Kick oder Kack
Pressearbeit: So macht es Hr. H.

Nebel

Herr H. ist der wichtigste Vertreter einer Unternehmerorganisation. Er hat viel Erfahrung, hat die Pensionsgrenze schon vor „einigen“ Jahren hinter sich gelassen und bemerkt in jüngster Zeit verstärkt, dass er kürzer treten muss. Dass er immernoch auftreten kann, hat er nun kürzlich wieder in einer großen Pressekampagne unter Beweis gestellt. Der in der Region wichtigsten Tageszeitung stellt er sich zu einem Interview, dessen wichtigste Inhalte auf der ersten Seite in Form eines mehrspaltigen Berichts wiedergegeben werden. Herr H. weiß wie Pressearbeit geht. Er hat die Erfahrung. Sein Bericht beginnt deshalb mit der Feststellung, dass alleine die von seiner Organisation vertretenen Unternehmen zwischen 2007 und 2016 41% der Jobs geschaffen haben.

 

Eine zweifellos beeindruckende Zahl. In der Kognitionspsychologie könnte man den Umstand, dass diese Zahl ganz vorne steht, als „Anker Bias“ oder „Ankereffekt“ bezeichnen. Bei Wikipedia heißt es erklärend dazu: „Der Anker liefert den Ausgangspunkt oder Startwert für einen bewussten Gedankengang, der zu einem rational begründeten Urteil führen soll.“ Das ist so ähnlich wie der Umstand, dass 60% der einer Internetsuche folgenden Klicks den ersten Treffer zum Ziel haben. 60% – nicht schlecht für den ersten Eintrag, schlecht nur für die ihm folgenden, die sich die restlichen 40% teilen müssen.

Nun gut, zurück zum Thema: 41% der Jobs in den 9 Jahren zwischen 2007 und 2016.

Interessant wird es aber erst, wenn man bedenkt, dass im gleichen Zeitraum die Gesamtzahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten – ich hoffe jetzt einfach mal, dass sozialversicherungspflichtig Beschäftigte und „Jobs“ dasselbe ist – um 16,6% stieg. Holzauge sei wachsam: die von Hrn. H. vertretenen Unternehmen haben dazu also nicht einmal die Hälfte beigesteuert, nicht 50%, sondern nur 41%, so dass in den von Hrn. H. vertretenen Unternehmen die Gesamtzahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten nicht um 10%, nicht um 9%, nicht einmal um 8% gestiegen ist, sondern um nicht einmal 7% und damit deutlich unterhalb des Gesamtwertes von 16,6%. Das hört sich, wenn ich denn richtig rechne, etwas anders an als von Hrn. H. gedacht. Hr. H. weiß das wohl. Weil aber Zahlen Zahlen sind, und große Zahlen mehr hermachen als kleine, behält Hr. H. die kleine Zahl für sich – die Gedanken sind frei – und nennt die deutlich größere. Der Einstieg in den mehrspaltigen Bericht ist gelungen. Aber geschrieben hat den Bericht noch nicht einmal Hr. H., sondern die Journalistin Fr. G.. Okay, auch gut. Auf jeden Fall ist es in dem Bericht gelungen, den Eindruck herzustellen, dass die von Hrn. H. vertretenen Unternehmen wichtig sind (hier soll nun auch nicht behauptet werden, dass diese Unternehmen unwichtig seien).

Hr. H. und Fr. G. setzen uns gewissermaßen eine Brille auf, mit der wir den besagten Bericht zu Ende lesen. Ein typischer Fall von „Framing“, das auch nötig ist, um die nachfolgenden Zahlen im Sinne der losgetretenen Pressearbeit zu interpretieren und vor allem den Schluss gutzuheißen.

Denn weiter heißt es, dass der „Umsatz der 99 größten [von Hrn. H. und seiner Organisation vertretenen Unternehmen] 70% des Bruttoinlandsprodukts entspricht“. Da gibt es also eine Gruppe von Firmen, die 70% des Bruttoinlandsproduktes generieren, aber einen Anteil von deutlich weniger als 50% an der Zunahme der Gesamtzahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten in den Jahren 2007 bis 2016 hat. Müßte dieser Anteile dann nicht auch bei 70% liegen also mehr als die Hälfte ausmachen?

Das kann doch nicht richtig gerechnet sein, denke ich bei mir. Hr. H. (und Fr. G.) denken das auch, denn er/sie fährt fort und meint schließlich, dass es aus den von ihm referierten Gründen nur natürlich sei, Zitat, „der kommenden [Untermehmer-]Generation zukunftsfähige Werte zu hinterlassen“ und auf weitere steuerliche Belastungen der von ihm und seiner Organisation vertretenen Unternehmen zu verzichten.

(Anmerkung des Autors: Der Zeitungsbericht, auf den hier Bezug genommen wird, erschien in der Stuttgarter Zeitung am 06.04.2019 auf Seite 1. Als Autorin firmierte Fr. Anne Guhlich. Sollten meine Berechnungen tatsächlich falsch sein, so bitte ich um einen Hinweis über das Kommentarformular. Vielen Dank!)

Burkhard Heinz
mediatpress®

Über Burkhard Heinz

Ich bin seit vielen Jahren geschäftsführender Gesellschafter des Medienbeobachtungsunternehmens mediatpress®. Die von mir verfassten Beiträge beschäftigen sich mit den Themen Medien, Kommunikation und Journalismus. Artikel, die auf dieser Website zu lesen sind und nicht von mir stammen, geben nicht immer auch meine Meinung wieder.

2 Gedanken zu „Kick oder Kack: Pressearbeit: So macht es Hr. H.

  1. Der Lerche schwirrt der Kopf ob all dieser Zahlen. Sie erhebt sich in die Luft, bekommt davon aber auch keinen besseren Überblick über die Materie. (Ein Link auf s
    den Artikel wäre eventuell hilfreich gewesen). Auch Statler und Walldorf auf ihrem Balkon sind verwirrt und enthalten sich gegen ihre Gewohnheit jeden Kommentars.

    1. Hier sind die Originalzitate:
      „Zwischen 2007 und 2016 stieg die Zahl der von den Familienunternehmen geschaffenen Jobs (demnach) um mehr als 41 Prozent.“
      „Die Gesamtzahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Südwesten stieg nur um 16,6 Prozent.“
      „Der Umsatz der 99 größten Familienunternehmen entspricht der Studie zufolge 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.“
      Für mich ist die Frage, ob in der Gesamtzahl der Zunahme sozialversicherungspflichtiger Beschäftigter nicht doch die Arbeitsverhältnisse enthalten sind, die Hr. H. für seine Unternehmen nennt. Andererseits ist natürlich der Anteil am Bruttosozialprodukt eine absolute Zahl, während ich das zu einer Zahl in Beziehnung setzte, die eine Entwicklung darstellt. Ich habe es aber hin- und hergedreht und bin zu dem Schluss gekommen, dass es tatsächlich so sein kann, wie ich es schildere. Aber, wie gesagt, es kann auch anders sein. Theoretisch. Bis jemand klar sagt, dass es falsch ist, denke ich, dass es richtig ist. Der Text hat auch mich „etwas“ Kopfzerbrechen gekostet.

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