Zwischenruf
2338 Unterschriften für mehr Menschlichkeit am Bahnhof

Unterschriftenübergabe
Frau Dr. Nicola Schelling vom Verband Region Stuttgart (VRS) nimmt die Unterschriftensammlung gegen die Schließung der Verkaufsstelle der Deutschen Bahn in Korntal entgegen
Foto: © J. Schweizer

In einer sehr gut organisierten Aktion sammelten Aktivistinnen in Korntal-Münchingen innerhalb von knapp 5 Wochen diese stattliche Anzahl von Unterschriften für den Erhalt des Schalterbetriebes mit einem Menschen hinter dem Tresen für ihren Bahnhof in Korntal. Hintergrund siehe hier. Die Übergabe erfolgte in den Räumen des Verbands Region Stuttgart. Ein Vertreter der Deutschen Bahn war anwesend.

Ich war bei der Übergabe dabei und:
  • Ich bin wütend!
    Weil der freundliche Schalterbeamte, der auch den Mitarbeitern des Regioanlverbandes bekannt ist, durch einen Video-Chat ersetz werden soll.
  • Ich bin wütend!
    Weil wir als Kunden der Deutschen Bahn nicht ernst genommen werden.
  • Ich bin wütend!
    Weil wir vom Regionalverband Stuttgart beim Übergabetermin binnen 20 Minuten abgespeist wurden.
  • Ich bin fassungslos!
    Angesichts der Naivität der Verantwortlichen im Verband Region Stuttgart gegenüber den Aussagen der Deutschen Bahn.
Hintergrund

Der verantwortliche Projektleiter Daniel Deubel vom Verband Region Stuttgart führte in der knappen Zeit aus: „Die Bahn muss eine Verfügbarkeit von 97 Prozent garantieren.“ Sollte es einen Ausfall geben, müsse der laut Vertrag nach 24 Stunden behoben sein.“  (Zitat siehe hier) Wir erinnern uns:

  • Bei Stuttgart 21 wurde die geplante Inbetriebnahme von Dezember 2019 in mehreren Schritten auf 2025 verschoben
  • Seit Jahren scheitert die Bahn an ihrem selbst gesetzten Ziel, dass zumindest 80 Prozent aller Züge einigermaßen nach Fahrplan fahren. (Dabei werden hier nicht die strengen Maßstäbe angesetzt, die z. B. in Japan gelten)
  • Im Umkehrschluss: 20 % aller Züge kommen deutlich zu spät, trotz ihres selbst definierten Servicelevels
  • Die Bahn fährt auch im Jahr 2019 immer noch auf vielen Strecken mit Dieselloks, obwohl sie seit Jahren zugesichert hat, die Elektrifizierung aller Strecken realisieren zu wollen
  • Der Ausbau der Rheintalstrecke hingt Jahre hinter der Fertigstellung des Gotthardtunnels hinterher

So viel zu vertraglich zugesicherten Punkten von Seiten der Deutschen Bahn. (Wie die DB bei der Pünktlichkeit trickst, siehe hier)

Ich bin mit 60 Jahren vom öffentlichen Nahverkehr auf das Fahrrad umgestiegen, weil ich die S-Bahnausfälle der Deutschen Bahn nicht länger ertragen wollte.

Ich frage mich:

Hat die Regionaldirektorin Frau Dr. Nicola Schelling von all diesen Begebenheiten noch nie gehört? Vielleicht sollte die promovierte Juristin (Titel ihrer Doktorarbeit: „Nationale Preis- und Erstattungsvorschriften und grenzüberschreitender Parallelhandel von Arzneimitteln – ein Beitrag zur Anwendung des europäischen Wettbewerbsrechts“) in ihrer mit summa cum laude bewerteten Doktorarbeit die Passagen über den Parallelhandel nach vielen Jahren noch einmal nachlesen. Ihr würden eventuell Ungereimtheiten im Paralleluniversum der Deutschen Bahn bekannt vorkommen.

Outsourcing ist immer einer Option

Ich bin wütend, weil das ein weiterer Baustein in der unmenschlichen Servicewüste der auf Profit orientieren Deutschen Bahn darstellt. Es ist nach meinen Erfahrungen bei einem großen Telekommunikationsproviders üblich, dass solche Dienste als erstes dem Outsourcing-Wahn zum Opfer fallen. Es ist zu befürchten, dass die Kunden in Korntal dann nicht mehr von einem Mitarbeiterpool – dem auch der freundliche Herr R. angehört – bedient werden, sondern von Mitarbeitern eines in Rumänien oder Mecklenburg-Vorpommern angesiedelten Callcenters, wie ich es aus meiner Branche kenne.

Ich solle mir das ganze in Ruhe während der sechsmonatigen Testphase anschauen, empfehlen mir Projektleiter Daniel Deubel und Frau Dr. Schelling. Ja und ich bin skeptisch, was die Zufriedenheitsevaluationen der Bahn und des Regionalverbandes angehen.
Nein, ich will mich nicht beruhigen!

Hölderlin sagt in seinem Werk „Hyperion“:

Wer auf sein Elend tritt, steht höher. Und das ist herrlich, dass wir erst im Leiden recht der Seele Freiheit fühlen.

Das kommt mir immer in den Sinn, wenn ich an die Versprechen der Deutschen Bahn denke.

Über Maria Seehoff

M. Seehoff schreibt über ungewöhnliche akustische Musik und zu bewegenden Ereignissen. Eventuell bringt die Musik auch die Seelen anderer AnStifter in Resonanz und lässt sie staunen (eine Hoffnung!). Auf dem Blog "Elsternest" erscheinen M's. Texte vor allem über kleine literarische Ereignisse in Stuttgart.

1 Gedanke zu „Zwischenruf: 2338 Unterschriften für mehr Menschlichkeit am Bahnhof

  1. Wütend sein ist die eine Möglichkeit – ich bin einfach enttäuscht!
    Enttäuscht, weil durch diese „Wegrationalisierung“ wieder eine Möglichkeit der einfachen bzw. fachkundigen Beschaffung eines Fahrscheines entzogen wird.
    Nach dem Motto „Auf die paar Reisende können wir sowieso verzichten.“

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