Gastbeitrag
Das Beste kommt noch

Derzeit  schielt man landauf, landab auf Trump, wie der Hase auf die Schlange. Protektionismus, also Bevorzugung der eigenen Nation statt Austausch und Vernetzung in einem globalisierten und ausgeglichenen Handel und Wandel, das ruft Entsetzen hervor. Wo soll das enden, fragt man sich. – Nur liegt das Problem nicht im Verhalten des Herrn Trump- und ist auch nicht neu. An seiner Umgebung wird nur deutlich, dass es da ein Problem gibt. Die nationalistische Drift in Europa hat ihre Gründe nicht bei Trump und es gibt doch Parallelen. Offenbar geht es verschiedenen Kräften um Erhalt oder Erlangung von Kontrolle oder Herstellung von verlorener Ordnung. Was liegt dieser Auffassung zugrunde? Und welcher Geist ist aus der Flasche – und offenbar schwer wieder einzufangen?

Eines ist offenbar ein Problem mit den Regeln des Ausgleichs und der Teilhabe in einer global vernetzten Welt. Man könnte auch sagen, es krankt das Verhältnis von Wirtschaft und Staat. Die Schutzfunktion von Rechtsnormen hat sich verändert, anders gesagt, das Zusammenspiel verschiedener Rechtsordnungen mit den Playern im wirtschaftlichen Kontext ist ungesund. Weltkonzerne und Banken spielen die Rechtssysteme gegeneinander aus mittels der Hochgeschwindigkeit und Komplexität der weltweiten Vernetzung, – vor allem bedingt durch Technologie und Finanzindustrie. Dies ist ein relativ neues Phänomen. Die sozialen Auswirkungen sind enorm.

Über die Frage nach den angemessenen Regeln denkt zunächst jede Nation gemäß den eigenen Interessen gesondert nach. Das bringt Schieflagen in die Beziehungen und führt in Zeiten der globalen Vernetzung an Grenzen der Belastbarkeit. Die Menschen verstehen die Ausrichtung, die Regeln, die unvorhersehbaren Einflüsse, die Überhitzung nicht mehr – und reagieren nun selbst nicht mehr vorhersehbar.

Die Politik steht vor einer völlig neuen Dimension von Fragen und Aufgaben (taz): Wie verbindet man den technologischen Fortschritt mit den sozialen und ökologischen Notwendigkeiten. Andersherum: Wie schafft man es, dass Wirtschaft möglichst vielen Menschen dient, statt dass möglichst viele Menschen der Wirtschaft dienen?

Die derzeitigen Irritationen sind mehr als verständlich. Gehen doch die Menschen nicht zuletzt durch die unaufhörlich sich vermehrenden technischen Möglichkeiten den Weg der weltweiten Vernetzung. Nur schafft zugleich, was der Mehrung von Freiheit zu dienen scheint, Abhängigkeiten von nie zuvor gekanntem Ausmaß.

Wesentliche Faktoren von Vernetzung sind Verfügbarkeit, Zugang und Teilhabe. – Zugang zu Technik, klar, aber vor alle dem Zugang zu existentiellen Lebensgrundlagen, wie Wasser, Nahrung, Kleidung, Bildung, Arbeit, Mobilität. – Teilhabe-Chancen am sozialen und kulturellen Leben, an Austausch, usw.

Normalerweise trennen wir hier bereits die Themenfelder – und sagen: Das eine hat mit dem Anderen nichts zu tun. Dieses trennen-wollen wird gerade massiv zum Problem. Es besteht heute die schwierige Aufgabe, Zusammenhänge zu erkennen, bzw. aus der spezifischen, fragmentierenden Beobachtung, die Wahrnehmung steigernd zu einer vorbehaltlosen, tieferen Erfahrung von Lebendigem vorzudringen.

Scheinbar nebenbei findet derzeit eine umwälzende technologische Entwicklung statt, deren Auswirkungen auf die Natur und die sozialen, kulturellen und geistigen Verhältnisse umwälzend sind.

Egal ob Licht- oder Schattenseiten, es spielt die Vernetzung eine unverzichtbare Rolle, auf allen Ebenen, siehe z.B. Pariser Klimaabkommen.

Durch die Digitalisierung, die wir mit dem Schlagwort Industrie 4.0 (bmfb.de) beschreiben, steht nun eine Umwälzung an, die verglichen wird, mit den Auswirkungen der Industriellen Revolution zu Beginn des 20. Jh.

Nur ein Beispiel: Derzeit ist Arbeit durch die Besteuerung von Einkommen teuer. Kein Arbeitgeber möchte also viel Arbeit nehmen. Zugleich wird durch Technologie menschliche Arbeitsleistung in viel größerem Maße ersetzt, als es neue Arbeitsmöglichkeiten schafft. Alles Andere wäre unlogisch.

Technologie mindert also, wenn man das im Zusammenhang mit traditionell abhängigen Arbeitsverhältnissen denkt, für immer mehr Menschen die Chance auf Teilhabe, (sozialen) Zugang und (materielle) Verfügbarkeit. Andere Formen der sinnhaften Arbeit, solche mit größeren Freiheitsgraden, werden gefunden werden müssen, mit neuen Formen des Wert-Ausgleichs.

Wir werden deshalb auch andere Wege brauchen, die staatlichen Mittel durch Abgaben zu erhalten. Transaktionen, Verbrauch und Maschinen sind höher zu besteuern, Einkommen weniger. Auch das bedingungslose Grundeinkommen wird mit Sicherheit kommen.

Leider, so mein Eindruck, stehen wir politisch zu sehr an einem Ende, zu wenig an einem Anfang. Genau das tut Not: Mehr Mut zum Anfang! Mehr Aufbruch!
Wie sagte Joseph Beuys: „Das Beste kommt noch“.

Kai Hansen

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