Bezahlt wird mit Hilfe

Frau W. antwortet: wie ich auf die Idee gekommen bin? Mein Mann ist seit sieben Jahren tot. Ich bin jetzt 90. Mein Haus war mir einfach viel zu still. Ich selbst bin unsicher, ob ich in der umgekehrten Situation so etwas mitmachen würde. Aber mit Osama verstehe ich mich gut. Vorher hatte ich zwei Studentinnen, die nicht lange geblieben sind. Die eine ist nach kurzer Zeit mit der Begründung gegangen, dass sie eine andere WG gefunden habe. Danach hat eine tunesische Studentin hier gewohnt. Das hat irgendwie nicht gepasst. Mir war es sehr unangenehm, als ich ihr gekündigt habe. Und jetzt eben Osama. Er ist aus Syrien und wohnt schon seit September hier. Kontakt zu ihm habe ich über die Vermittlung erhalten. Die waren da sehr freundlich. Auf „Wohnen für Hilfe“ ist Osama selbst vor drei Jahren aufmerksam geworden. Unsere Beziehung, die Rechte und Pflichten, sind vertraglich geregelt. Er zahlt 100 Euro im Monat für Unkosten, Strom, Gas, Wasser steht da zum Beispiel in unserem Vertrag. Und dass ich von 13.00 Uhr bis 14.00 Uhr meinen Mittagsschlaf mache. Achja, dass er nach dem Garten guckt, haben wir auch noch ausgemacht. Es ist letztlich wie eine Mischung aus WG und Familienersatz.

Projekte wie dieses mit Frau W. und Osama sind in einigen deutschen Städten zu finden. Das Konzept: ältere Menschen, die sich Gesellschaft wünschen und eine Wohnung haben, in der ein Zimmer frei ist, werden zusammengebracht mit Studierenden, die eine Wohnung in einer WG suchen und mit Hilfe im Alltag „bezahlen“.

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Wohnen_für_Hilfe

https://www.bento.de/gefuehle/wohnen-fuer-hilfe-osama-30-und-frau-wellmann-90-leben-in-einer-wg-a-68c1f84a-a7d7-4a82-9a3b-e5e780297fe5

Über Mir

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2 Gedanken zu „Bezahlt wird mit Hilfe

  1. Eine ganz ähnliche Situation schildert der US-amerikanische Erzähler Kent Haruf in „Unsere Seelen bei Nacht“. Darin beschreibt er Holt, eine Kleinstadt in Colorado:

    Eines Tages klingelt Addie, eine Witwe von 70 Jahren, bei ihrem Nachbarn Louis, der seit dem Tod seiner Frau ebenfalls allein lebt. Sie macht ihm einen ungewöhnlichen Vorschlag: Ob er nicht ab und zu bei ihr übernachten möchte? Louis lässt sich darauf ein. Und so liegen sie Nacht für Nacht nebeneinander und erzählen sich ihre Leben. Doch ihre Beziehung weckt in dem Städtchen Argwohn und Missgunst.

    Es geht nicht gut aus in dem Roman von Haruf, der bei Diogenes erschienen ist, soviel sei verraten. Sehr empfehlenswert!

    1. Die Situation in Holt, die Du schilderst, ist die Situation (vermutlich) gleichaltriger Menschen, die Nachbarn sind und ein wie auch immer gestaltetes „Verhältnis“ beginnen. Von Hilfe im Alltag und dem damit abgeglichenen Wohnrecht unterschiedlich alter, unterschiedlich interessierter und aus unterschiedlichen Orten stammender Personen finde ich in Deiner Beschreibung nichts. Der Argwohn ist ein Element, das jedoch in beiden Fällen vorhanden zu sein scheint. Die Ähnlichkeit Deiner Geschichte mit dem von mir geschilderten Projekt hält sich meines Erachtens in Grenzen, obwohl Deine kurze Beschreibung Lust auf die Lektüre des Buches macht.

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