Nobelpreise für Literatur

Peter Handke
Quelle: Wikipedia CC BY-SA 3.0

Heute werden die diesjährigen Nobelpreise in der Sparte Literatur verliehen. Im Jahr 2018 wurde der Nobelpreis für Literatur nicht vergeben. Olga Tokarczuk erhält den Preis für das Jahr 2018, Peter Handke für das Jahr 2019.

Olga Tokarczuk während einer Lesung in der StaBi Foto: © M. Seehoff
Olga Tokarczuk während einer Lesung in der StaBi
Foto: © M. Seehoff

Ist die Auszeichnung an die polnische Autorin Olga Tokarczuk unstrittig, wird um die Vergabe an den österreichischen Autor Handke heftig gestritten. Dabei steht in der Diskussion nicht seine literarische Qualität im Fokus. Die Kritik entzündet sich an seinen Äußerungen zum Jugoslawienkrieg.

Peter Handke hat in dem Krieg eindeutig Position für den serbischen Aggressor und im speziellen für Slobodan Milošević eingenommen. Heftige Kritik kommt vor allem von Seiten von bosnischen und kroatischen Opfern. Saša Stanišić ist einer der Wortführer dieser Kritik. Seine Familie musste vor dem Krieg fliehen und er kreidet Peter Handke an, dass er sich nicht für die Opfer interessiert. Ebenso kritisch äußert sich die kroatisch-deutsche Schriftstellerin Jagoda Marinić.

Dass Peter Handke sich einfach nur verrannt hat, wie oft zu seiner Verteidigung angeführt wird, kann man schwerlich gelten lassen. Wenn seine Parteinahme für die großserbische Sache nicht Wahnsinn ist, so hat sie doch privatmythologische, wenn nicht ideologische reaktionäre Methode.

Handke scheint keinen Wert auf Differenzierung zu legen, wenn er zur Debatte über den Nobelpreis in einem Zeit-Interview sagt: „Kein Wort von dem, was ich über Jugoslawien geschrieben habe, ist denunzierbar, kein einziges. Das ist Literatur.“ Also der Rückzug auf das Literarische. Es gibt keine politischen Aussagen, nur Literatur.

Zum Hintergrund: Im Sommer 1995 hatten serbische Einheiten in Srebrenica über 8000 Bosniaken – Zivilisten, überwiegend Knaben und Männer – ermordet. Der internationale Gerichtshof hat das Massaker 2007 als Genozid verurteilt. Möchte Handke das Massaker in Frage stellen (siehe Eine winterliche Reise)?

Handke hat zwischen 1991 und 2011 zehn Texte zu den Kriegen in Jugoslawien veröffentlicht. Darin ergreift er für Jugoslawien, für Serbien, für das serbische Volk Partei, gegen die Abspaltung der Teilrepubliken, gegen die westliche Bild- und Berichterstattung, gegen die Gleichsetzung mit Faschisten, gegen die NATO-Intervention, gegen die Legitimität des Internationalen Kriegsverbrechertribunals. Obwohl diese Kritikpunkte diskussionswürdig sind, hat Handke diese Punkte immer mehr aus den Augen verloren. Seine Texte, Reiseberichte, Zeugenberichte, Notizen, Tagebücher, geben vor, wahrhaftig zu sein und die poetischen Mittel in den Dienst der literarischen Wahrheitsfindung zu stellen. Auch poetische Mittel können genau und angemessen sein, auch literarische Wahrheitsfindung soll Wahrheitsfindung sein. Beides misslingt Handke gründlich. All dem entgegnet er wütend: „Kein Wort von dem, was ich über Jugoslawien geschrieben habe, ist denunzierbar, kein einziges. Das ist Literatur.“

Leider steht die lesenswerte Olga Tokarczuk bei diesen Auseinandersetzungen im Schatten von Handke, der die Diskussion und die Berichterstattung beherrscht. Olga Tokarczuk hat großzügig mit einem Teil ihres Preisgeldes eine Stiftung zur Förderung von Kunst und Kultur in Breslau gegründet. Sie werde der Stiftung umgerechnet rund 82 000 Euro zur Verfügung stellen, sagte Tokarczuk laut Nachrichtenagentur PAP. „Wir wollen auch die Beteiligung von Frauen am kulturellen und gesellschaftlichen Leben fördern und wissenschaftliche Untersuchungen zum Feminismus unterstützen“, so die Schriftstellerin. In den Rat ihrer Stiftung habe sie bereits die polnische Filmregisseurin Agnieszka Holland sowie den Direktor des Literaturhauses in Breslau, Irek Grin, berufen. Agnieszka Holland hatte ihren Roman „ Der Gesang der Fledermäuse“ (Filmtitel: „Die Spur“) verfilmt.

Quellen:

Über Seehoff Michael Maria

M. Seehoff schreibt über ungewöhnliche akustische Musik und zu bewegenden Ereignissen. Eventuell bringt die Musik auch die Seelen anderer AnStifter in Resonanz und lässt sie staunen (eine Hoffnung!). Auf dem Blog "Elsternest" erscheinen M's. Texte vor allem über kleine literarische Ereignisse in Stuttgart.