Filmbesprechung „Skin“
Kann Liebe Hass überwinden?

SKIN Trailer German Deutsch (2019) Exklusiv

Im Film des israelischen Regisseurs Guy Nattiv gelingt das. Er erzählt anhand einer realen Begebenheit den Ausstieg eines Nazi-Skinheads aus der rechten Szene.

Der knapp zwei Stunden lange Film erzählt eine Geschichte von Neonazis aus der White-Supremacists-Szene und ihrem Umfeld in den Vereinigten Staaten, von der rücksichtslosen und kühl auf ihre Wirkung kalkulierten Gewalt, die Angehörige dieser Gruppen ausüben. Darüber hinaus wirft er beunruhigende Fragen auf, darunter auch die, ob es angesichts der Allgegenwart und Vernetzung des rechtsextremen Terrors in der westlichen Welt so etwas wie Einzeltäter überhaupt noch geben kann. Vor allem eröffnet Guy Nattivs eindringlicher Film einen Blick in das Leben rechtsextremer Gewalttäter, der weder voyeuristisch noch verständnisheischend ist. Ihn interessieren nicht biographische Details seiner Filmfiguren und keine individuellen Erklärungen ihrer Verhaltensweisen.

Bryon Widner (Jamie Bell) ist Anführer einer Gruppe von Skinheads. Als Erinnerung an die von ihm begangenen Verbrechen hat er sich seinen Körper tätowieren lassen. Als er eine Mutter von drei Töchtern kennen lernt und sich in sie verliebt, ändert sich seine persönliche und politische Einstellung. Mit ihrer Hilfe sowie der Hilfe eines schwarzen Aktivisten bemüht sich Byron, den Hass in seiner Vergangenheit hinter sich zu lassen und einen Neuanfang zu wagen. Deshalb will er seine Tattoos wieder loswerden.

Die Tatsache, dass jemand, der so kaputt ist, eine Familie findet und danach strebt, ein anderer Mensch zu werden, war für den Regisseur ausschlaggebend, den Film zu machen. Es ist nicht die klassische Erlösungsgeschichte, die er gedreht hat, aber es ging ihm um jemanden, der sich ändern möchte.

Als Bryon Widner auf die alleinstehende dreifache Mutter Julie (Danielle Macdonald) trifft, die der Bewegung gerade den Rücken zukehrt, verliebt er sich in diese Frau, die von seinen Kumpels als „fette Sau“ tituliert wird. Durch sie bekommt er nicht nur einen Ankerpunkt außerhalb seiner Herkunftsfamilie in seinem neuen Leben, sondern versucht auch, aus dem Teufelskreis der Gewalt auszusteigen.

Der Film veranschaulicht sehr eindrucksvoll, wie die sozialen Strukturen in rechtsradikalen Gruppen funktionieren. Es ist nicht ein heldenhafter Anführer, der die Gruppe zusammen hält, sondern eher ein an einen 68er erinnernden Zausel mit langem Bart, der zusammen mit seiner Frau die Gruppe wie eine Familie führt. Der Film ist über weite Strecken nicht auszuhalten, sowohl in der Darstellung der Gewalt der Rechtsextremen gegenüber dem in ihren Augen als Abschaum geltenden Menschen als auch in der schmerzvollen Transformation der tätowierten Haut des Protagonisten.

Doch die Schlussszenen versöhnen einen mit dem Film, wenn am Ende Bryon Widner nicht nur geläutert, sondern auch in seiner ganzen Erscheinung verändert bei Julie auftaucht, die mittlerweile ein Kind von ihm geboren hat, und wenn Fotografien im Abspann des Films die Wandlung des echten Bryon Widner dokumentieren, dann ist die auch innere Läuterung direkt von dessen Gesicht abzulesen.

Der Film Skin läuft derzeit im Delphi Arthaus Kino, Stuttgart

Über Maria Seehoff

M. Seehoff schreibt über ungewöhnliche akustische Musik und zu bewegenden Ereignissen. Eventuell bringt die Musik auch die Seelen anderer AnStifter in Resonanz und lässt sie staunen (eine Hoffnung!). Auf dem Blog "Elsternest" erscheinen M's. Texte vor allem über kleine literarische Ereignisse in Stuttgart.