Georg Herwegh – Zum 200. Geburtstag

Foto: © Hermann Zoller
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Für ein freies, demokratisches, friedliches und sozial gerechtes Europa

Von Hermann Zoller

Die Feierstunde am 24. Mai 2017 im Stuttgarter Rathaus aus Anlass des 200. Geburtstags von Georg Herwegh, zu der die Stadt Stuttgart zusammen mit den Stuttgarter AnStiftern eingeladen hatte, wurde zu einer lehrreichen und lebendigen Veranstaltung. Dazu beigetragen haben die Rezitationen der Schauspielerin Barbara Stoll und dem Wortkünstler Timo Brunke. Sie trugen Gedichte von Herwegh so engagiert vor, dass sie mit Leben erfüllt und vom Publikum, das den Großen Sitzungssaal des Rathauses füllte, mit Begeisterung aufgenommen wurden. Nicht weniger Beifall erntete der Chor Avanti Comuna Kanti mit seinen Vorträgen bekannter Herwegh-Lieder.

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In einer launigen Ansprache zeichnete Fritz Kuhn den Lebensweg von Georg Herwegh nach, der zu recht als der bedeutendste Lyriker, den Stuttgart hervorgebracht hat, gesehen wird.
Leider hat Georg Herwegh keine Autobiografie geschrieben. Sie wäre bestimmt ein Füllhorn von Eindrücken und Informationen über seine Zeit gewesen. Er hat viele Geister seiner Zeit getroffen und sich mit ihnen ausgetauscht: zum Beispiel Heinrich Heine, Karl Marx, Ludwig Feuerbach, Victor Hugo, Michail Bakunin, Franz Liszt, Richard Wagner und viele mehr.

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Durch das politische und künstlerische Leben Herweghs führte Frank Ackermann. Über Nacht berühmt wurde Herwegh als sein Buch „Gedichte eines Lebendigen“ erschien. Innerhalb von drei Jahren wurden fast 16.000 Exemplare verkauft – in der damaligen Zeit eine Sensation. Geschrieben hat Herwegh diese Gedichte innerhalb von zwei Jahren in Kreuzlingen und Zürich, wohin er nach seiner Flucht aus Stuttgart geflohen war.

Die heute fast vergessene „eiserne Lerche“ (so Heinrich Heine) zog mit seinen Gedichten und Liedern eindeutig Position, die er auch sein Leben lang durchhielt:
Gern sing ich abends zu dem Reigen, / Vor Thronen spiel ich niemals auf; / Ich lernte Berge wohl ersteigen, / Paläste komm’ ich nicht hinauf…

So hatte es seine historische Logik, dass Ferdinand Lassalle Herwegh beauftragte für die Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins am 23. Mai 1864 ein „begeisterndes Gedicht“ zu schreiben. Es ist bis heute bekannt, aber die wenigsten wissen, dass es von Herwegh stammt. Der Text wurde übrigens vertont von Hans von Bülow, Schüler und Schwiegersohn von Liszt und Kapellmeister Richard Wagners.

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Bet und arbeit! ruft die Welt,
Bete kurz! denn Zeit ist Geld.
An die Türe pocht die Not –
Bete kurz! denn Zeit ist Brot.

Mann der Arbeit, aufgewacht!
Und erkenne Deine Macht!
Alle Räder stehen still,
Wenn Dein starker Arm es will.

Brecht das Doppeljoch entzwei!
Brecht die Not der Sklaverei!
Brecht die Sklaverei der Not!
Brot ist Freiheit, Freiheit Brot!

Dieses Lied zum Schluss der Veranstaltung vom Chor Avanti Comuna Kanti begeisternd vorgetragen, ließ erahnen, warum es bei seiner „Uraufführung“ Jubelstürme für den Dichter auslöste.

Frank Ackermann fasste Herweghs politische Ideen zusammen und zeigte damit auf, dass Georg Herweghs Ziele an Bedeutung und Aktualität nichts eingebüßt haben.

  • Beseitigung aller Fürstenherrschaft – was positiv bedeutet: die Forderung nach Demokratie.
  • Beseitigung aller Standesprivilegien und aller Standesbenachteiligungen – was positiv bedeutet: die Forderung nach gleichen Freiheitsrechten für alle (bzw. bürgerliche Gleichstellung).
  • Beseitigung der sozialen Ungerechtigkeit – was positiv bedeutet: die Forderung nach einem „Sozialstaat“, worin die Forderung nach Beschränkung des Kapitalismus eingeschlossen ist.
  • Ablehnung eines jeden Nationalismus – das heißt ein Plädoyer für Völkerverständigung.
  • Ablehnung aller Kriege, die im Interesse von Fürsten und Kapital geführt werden – das heißt ein Plädoyer für eine europäische Friedensordnung.
    Positiv formuliert war Herweghs Ziel und Ideal: ein freies, demokratisches, friedliches und sozial gerechtes Europa.

Peter Grohmann zitiert in seinem Vorwort zu Frank Ackermanns Buch über Herwegh einen Ausruf von Rousseau aus dem Jahr 1773: „Es gibt heute keine Franzosen mehr, keine Deutschen, keine Spanier, nicht einmal Engländer, man sage mir, was man wolle: Es gibt nur noch Europäer.“ – Wo stehen wir heute?

Wer sich mehr mit Georg Herwegh beschäftigen möchte, dem sei dieses im Peter-Grohmann-Verlag erschienene Buch empfohlen:

Georg Herwegh – zum 200. Geburtstag
Ausgewählt und eingeleitet von Frank Ackermann
96 Seiten, PB, 7,90 EU
verlag@die.anstifter.de
ISBN 978.3944137-54-4