Die zersplitterte Gesellschaft

Die gepaltene Gesellschaft

Früher war alles viel einfacher: Die Arbeiterklasse war geeint und hatte ihre parlamentarische Vertretung in der SPD. Der standen die bürgerlichen Parteien gegenüber. Heute ist die politische Landschaft deutlich unübersichtlicher geworden. Eine verhängnisvolle Idee des Politischen hat die Köpfe erobert, die der Identität. Der Schriftsteller und Publizist Christian Schüle sieht darin die Gefahr, dass die gemeinsame Sache verloren geht. Das führt zu einer weitgehend fragmentierten Gesellschaft, der immer mehr die Idee des Allgemeinen, der res publica, verloren geht.

Gruppenspezifischer Ansprüche an Staat und Gesellschaft werden zunehmend ausgeweitet. Eine Zersplitterung in Communitys und Lobbys ist die Folge. Diese erheben ihre jeweiligen Interessen zum Maß der Dinge. Sehen sich als Opfer struktureller Benachteiligung, sind gegebenenfalls beleidigt, gekränkt oder fühlen sich in ihrem Selbstwert verletzt. Christian Schüle schreibt dazu:

„Geschlechter-Präferenzen, religiöse Gefühle, nationale Abstammung und lebensweltliche Befindlichkeiten sind für sich genommen aller Ehren wert, und jede und jeder hat das unbedingte Recht, nach ihrer und seiner Fasson glücklich zu werden. Aber wenn jede soziale Gruppe ihre Bedürfnisse moralisch verabsolutiert, um – durch rhetorisches Framing – die höchst erregbare öffentliche Wahrnehmung auf sich zu lenken, führt das im Furor von Empörungs-Hysterie und Shitstorm-Schwachsinn zunehmend in eine unübersichtliche Kampfzone.“
Quelle: Deutschlandradio Kultur

Vor lauter aufwertungsbedürftigen Minderheiten lässt sich schließlich gar nicht mehr von der Mehrheit sprechen. Dabei geraten schnell schon mal „Minderheiten“ aus dem Blick, die bei genauerem Hinsehen keine Minderheit sind: Menschen mit Beeinträchtigung, Kranke und Alte. Ihnen fehlt die Lobby.

Identitätspolitik ist per se spalterisch und verstößt in einer ohnehin von Spaltungen aller Art zerklüfteten Gemeinschaft gegen das Grundprinzip einer liberalen Demokratie. Notwendige Diskurse und das gemeinsame Ringen um gemeinsame Ziele bleiben auf der Strecke.

Wenn die Ausdifferenzierung der Lebensentwürfe weiter voranschreitet, wird es permanent zu Konflikten zwischen widerstreitenden Wert- und Normvorstellungen kommen. Jede geschlossene Gerechtigkeitslücke für die eine Gruppe wird mindestens eine neue für andere Gruppen aufreißen.

In einer solchen diversen Gesellschaft wird man nicht umhin kommen, Kränkungen zu ertragen und zu lernen, mit Neid und Ressentiment leben. Das wird eine ganz neue Ethik der Toleranz erfordern, die lehrt, wie unterschiedliche Standpunkte akzeptiert werden können und Widersprüche auszuhalten sind.

Über Michael M.

Michael M. schreibt über ungewöhnliche akustische Musik und zu Ereignissen, die ihn besonders bewegen und andere AnStifter anregen könnten. Auf seinem eigenen Blog schreibt er vor allem über die kleinen literarischen Ereignisse in Stuttgart.