Verleihung des Friedenspreises an Sea-Watch
Die Gala der AnStifter

Foto: © M. Seehoff
Foto: © M. Seehoff

Es ist eine überaus harmonische Veranstaltung, die die AnStifter am 15. Dezember 2019 im Theaterhaus auf die Bühne bringen. Diese Harmonie, unterstrichen von einem klassischen Trio, alles Mitglieder des Staatsorchesters Stuttgart, steht in krassem Gegensatz zum Hintergrund der mit dem diesjährigen Friedenspreis Ausgezeichneten: Sea-Watch e. V.

Sea-Watch rettet Menschen, die vom Ersaufen bedroht sind, rettet in Seenot geratene Menschen aus den Fluten des Mittelmeeres. Sie erleben tagtäglich die Missachtung der Menschenrechte gegenüber den flüchtenden, gekenterten Menschen.

Das reiche Deutschland, so Ebbe Kögel in seiner Eröffnungsansprache zur Gala, entsendet Soldaten nach Afghanistan, nach Afrika um zu „stabilisieren“. Stabilisiert wird dadurch lediglich unser Wohlstand, den wir vor „Fremden“ systematisch abschotten. Und nicht nur nach außen, auch nach innen wird die Abschottung immer lückenloser.

Der deutsche Staat versagt

Wo der deutsche Staat versagt, die Aufgaben der Menschlichkeit zu übernehmen, springt die Zivilgesellschaft ein. Aber, so Ebbe Kögel, werden Vereinen in den letzten Monaten zunehmend die Gemeinnützigkeit aberkannt. Es fing an mit Attac, ging weiter mit Campact. Auch der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes wurde der Status der Gemeinnützigkeit aberkannt. Seine Einschätzung: Parteien wollen die Meinungshoheit auf die politische Willensbildung behalten.

Dieses Jahr wird ein Verein ausgezeichnet, dem die Gemeinnützigkeit noch nicht aberkannt wurde. Es ist der 17. Friedenspreis, der von den AnStiftern vergeben wurde. Eine seiner Protagonistinnen, die Kapitänin Carola Rackete schreibt: „Wir sollten von einer Zukunft erzählen, wo andere mit uns hinwollen“. Dafür stehen die AnStifter.

Prof. Dr. Herta Däubler-Gmelin
Prof. Dr. Herta Däubler-Gmelin
Foto: © M. Seehoff

Die Laudatorin, Prof. Dr. Herta Däubler-Gmelin, von 1998 bis 2002 Bundesjustizministerin, hält die Laudatio. Sie bedankt sich bei den AnStiftern, dass sie mit ihrem Engagement jedes Jahr den Friedenspreis auf die Bühne bringen und so ein Schlaglicht auf das Engagement von zivilgesellschaftlichen Gruppen und Organisationen werfen.

Die Rettung von Menschenleben geht vor Sicherung von Grenzen

Das Mittelmeer ist ein Meer von Toten geworden, so Frau Herta Däubler-Gmelin und das darf nicht hingenommen werden. Es ist schon ein Hohn, dass die deutsche Organisation Sea-Watch anfänglich ihre Schiffe unter niederländischer Flagge ins Mittelmeer schicken musste (heute „segeln“ sie unter deutsche Flagge). Dabei ist die Rettung von in Seenot geratenen Menschen eine Herkulesaufgabe. Die muss man „können“. Sie erfordert innere Stärke und erfordert, emphatisch mit Geretteten, die in der Regel traumatisiert sind, umzugehen.

Die Aktion der Kapitänin Carola Rackete, die entgegen dem Willen der italienischen Regierung, Geflüchtete in Lampedusa anlanden half, hat der Diskussion um die zivile Seenotrettung neu angefacht. Diese Diskussion wird von Rechtsextremisten missbraucht, um politischen Einfluss zu bekommen. Das sollten wir in den Blick nehmen. Retter werden von ihnen als Helfer von Schleppern und Schleusern gebrandmarkt. Das „Geschäft“ von Schleppern und Schleusern ist illegal, aber auch die Rettung von in Seenot geratenen Menschen ist ein Akt der Humanität, ein Grundsatz des christlichen Abendlandes. (siehe Matth. 25, 35-40).

Verbrecher werden mit Rettern gleich gesetzt

Indem beides (Schleuser und Retter) gleich gesetzt wird, machen sich die Rechtspopulisten zu „politischen Schurken“, erklärt die Laudatorin klipp und klar. Ebenso sei der Vorwurf perfide, Flüchtlinge zu benutzten, um linke Politik zu machen. Wenn mit Angst Stimmung gemacht wird, Aktivisten in die Ecke von „Gutmenschen“ gestellt werden, so müssen wir dem mutig entgegen treten.
Unsere freiheitliche Gesellschaft geht zugrunde, so Frau Däubler-Gmelin, wenn Menschenrechte nur für weiße Europäer gelten sollen. „Wollen wir das?“, fragt sie das Publikum eher rhetorisch, denn die AnStifter, das weiß sie, vertreten dieses Auffassung nicht. Die sagen nicht „Da kann man nichts machen“, ebenso wie das Sea-Watch nicht sagt.

Ein optimistischer Ausblick

Die in Italien derzeit auf die Marktplätze gehende Bewegung der Sardinen macht Mut, gegen populistischen Politikansätze anzugehen. Sie singen bei ihren Demonstrationen das Partisanenlied Bella Ciao und knüpfen so an die antifaschistischen Element in der italienischen Verfassung an.

Die Bundesregierung müsste wesentlich mehr tun für die Fluchtursachenbekämpfung. Warum nicht die Gelder für die Entwicklungshilfe erhöhen statt Rüstungsausgaben in die Höhe zu schrauben? Damit könnten Projekte zur klimafreundlichen Entwicklung finanziert werden und so eine Forderung der Jugend, die sich in der Bewegung Fridays for Future engagieren erfüllt werden. Denn eines ist klar: Kriege, Klima und der Kampf um Ressourcen sind die Ursachen für Flucht.

Eines wird an diesem Vormittag im Theaterhaus deutlich: Wir lassen uns nicht unterkriegen. Wir machen weiter. Gemeinsam werden wir eine Gesellschaft erkämpfen, hier in Stuttgart und auf dem Mittelmeer! Und:
Her mit dem guten Leben! Für alle!

Über Seehoff Michael Maria

M. Seehoff schreibt über ungewöhnliche akustische Musik und zu bewegenden Ereignissen. Eventuell bringt die Musik auch die Seelen anderer AnStifter in Resonanz und lässt sie staunen (eine Hoffnung!). Auf dem Blog "Elsternest" erscheinen M's. Texte vor allem über kleine literarische Ereignisse in Stuttgart.