Kommentar zum Parteitag
Die alte Tante SPD

Anträge zum SPD-ParteitagHeute, in der Westfalenhalle, in meiner alten Heimat Dortmund: Stau vor der Halle, denn 6.000 Delegierte und Gäste wollen rein, dort rein, wo er schon ist: Martin Schulz.

Hier, in der Westfalenhalle, hatte die SPD schon das Programm des Urnengangs 1972 verabschiedet, jener „Willy-Wahl“, die heute noch bei älteren Genossen Tränen der Rührung hervorrufen und die Vorherrschaft der CDU beendete.

Drinnen sieht man, wie der Kanzlerkandidat Martin Schulz sich abrackert. Er beschwört die Einheit der Genossinnen und Genossen. Es redet sich in Wallung: „Mann, is‘ dat heiß hier“, spricht der Kandidat und zieht dabei sein Jackett aus. Martin Schulz spricht weiter von Gerechtigkeit und schwitzt und schwitzt und schwitzt. Bei der ältesten Partei Deutschlands herrscht eine Jetzt-erst-recht-Mentalität vor. Sie war schon oft am Boden und ist dann wieder aufgestanden, die „alte Tante SPD“, warum nicht auch diesmal.

Und dann springt ihm auch noch Altkanzler Schröder zur Seite. Ja, genau der. Der mit der Agenda 2010. Der unbedarfte Zuschauer fragt sich, ist das jetzt eine paradoxe Intervention? Unbeirrt geht die Wahlkampfshow weiter. Am Ende stehen wieder 100% für das Wahlprogramm, wie schon 100% für den Kandidaten gestimmt hatten. War da was? Wir erinnern uns: Die SED Spitze wurde manches Jahr mit 99,1% der Stimmen gewählt. Hat ihr aber letzten Endes nichts genutzt.

Schulz badet in 10 Minuten Applaus. Das genießt er aber Kühlung verschafft es ihm nicht. Es kommt einem so vor wie das Pfeifen im Walde…

Und der politische Gegner? Der, der pikanter Weise heute noch im gleichen Boot sitzt? Der wartet gaaanz ruhig ab. Wohl wissend, dass es im Wahlkampf nicht auf das Wahlprogramm ankommt. Sondern auf die Kampagne und wie sie gestrickt ist. Eindrücklich hat das der Spin-Doktor von Jörg Haider, Stefan Petzner, in der Sendung SWR2-Forum dargelegt (Nachhören kann manchmal nützlich sein).

Es werden wohl alle nach der Wahl auf Koalitionspartnersuche gehen müssen. Eine Veränderung der politischen Landschaft, wie wir sie beim französischen Nachbarn erlebt haben, ist in Old Germany undenkbar. Die Suche wird einfach, wenn alle sich zusammen finden, die die Ehe für alle für die Eintrittskarte in eine Koalition halten: SPD – FDP – Grüne. Die Linke hat das nicht als notwendige und hinreichende Bedingung für eine mögliche Koalition genannt und ist somit raus aus dem Kreis.

Das wäre der Hammer: alle finden sich mit einer Minimalforderung, die als Maximalforderung daherkommt im gleichen Boot. Na, dann rudert mal schön!