätzungsweise 500 Personen. Der Saal ist zu Dreiviertel gefüllt, als ein Herr ans Mikrofon tritt, um den Abend zu eröffnen. Er begrüßt Albrecht Müller und stellt die Vorstellung seines neuesten Buches „Glaube wenig, hinterfrage alles, denke selbst“ in eine Veranstaltungsreihe mit dem Titel „Was ist Demokratie?“

Dass der bekannte Publizist Albrecht Müller zur Demokratie eine ganz spezielle Meinung hat, zeigt er gleich zu Anfang seiner Ausführungen. Er sagt: Wer behauptet, wir leben in einer Demokratie, der hat etwas nicht verstanden. Der nachfolgende Applaus für dieses Statement kommt nicht ganz überraschend, wird aber durch Äußerungen während der dem Vortrag folgenden Diskussion etwas relativiert. In diesem Punkt muss ich Ihnen leider widersprechen, sagt eine Dame. Ich denke, dass wir sehr wohl in einer Demokratie leben. Dieses Mal gibt es keinen Applaus.

Im Vergleich zu meiner letzten Veranstaltung mit Albrecht Müller, die ich im Literaturhaus miterlebt habe, wirkt der Publizist trotz seines zweifelhaften Demokratieverständnisses dieses Mal zurückhaltender. Im Literaturhaus hatte er seinen Vortrag noch etwas polternder begonnen, indem er sagte, „dass kein Verschwörungstheoretiker so viel Korruption erfinden könnte, wie wir sie haben“. Das war das Jahr 2012.

Der Vortrag am 6.2.2020 ist also im Ton etwas gedämpfter. Er strotzt aber wieder vor Vorwürfen an Gesellschaft, Verlage, Medien und Journalismus. Und diese Vorwürfe sind so anders nicht, wie die Vorwürfe von vor acht Jahren.

Das beginnt im Vorwort des Buches, aus dem Müller im Hospitalhof einige Passagen liest.

Die Gedanken seien nicht frei. Nein, so der Autor, denn keine der großen und wichtigen Angelegenheiten sei ohne große Einflussnahme entschieden worden. Dazu gehöre die Wiedervereinigung, die Riesterrente, die Sparpolitik und die Verlotterung der Infrastruktur.

In Zusammenhang mit der Fernsehsendung Hart-aber-Fair formuliert er dann auch – man möchte sagen „endlich“ – den Propagandavorwurf, der die Beteiligung an militärischen Aktionen erst möglich gemacht habe. Das sind keine Kleinigkeiten, denke ich bei mir, und sie müssen nicht eingebildet sein, sollten aber doch etwas hergeleitet und belegt werden. Wer hat was wann mit welchem manipulativen und propagistischen Vorsatz gesagt? Diese Frage beantwortet Müller nicht.

Auch im privaten Umgang, so der 1938 Geborene, gäbe es „perfide Manipulationen“ durch die unbedachte Übernahme bestimmter Begriffe in scheinbar harmlosen Unterhaltungen. Hier führt er die Worte „Wachstum“ und „Überschuss“ an, die nicht neutral seien, so Müller. Warum sie aber nicht neutral sein sollen, erklärt er nicht.

Seine eigene Tätigkeit als Redenschreiber verschweigt Albrecht Müller aber auch nicht. Er ist sogar etwas selbstkritisch. Das sei ja etwas Ähnliches gewesen, merkt er an. Aber eben auch sinnvoll, fügt er stolz hinzu, weil es u.a. darum gegangen sei, die Leute wieder in Arbeit zu bekommen. Öffentlichkeitsarbeit, Pressearbeit und PR sind Tätigkeitsbereiche, in denen Müller selbst gearbeitet hat. Ganz falsch ist es nicht, wenn man jetzt an F.W. Bernsteins berühmtes Sprichwort von den Elchen denkt.

Es gäbe viele Medien, so Müller im Verlauf seiner nachfolgenden Darlegungen, die im Laufe der letzten Jahre Positionen übernommen hätten, die in zentralen Momenten offizielle Positionen wie z.B. „Altervorsorge“ und „Feindbild Russland“ nicht mehr hinterfragen würden. Dazu gehörten, so Müller, die Zeit, die Süddeutsche, die Frankfurter Rundschau, die Taz und der Freitag. Ja, fügt er hinzu, das seien Zeitungen, die auch vieles Richtige und Lesenswerte schrieben, aber eben nicht nur.

Auch diese Vorwürfe belegt Müller nicht. Er zitiert keinen Text oder Texte von vor, sagen wir mal, 10 Jahren und dann von heute. Die vermeintliche Entwicklung ist wohl eine, die man einfach kennt, weil man dazu gehört. Und wenn man das anders sieht, dann gehört man nicht dazu und ist möglicherweise jemand, der oder die nicht selbst denkt, alles glaubt und nichts hinterfragt.

Auch gäbe es PR, „die ja mittlerweile anerkannt“ sei. Sie führe nach Müllers Überzeugung dazu, dass Journalisten heutzutage Texte ungeprüft übernähmen, die ihnen die PR vorlege. Auch hierzu legt der Mitgründer der Nachdenkseiten und ehemalige PR-Mann keine Belege vor. Er zeigt keine Input-Output-Analysen, zeigt keine Pressemitteilung und deren wörtliche Übernahme durch die Frankfurter Rundschau, die Süddeutsche oder den Freitag, nennt nicht das statistische Material, das es hierzu gibt.

Albrecht Müller erinnert etwas an einen Zoologen, der auf die Gefährlichkeit wilder Tiere hinweist, sie aber nicht genau genug beschreibt und schließlich einen Löwen nicht von einem Dackel unterscheidet.

https://www.hospitalhof.de/programm/060220-glaube-wenig-hinterfrage-alles-denke-selbst/

https://www.neues-deutschland.de/artikel/1127708.journalistenschelte-medienkritik-fuer-besserwisser.html

Über Burkhard Heinz

Ich bin seit vielen Jahren geschäftsführender Gesellschafter des Medienbeobachtungsunternehmens mediatpress®. Die von mir verfassten Beiträge beschäftigen sich mit den Themen Medien, Kommunikation und Journalismus. Artikel, die auf dieser Website zu lesen sind und nicht von mir stammen, geben nicht immer auch meine Meinung wieder. Anders ist das auf dem Unternehmensblog Blog.

Ein Gedanke zu „Buchvorstellung: Müllers Meinungsmache

  1. Es ist leider so, dass Albrecht Müller mit seinem Journalisten-Bashing das gleiche Spiel spielt wie Rechtspopulisten, die von der freien Presse auch nicht viel halten. Ob „Lügenpresse“, „Systemmedien“, „sogenannter Qualitätsjournalismus“ oder „Mainstreamjournalismus“, immer geht es pauschal darum, die vierte Gewalt ins Abseits zu stellen. Wie das bei Müller funktioniert, wissen wir spätestens, seit er im März 2014 dazu aufrief, die Journalisten der bürgerlichen Presse zu diskreditieren, die sich in transatlantischen Kreisen aufhalten. Damals appellierte er an seine Leser: „Die Glaubwürdigkeit dieser Personen muss im Mark erschüttert werden.“
    Dabei hat er keine Skrupel, selbst höchst manipulative Medien wie z. B. Russia Today oder KenFM in seiner Auswahl breiten Raum zu geben. Immer wieder verweist er auf diese Quellen.

    Als er noch selber als Planungschef im Bundeskanzleramt Willy Brandt und Helmut Schmidt aktiv unterstützte, sah er das natürlich ganz anders. Da konnte er die Politik (die auch sehr amerikafreundlich war) mittragen. Zudem war er von 1987 bis 1994 für die SPD Mitglied des Deutschen Bundestages. Diese Zeit ist bei Müller geprägt aus Nostalgie und Schönfärberei.

    Wagt es jemand, dem Kurs der Nachdenkseiten zu widersprechen, so wird der Kritiker mit beleidigenden Schriftsätzen abgestraft oder es wird ihm gar Klage angedroht. Sein Mitstreiter und Mitbegründer der Nachdenkseiten, Wolfgang Lieb, wollte diesen Kurs nicht weiter mittragen und verließ nach zwölf Jahren die NDS 2015. Er schrieb damals: „Seit geraumer Zeit haben sich die Nachdenkseiten mit einem zunehmenden Anteil von Beiträgen meines Mitherausgebers nach und nach verändert und verengt: thematisch, in der Methode der Kritik und in der Art der Auseinandersetzung mit Menschen anderer Meinung.“
    Das klingt ganz anders als der Titel des neuen Buches von Albrecht Müller verspricht.

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