SSB
„Ich bremse nicht immer!“

Ich war schwimmen im Sonnenberger Hallenbad. Die kurzen Haare waren noch etwas feucht. Ich wollte schnell nach Hause.

Die Haltestelle der Straßenbahn ist nicht weit.

Um zum Hauptbahnhof zu kommen, muss man den Gleiskörper überqueren. Hier wie an vielen anderen Übergängen gibt es das berühmte „Z“, das einen zwingt erst ein paar Schritte parallel zu den Gleisen in die eine Richtung zu gehen und zu gucken und dann ein paar Schritte in die entgegengesetzte Richtung zu gehen und wieder zu gucken ob keine Bahn kommt.

Ich gebe zu, ich war ein bisschen abgelenkt durch eine Nachrichten auf meinem Telefon.

Das Blinklicht habe ich aber gesehen und ich habe auch den sehr schnell sich nähernden Zug gesehen. Ich hätte stehen bleiben können, habe es aber vorgezogen die sich nähernde Straßenbahn nicht aus den Augen zu verlieren und zügig weiter zu gehen.

Das ist eine „Technik“, die man auch bei der Überquerung einer Straße praktiziert: den Augenkontakt mit der Person suchen, die ein sich näherndes Fahrzeug steuert.

Für einen Augenkontakt war die Bahn aber noch viel zu weit entfernt und ehrlich gesagt, viel zu schnell.

Als ich dann auf der anderen Seite und das Treppchen zum Bahnsteig hochgestiegen war, wunderte ich mich, dass sie Straßenbahn nicht genauso zügig wie sie sich mir näherte nun an mir vorbeifuhr.

Ich drehte mich um und bemerkte, dass der Fahrer seine Türe geöffnet hatte, wohl um mir etwas zu sagen. Er fuhr jetzt Schritttempo. Ich zögerte etwas, wartete, ging noch einen Schritt zurück, wendete mich dem Fahrer zu, dessen Türe nun geöffnet war.

Ich sagte wohl etwas wie „Jaha?“ oder „Bitte?“ und war sehr überrascht, als mir der Fahrer mitteilte – wörtlich – dass er das nächste Mal nicht bremsen würde. „Ach ja,“ sagte ich ein wenig verwundert und fügte hinzu, „Sie bremsen also nicht immer?“ Worauf der Mann antwortete, „Nein, ich bremse nicht immer“.

Ich war sprachlos.

Die Türe schloss sich und die Straßenbahn fuhr zügig weiter, um vorschriftsmäßig an der Haltestelle Sonnenberg Gäste ein- und aussteigen zu lassen. Das war meine Straba Richtung Hauptbahnhof. Ich rannte die letzten Meter, kam aber etwas zu spät, denn die Türen ließen sich nicht mehr öffnen.

War das jetzt ernst gemeint? Aber warum sollte er das zum Spaß sagen? Ich dachte, dass ich das jetzt irgendwie dokumentieren muss.

Mir hätte schwindelig werden können beim Überqueren der Gleise. Ich hätte stolpern können. Und wenn ich verwirrt gewesen wäre? Etwas hätte mich ablenken können. Die Nachricht, die mich per Smartphone erreichte, hätte sehr wichtig sein können.

Der Fahrer hätte dann nicht gebremst?

Als ich dann in der nächsten Straßenbahn sitze, bemerke ich, dass ein Werbefilm in einem der Monitore genau von diesem eben erlebten Vorfall handelt. Es kommt wohl häufiger vor, dass Personen durch ihr Handy abgelenkt sind und nicht ausreichend auf den Schienenverkehr achten.

Heißt das dann aber auch, dass die Straßenbahnfahrer(innen) nicht um so mehr auf die Personen achten müssen?

Es war Donnerstag, der 5.10.2019, 12:36. Linie A6 nach Gerlingen. Dann stand da noch eine Nummer hinten auf dem Wagen. 4141.

Über Mir

"Mir" ist ein Pseudonym. Ein Personalpronomen. Alle Beiträge von "Mir" geben nicht die Meinung der Anstifter und oft sogar noch nicht einmal meine eigene wieder.

Ein Gedanke zu „SSB: „Ich bremse nicht immer!“

  1. Guten Tag,
     
    vielen Dank für Ihr Schreiben, in dem Sie uns von einem Vorfall im Linienverlauf der Linie U6 am 05.10.2019 gegen 12.36 Uhr im Bereich der Hst. Sonnenberg berichten. Hinsichtlich der geschilderten Situation möchten wir dringend an Sie appellieren, die entsprechenden Sicherheitseinrichtungen nicht zu ignorieren und die Aufmerksamkeit auf die Umgebung zu richten. Neben den daraus resultierenden Gefahren für sich selbst können durch Gefahrenbremsungen auch Fahrgäste und Fahrdienstmitarbeiter unnötig zu Schaden kommen. Wir sind mit Ihnen der Meinung, dass es häufiger vorkommt, dass Personen durch ihr Handy abgelenkt sind und nicht ausreichend auf den Schienenverkehr achten. Dieses stetig zunehmende Fehlverhalten trägt leider auch zu einer zusätzlichen Belastung unserer Fahrdienstmitarbeiter bei. Sicher fahren – dem gilt unsere besondere Aufmerksamkeit. Die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer ist für unsere Fahrer immer das oberste Gebot.
     
    Selbstverständlich sollte auch bei scheinbar gefährlichen Situationen am Gleisübergang immer mit der nötigen Sensibilität und zwischenmenschlich geschicktem Verhalten vorgegangen werden. Nach Ihrer Schilderung hat unser Fahrer dies in dem beschriebenen Fall vermissen lassen. Anhand der vorhandenen Daten werden wir den betreffenden Mitarbeiter ermitteln, mit den Vorwürfen konfrontieren und gebotene Maßnahmen treffen. In unseren regelmäßig stattfindenden Fahrerschulungen bemühen wir uns auch weiterhin, das Verhalten bzw. die Sichtweise bei solch besonderer Situationen bei allen Mitarbeitern auf ein gleiches Niveau zu bringen.
     
    Wir hoffen, dass Sie künftig die SSB wieder mit positiven Erlebnissen in Verbindung bringen.
     
    Es grüßt Sie freundlich

    (Autor der Redaktion bekannt)

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