Buch
„Private Regierung“ von Elizabeth Anderson

In der Besprechung des Buches „Private Regierung“ der us-amerikanischen Philosophin Elizabeth Anderson beschreibt Johan Schloemann in der Süddeutschen zwei Situationen aus der Arbeitswelt.
Die eine spielt sich in einem Warenlager in Pennsylvania ab. Dort verwehrte es Amazon seinen Beschäftigten, im Kampf gegen große Hitze und schlechte Luft, Fenster oder Türen zu öffnen. Es bestünde die Gefahr, so die Vorgesetzten, dass Waren gestohlen würden. Stattdessen ließ das Unternehmen Rettungswagen vorfahren, um bei zu erwartenden Kreislaufzusammenbrüchen medizinische Versorgung zu ermöglichen.
Die zweite Situation sei, so die Anderson, in Geflügelfabriken anzutreffen, wo Beschäftigten aus hygienischen Gründen verwehrt werde, auf die Toilette zu gehen. Das wiederum führe dazu, dass manche Beschäftigte nur noch mit Windeln zur Arbeit erschienen.

Beide Situationen, die hierzulande aus arbeitsrechtlichen Gründen nicht so leicht anzutreffen sind, seien Beispiele aus einer Lebenswelt, in denen Erwerbstätige viel Zeit verbringen. Innerhalb demokratischer Gesellschaften und freier Märkte existieren also „Regierungsformen“, in denen Drangsalierung, Ausnutzung und Missachtung in einem höheren Maße Alltag seien als innerhalb der öffentlichen staatlichen Rechtsverhältnisse.
Firmen seien eben nicht nur im Wettbewerb miteinander stehende, individuelle Marktteilnehmer. Und Vertragsfreiheit charakterisiert die in den Unternehmen anzutreffenden Arbeitsverhältnisse – mit dem beidseitigen Recht auf Kündigung – nur unzureichend.
Im Außenverhältnis der Unternehmen mögen marktwirtschaftliche Bedingungen vorherrschen. Innen jedoch, so habe bereits Max Weber mehrmals festgestellt, treffe man auf ‚Autoritarismus und Bürokratie‘ und einem gegenüber dem Feudalismus und der dort anzutreffenden „unterwürfigen Abhängigkeit“ (Adam Smith) nur dürftig eingelösten Befreiungsversprechen. Was aber bedeutet es für die politische Theorie, fragt die Philosphin Anderson, wenn Unternehmen als „Diktaturen in unserer Mitte“ den Alltag vieler Lohnabhängiger bestimmen?

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Über Burkhard Heinz

Ich bin seit vielen Jahren geschäftsführender Gesellschafter des Medienbeobachtungsunternehmens mediatpress®. Die von mir verfassten Beiträge beschäftigen sich mit den Themen Medien, Kommunikation und Journalismus. Artikel, die auf dieser Website zu lesen sind und nicht von mir stammen, geben nicht immer auch meine Meinung wieder. Anders ist das auf meinem eigenen Blog.