Mitleid als öffentliches Problem?

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Ich lese einen Text, den ich irgendwo in meinem privaten Archiv auf dem Tablet finde. Eine Autorenangabe finde ich auf den ersten Blick nicht, eine Quelle auch nicht. Typisch Privatarchiv, seufzt es. Es geht in dem Text um Mitleid und dessen verführerische Macht. Ich erhoffe mir mögliche Zusammenhänge mit dem Begriff der Empathie, über deren Charakter ich vor einiger Zeit einen kurzen, kritischen Text gelesen habe. Aufhänger für den Mitleid-Text sind die in Europa ankommenden Flüchtlinge.

Ich halte inne und vermisse Autor und Quelle noch mehr. Auf rechten Scheiß habe ich jetzt keine Lust. Warum habe ich so etwas nur archiviert, frage ich mich. Aber gut, ich lese weiter.

Man wüsste, dass die Menschen, die nach Deutschland flüchten, nicht politisch verfolgt seien, sondern nur arm, heißt es da. Ein Drittel der Menschen kämen aus der Region des ehemaligen Jugoslawien. Hier gäbe es schon lange keinen Krieg mehr – okay! – und keine Verfolgung – nicht okay. Die Kommunen klagten über steigende Kosten für die Unterbringung und „kaum jemand fordert, die Leistungen auf das Niveau in anderen EU-Ländern zu senken“.
Noch weiter zu senken? denke ich bei mir. Am frühen Abend gegen 18.00 Uhr findet man gegenüber dem Stuttgarter Bahnhof kleine Gruppen von Personen, die auf diese Beschreibung passen könnten. Sie unterhalten sich, sind vielleicht manchmal etwas lauter, als die besser Gekleideten. Etwas später sehe ich den einen oder anderen zu zweit oder dritt, mit Plastiktasche, einer alten, eingerollten Schaumstoffmatraze wie auf der Suche nach einem Schlafplatz.
Die Kosten, die die Stuttgarter Kommune hier trägt, scheinen mir gegen Null zu gehen. Ich kann mir für mich nicht vorstellen so durch die Gegend ziehen zu müssen. Gibt es im reichen Stuttgart mit der schwarzen Null eigentlich öffentliche Duschen oder Toiletten, die die ganz grundlegenden Bedürfnisse von Menschen ohne Bleibe befriedigen?

Im Text heißt es weiter, dass die Situation vor 20 Jahren, mit ähnlichen Zahlen, anders war. Man habe energisch auf „abscheuliche ausländerfeindliche Gewalttaten reagiert“, gleichzeitig aber die finanziellen Belastungen des Steuerzahlers gesenkt. Mein Gedächtnis muss passen. Ich erinnere mich nicht mehr an „vor 20 Jahren“.

Dann geht es weiter im Text mit einer doch recht einfachen rhetorischen Figur. Es heißt, dass „es mittlerweile unschicklich zu sein scheint, [eine repressivere Politik] zu vertreten, weil man dann als mitleidloser, böser Mensch dasteht.“

In meinen Ohren klingt das ein wenig wie die Behauptung, dass man ja nicht mehr sagen dürfe, dass…. .

Als Beispiel wird Hr. Köhler angeführt, der 2010 als Bundespräsident, auf dem Rückflug von Afghanistan, eine Debatte über die militärische Verteidigung deutscher Interessen forderte. Ein Aufschrei, so der Autor oder die Autorin, sei durch Parteien und Medien mit dem Tenor gegangen, dass „deutsche Politik keinen anderen Zweck als die Linderung des Elends auf der Welt haben“ dürfe.

Mitleid sei de facto zur deutschen Staatsraison geworden, worauf Köhler „hinschmiss“, so der Text, der anschließend etwas ironisch fragt, ob ‚also endgültig das Gute gewonnen habe, wenn Regierungen, ja ganze Gesellschaften ihr Handeln nicht an kalten Interessen ausrichten?‘ Die Antwort, ein klares Nein, denn „aus der Perspektive der Freiheit ist das Gute nicht mehr gut, wenn es absoluten Vorrang vor anderen Interessen beansprucht.“
Das verstehe ich nicht. Ist gemeint, dass Mitleid gesellschaftliche Freiheit einschränkt oder gefährdet? Ja, entgegnet der Text, denn, so wisse jeder, der schon einmal verliebt gewesen sei, „Gefühle machten blind“. Sie würden schnell zum Wahn führen, förderten „totale Hingabe“ und seien gegen jede Art von Kompromiss.

Mit politischen Leidenschaften sei es ähnlich. Kühle und rationale Interessen hätten gegen moralisierende Haltungen keine Chance. Okay. Wenn „kühle und rationale Interessen“ nicht hinterfragt werden und unklar ist, um wessen Interessen es geht bzw. welche Personen mit diesen Interessen nicht gemeint sind, dann scheint es so, als würde Moral vor Sachlichkeit gehen. Wenn es so ist, dass „ein freiheitlich-demokratisches Gemeinwesen sich gerade dadurch auszeichnet, dass die Interessen aller seiner Bürger, reicher wie armer, einheimischer wie zugewanderter, als grundsätzlich legitim gelten“, dann bedeutet Sachlichkeit nichts anderes als die Interessen bestimmter Personen zu delegitimieren.

Zurück zum Text!

Es war die Rede von Mitleid. Ich muss einschieben, dass ich im Zusammenhang mit Benachteilung nicht Mitleid, sondern eine Mischung aus Ärger und Empathie empfinde. Mitleid ist für mich persönlich eine Empfindung, die ich Lebewesen gegenüber empfinde, für die Hilfe nicht oder nicht mehr infrage kommt. Im Text wird ein anderer Standpunkt vertreten. Hier wird Mitleid von Solidarität unterschieden und festgestellt, dass dem Mitleid die Gegenseitigkeit der Solidarität fehle. Während Solidarität eine „politische Institution“ sei, hätte man es beim Mitleid mit einem Gefühl zu tun, das als solches unpolitisch und privat sei.

Hanna Arendt nennt die Politisierung dieses privaten Gefühls eine Perversion, denn Leid sei das öffentlich gewordene Mit-Leid schon lange nicht mehr. In der christilichen Tradition waren Mitleid und die Nächstenliebe, wie sie Jesus verstanden haben soll, mit einander verbunden. „Er predigt“, so der Text, „Güte und Liebe zum Nächsten, aber verlangt nicht, alle Leidenden in aller Welt zu lieben, und das Elend der Welt auszurotten.“ Das konkrete Element des Mitleids sei erst mit Rousseau getilgt worden. Er habe aus dem Mitleiden ein „abstraktes Gefühl [gemacht], das sich nicht auf konkrete Menschen, sondern auf unpersönliche Kollektive“ beziehe. Weil das Eigentum verderbe, seien die ohne Eigentum, also die Armen, die besseren Menschen. Der Mitleidende leide also nicht mehr, sondern empfinde Befriedigung durch sein Gefühl. Ohne dem Elend nahe zu kommen versichere sich die mitleidende Person ihrer „moralischen Gutartigkeit, indem sie Partei nimmt für die unverdorbenen Armen“. Der Mitleidige habe, um sich besser zu fühlen, ein heimliches Interesse am menschlichen Leid.

Diese maßvolle küchenpsychologische Argumentation wird nun gestützt durch eine Umfrage, bei der 66% der Deutschen auf eine entsprechende Frage sich zwar vorstellen können Asylbewerber zu unterstützen. Es sind aber nur 1% der Befragten die Asylbewerber persönlich helfen. Verständlich, folgt man dem Text, denn es bestünde „schließlich die Gefahr, dass aus dem wonnigen Gefühl des abstrakten Mitleids mit allen Elenden dieser Welt das gar nicht so wonnige Mit-Leiden mit dem Nächsten, nämlich dem konkreten Menschen im Asylantenheim“ würde.

Hanna Arendt habe in der aus dem Jahr 1963 stammenden Schrift „Über die Revolution“ die Terrorherrschaft des Mitleids beschrieben. Das „kompromisslose Mitleid mit den Elenden“ habe „zu einem Freund-Feind-Denken geführt, das die Gesellschaft in gute, mitleidige Menschen und böse Egoisten einteilte“. Letztere wurden von den Jakobinern als Feinde des Volkes zu Tausenden auf die Guillotine geschickt.

Nun gut, die Zeiten jener Revolution sind lange vorbei. In abgemilderter Form empfinde man aber nicht nur als unzutreffend, sondern als böse folgende Kritik: „Nicht das Grenzregime der EU-Staaten trägt die Verantwortung für den Tod der zahlreichen ertrunkenen Flüchtlinge im Mittelmeer; es sind die Menschenschmuggler, die ihren Kunden Geld dafür abknüpfen, dass sie sie auf seeuntüchtige Boote packen.“
Wer nicht genug Mitleid mit den Elenden zeige, soll also für das Elend oder gar den Tod der Elenden mitverantwortlich gemacht werden.

Nicht schlecht! Ich denke, dass es aber relativ unerheblich ist, ob die Schleuser oder die Überwachung der europäischen Grenzen Schuld am Tod so vieler sind. Es ist aber auch nicht das Mitleid, das die Ertrinkenden rettet, sondern der Einsatz von Schiffen und das Engagement vieler Freiwilliger. Deren aktive Nächstenliebe würde ohne die finanzielle Unterstützung „pervertierten Mitleidender“ wesentlich schlechter funktionieren. Sachlichkeit? In diesem konkreten Zusammenhang wohl eher weniger angebracht.
Der Text ist sich der Problematik seiner Argumentation bewusst, denn er endet mit folgender Feststellung: „Die Fähigkeit, im leidenden Mitgeschöpf sich selbst zu erkennen, fremdes Leid zu beenden oder zumindest zu lindern, ist vielleicht, wie Schopenhauer glaubte, der einzige Ausweg aus der von Willen und Wahn konstruierten Leere unserer Existenz. Aber dieses Mitleiden ist etwas Privates, das in der Politik nicht gedeiht, sondern durch sie verkommt.“

Nach etwas Googeln finde ich den vollständigen Text in der Wirtschaftswoche.
https://www.wiwo.de/politik/deutschland/politisches-handeln-die-verfuehrerische-macht-des-mitleids/11550178-all.html

Über Mich

"Mich" ist ein Pseudonym, das eigentlich "Mir" heißen sollte. Als Personalpronomen. Aber da ist mir der Akkusativ mit dem Dativ durchgegangen. Alle Beiträge von mir - also von "mich" - geben nicht die Meinung der Anstifter und oft sogar noch nicht einmal meine eigene wieder.