Kick oder Kack
Das globale Hähnchen?

Ich war neulich auf einem Seminar. Es ging darum, wie das wirtschaftliche Gefälle zwischen Industriestaaten und ehemaligen Kolonien ausgeglichen werden kann. Nicht, dass ich denke, dass es dieses postkoloniale Gefälle nicht gibt, ich bin aber weit davon entfernt zu wissen, wo welche Staaten von diesem Ungleichgewicht genau betroffen sind und was man zu dessen Beseitigung tun kann.

Als ein Beispiel wurde Ghana genannt. Ghana liegt an der afrikanischen Westküste und gehört geographisch in einen Bereich mit (ehemaligem) deutschem Kolonialeinfluss: Togo und Kamerun, jeweils „etwas“ weiter östlich an der Atlantikküste waren bis zum Ende des 1. Weltkrieges „überseeischer Besitz des Deutschen Reiches“. Nun gut, so wichtig ist das für die folgenden Zeilen nicht.

In Ghana nun lieben die Menschen Hähnchenfleisch, das vor allem von Züchtern in Brasilien, Europa und den USA hergestellt wird. Da die Menschen in diesen Regionen das Brustfleisch am liebsten kaufen, nehmen die Masttiere einerseits eine immer seltsamere, Brust überbetonende Körperform an, andererseits wird der eigene Markt für Hälse, Flügel, Beine und Schenkel immer uninteressanter, so dass die Hersteller der genannten Wirtschaftszonen sich entscheiden müssen, dieses Fleisch entweder wegzuschmeißen oder billig zu exportieren.
Der Export nach Ghana, der mittlerweile rund 300.000 t umfasst – aus Deutschland stammen schätzungsweise 10% -, hat nun folgende Konsequenzen: die Menge an importiertem Hähnchenfleisch ist so groß, dass der Preis so niedrig ist, dass inländische Produzenten ihre Ware nur noch sehr schwer verkaufen können. Gegenwärtig schätzt man, dass das Verhältnis zwischen Import und eigener Produktion in Ghana 9 zu 1 beträgt.

Die Lösung dieses Problems, das seinen Anfang im Dürrejahr 1983 nimmt, ist nun alles andere als einfach, denn es ist nicht nur der Preis, der für diese Situation ausschlaggebend ist. Viele Käufer und Käuferinnen sind der Ansicht, dass die inländischen Erzeuger weniger sorgfältig arbeiten und z.B. größere Schwierigkeit mit hygienischen Standards haben. Außerdem wird das importierte Fleisch als schmackhafer empfunden und ist wesentlich leichter zu kaufen.

„Das Importgeflügel ist zarter, es muss nicht lange gekocht oder gebraten werden. Und das heimische ist teurer, und wir sind da nicht sicher, wie es produziert wird, ob es da so hygienisch zugeht.“

Betriebswirtschaftlich scheint es für die teurern Inlandshähnchen mindestnes drei Gründe zu geben:

◦ die geringe Zahl der Tiere eines ghanaerischen Züchters
◦ die fehlende Optimierung industrieller Flesichproduktion
◦ ein fehlendes Vertriebsnetz

Hinzu kommt ein volkswirtschaftliches Problem. Es wurde versäumt die langjährige Erfahrung ghanaerischer Geflügelzüchter zu stützen und Formen zu finden, um teures Futtermittel aus dem Ausland – 60 bis 70% der Herstellungskosten fallen auf Futtermittel – durch inländischen Anbau zu ersetzen. Noch in den 1990er Jahren konnte Ghana rund 80 Prozent seines Geflügelbedarfs selbst decken.

In den nanachbarländern Ghanas – Kamerun, Nigeria und Senegal – hatte man eine vergleichbare Situation. Die Regierungen dort verboten die Billigimporte kurzerhand. Das führte aber dazu, dass Hühnchenfleisch erstens teurer wurde, dass zweitens die Nachfrage nicht mehr bedient werden konnte, ein Schwarzmarkt mit entsprechend hygienischer Problematik zu florieren begann und schließlich ein wichtiges, proteinhaltiges Lebensmittel nicht mehr verfügbar war.

Was aber tun, wenn Exportsubventionen in Europa mittlerweile abgeschafft sind? Es ist die effiziente und (staatlich) geförderte amerikansiche und europäische Massenproduktion, die das Geflügel der Industrieländer so günstig macht. Ist Massentierhaltung ethisch auch dann abzulehnen, wenn sie Menschen in Löndern mit weniger effizienten Produktionen zu ernähren hilft? Die oft kritisierten Handelsabkommen der EU mit afrikanischen Staaten, die sogenannten Economic Partnership Agreements (Epa), sind ebenfalls weniger bedeutend für die Erklärung der genannten Missstände, denn Agrarprodukte sind von den Epa explizit ausgenommen.
Verzicht hier, scheint Mangel dort perse nicht zu verhindern.

siehe auch
Flüchtlinge aus Westafrika: An den Hühnchen liegt es nicht
Das globale Huhn – Ghanas Bauern leiden unter Geflügel-Importen
Fett, ungesund, aber billig – Wie das importierte EU-Hühnerbein Ghana erobert

Burkhard Heinz
mediatpress