Boxenstopp ohne Boxen

Auf dem Weg nach Hause sehe ich von weitem einen riesigen Autobus. Auf dem Bürgersteig. Etwas weiter die Straße runter: ein Mann in weißem Hemd und dunkler Hose. Ende 40 Anfang 50. Wartend, guckend, sich die Zeit irgendwie vertreibend. Kein Zweifel, der Busfahrer. Würden Sie bitte Ihren Bus irgendwo anders hinfahren?! Sie handeln sich sonst eine Anzeige ein, sage ich in normalem Ton. Anzeige? Wieso? Ich warte hier auf die Leute da. Aber nicht auf dem Bürgersteig. Sehen Sie nicht, dass das verboten ist und für Fußgänger gefährlich, wenn Sie dann auch noch auf dem Bürgersteig rangieren? Ja, aber… . Wie gesagt, entweder Sie fahren das Ding jetzt weg oder Sie bekommen eine Anzeige. Eine Anzeige? Von wem? Von mir. Ja, dann zeigen Sie mich doch an! Ich nehme mein Telefon aus der Tasche und laufe in Richtung des den Bürgersteig einnehmenden Autobus.

Das Entsetzliche in diesen Situationen ist das Denunziantentum, das ich ü-ber-haupt nicht vertrage. Es ist das Ergebnis einer städtischen Sorglosigkeit, das sich einen Scheiß um bestimmte Angelegenheiten kümmert. Unverschämte Autofahrerinnen und Autofahrer, die nicht nur kurz mal halten, sondern wie zu einem Boxenstopp bei der Formel I den abgesenkten Bordstein nutzen, um mit hoher Gewchwindigkeit irgendwo weiter hinten ihr Fahrzeug abzustellen, um anschließend den nächsten abgesenkten Bordstein dazu zu nutzen, um die „Box“ mit ansehnlicher Geschwindigkeit wieder zu verlassen. Und selbst wenn man diese Individuen ruhig darauf aufmerksam macht, dass das doch gefährlich für Fußgänger, Fußgängerinnen, Kinder und Menschen im Allgemeinen ist, bekommt man in den seltensten Fällen Sätze zu hören wie, ja, stimmt, daran habe ich noch gar nicht gedacht.

Weil ich es immer noch für denunziatorisch halte, bei entsprechenden Sauereien die Polizei anzurufen – wäre ich Hulk, wüßte ich andere Lösungen – versuche ich es dieses Mal mit Arglist, Lüge und Betrug. Ich nehme also mein Telefon aus der Tasche, gehe Richtung Autobus und tue so, als würde ich die Nummer der Polizei wählen. Ich warte etwas, schaue mich um. Der Mann läuft langsam hinter mir her. Ja, sage ich dann und nenne meinen Namen und die Straße und die Hausnummer und beschreibe die Situation: parkender Autobus auf dem Bürgersteig. Jetzt hat der Mann mich überholt und steht vor der Rückseite seines riesigen Gefährts. Wehe Sie machen jetzt ein Foto!, warnt er mich und positioniert sich so, dass man das Nummernschild nicht mehr sehen kann. Darauf war ich noch gar nicht gekommen. Ja, sage ich. Nein, sage ich. Das fingierte Telefonat mit der Polizei entwickelt sich gut. Ich gehe am Bus vorbei. Viel Platz zwischen Haus und Bus ist nicht. Ja, sage ich wieder und frage, erst in einer halben Stunde? Nein, sage ich. Ja, sage ich, und lese laut den Schriftzug vor, der groß auf der Seite des Busses zu sehen ist. Also gut, sage ich und schaue auf meine Armbanduhr, in einer halben Stunde. Vielen Dank und auf Wiedersehen. Ich lasse den Busfahrer stehen, wende mich nicht noch einmal an ihn und gehe. Ich öffne meinen Briefkasten, um nach der Post zu sehen. Als ich die Haustür öffne, läuft der Mann hinter mir vorbei zu den Briefkästen und schaut sich die Namen an. Ich schließe die Haustüre. Als ich kurz drauf oben in der Wohnung bin, schaue ich nach draußen.

Der Bus ist weg.

Über Mich

"Mich" ist ein Pseudonym, das eigentlich "Mir" heißen sollte. Als Personalpronomen. Aber da ist mir der Akkusativ mit dem Dativ durchgegangen. Alle Beiträge von mir - also von "mich" - geben nicht die Meinung der Anstifter und oft sogar noch nicht einmal meine eigene wieder.